Am Ende verlieren alle

Nach Auktion von  Pferden: Streit um Eigentumsurkunden

Landkreis Diepholz - Von Marc Lentvogt. In einer Notsituation entnahm das Veterinäramt des Landkreises im vergangenen September 39 teils abgemagerte Pferde von einem Hof aus dem Raum Bruchhausen-Vilsen (wir berichteten). Eine vorübergehende Unterkunft fanden die Tiere unter anderem im Tierpark Ströhen, wo 22 Tiere im Dezember versteigert wurden. Heute leben sie wohlgenährt und -betreut in Ströhen, bei Göttingen oder in Nordrhein-Westfalen. Ende gut, alles gut? Nein, es bahnt sich ein Rechtsstreit an.

Der Streitpunkt

Die Eigentumsurkunden von bis zu 22 Tieren sind aktuell nicht im Besitz ihrer Eigentümer. Der Grund dafür: Die früheren Besitzer der versteigerten Pferde konnten ihre Anwältin Gabriele Renken-Roehrs nicht bezahlen. „Die Urkunden wurden mir als Sicherheit meiner Gebührenansprüche gegeben“, erklärt sie. Dies ist mittels eines Gerichtsurteils geschehen. Die Ansprüche belaufen sich auf 10 000 Euro, die seitens der Mandanten noch nicht beglichen sind.

Die Urkunden würde sie natürlich an die neuen Eigentümer übergeben, sie müsse sich dafür jedoch der Identität der Besitzer sicher sein. „Ich werde regresspflichtig, wenn ich sie an jemanden falsches herausgebe“, sagt sie.

Zur Deckung der ihr entstehenden Kosten verlangt sie 200 Euro pro Urkunde. Ursprünglich hätte die Anwältin die Urkunden nach der Auktion abgeben wollen. Dass dies nicht funktioniert hat, sei ihr zufolge die Schuld des Landkreises Diepholz.

Mündliche Absprachen

Ein Mitarbeiter des Veterinäramts habe ihr mündlich zugesagt, dass sie zur Deckung ihrer Kosten ein Drittel der Auktionserlöse erhalten würde. „Man hat sich aufeinander verlassen“, beginnt sie, „aber der Landkreis hat mich unterschlagen“.

Dem entgegnet Thorsten Abeling, stellvertretender Fachdienstleiter für Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landkreis Diepholz: „Eine solche Absprache gab es nicht.“ Ohnehin, führt er weiter aus, müssten eventuelle Überschüsse nach Abzug der Kosten für das Veterinäramt an die früheren Besitzer ausgezahlt werden. Überschüsse habe es jedoch nicht gegeben, die Auktion war nicht kostendeckend.

Problemfall Urkunde

Das Veterinäramt des Landkreises Diepholz verfolgte mit der Versteigerung aber auch nicht das Ziel, Kosten zu decken: Es habe sicherstellen wollen, dass die Pferde in ein Umfeld kommen, in dem sie gut umsorgt werden. Für die Eigentumsübertragung sind nur der Equidenpass und der Kaufvertrag notwendig.

„Die Eigentumsurkunde hat keinen über eine reguläre Urkunde hinausgehenden Stellenwert erlangt“, kommentiert Constanze Winter, Justitiarin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. „Aus diesem Grund wurde nicht versucht, die Urkunden zu beschaffen, da dies mit einem hohem Aufwand verbunden und zur ordnungsgemäßen Durchführung der Auktion nicht notwendig gewesen wäre“, erklärt Abeling.

Eine Lösung für die Urkunden wurde dennoch vorbereitet: Der Landkreis sprach mit den Verbänden. Diese hätten laut Abeling mitgeteilt, dass eine Zweitschrift für 73 Euro erhältlich ist. Darüber informierte Auktionator Volker Raulf vor Auktionsbeginn. „Ich bedauere, dass es bei einer Käuferin/einem Käufer Probleme gibt“, so Abeling.

Verärgerte Käufer

Erst Wochen nach der Auktion offenbarte sich den Käufern, dass der Erhalt der Eigentumsurkunden nicht reibungslos verlaufen würde. Richtig ist, dass eine Zweitschrift ausgestellt werden kann, allerdings nur in Fällen, in denen das Original abhanden gekommen ist.

Im Fall der versteigerten Pferde sind aber viele Urkunden existent, sie liegen bei Gabriele Renken-Roehrs, die die Verbände darüber informiert hat. Eine Zweitschrift ist damit unmöglich auszustellen. Der Landkreis habe zum Zeitpunkt der Auktion keine Informationen darüber gehabt, wieviele Eigentumsurkunden bei Renken-Roehrs vorliegen. Er konnte keine näheren Auskünfte geben.

Vorwürfe

Für viele Käufer ist der Schuldige an der Misere schnell ausgemacht: das Veterinäramt. Corinna Engelke habe von einem Veterinäramts-Mitarbeiter versprochen bekommen, dass die Urkunden innerhalb weniger Wochen vorliegen würden. Das habe sich bis heute nicht erfüllt. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das Tier nicht gekauft“, erklärt sie. Bei der Anmeldung zu Zuchtschauen bestehen nämlich sehr wohl Probleme – einzelne Verbände verlangen nach der Eigentumsurkunde. Gänzlich irrelevant ist sie in der deutschen Pferdeszene mitnichten. „Wenn ich die Pferde da raushole, muss ich auch Urkunden haben. Das ist schon dubios“, sagt Karin Kalde, ebenfalls Käuferin eines Tieres.

Klage eingereicht

Als „dubios“ bezeichnet Iris Müller-Klein aber viel eher das Verhalten von Gabriele Renken-Roehrs. Müller-Klein ist Anwältin einer Züchterin, die auf der Versteigerung ein Tier erworben hat. Sie hat Klage gegen Renken-Roehrs eingereicht. Die geforderten 200 Euro an erklärtem Aufwand könne sie nur gegenüber Vertragspartnern fordern. Die neuen Eigentümer der Tiere seien aber kein Vertragsverhältnis mit Renken-Roehrs eingegangen, argumentiert Müller-Klein. „Der Landkreis hat alles richtig gemacht, bei der Anwältin muss man da von persönlichem Pech sprechen.“ Was nicht sein könne, sei, dass nun unbeteiligte Dritte darunter zu leiden haben.

Renken-Roehrs betont darauf jedoch, dass sie kein Interesse daran habe, die Urkunden zurückzuhalten. Wenn Käufer ihr Angebot nicht annehmen wollten, sei sie bereit, die Urkunde zur Prüfung an das zuständige Pferdestammbuch zu übersenden: „Dieses wird sich den Aufwand aber ebenfalls entschädigen lassen“, erklärt sie und zeigt sich verwundert, dass jemand klagen möchte, obwohl ein einfaches Gespräch Klärung bringen könnte.

Ausblick

Das Verfahren scheint nicht mehr abzuwenden zu sein. Was bleibt vor der Entscheidung? Viele E-Mails, viele Telefonate, viele Beschuldigungen, viel Ärger.

Ein Trauerspiel, wie es der Auktionator Volker Raulf am treffensten zusammenfasst: „Eigentlich wollten alle Beteiligten doch die Tiere schützen.“

Pferdehof in Martfeld geräumt

40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
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40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
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40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
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40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
40 Pferde und sieben Hunde wurden in Schutz genommen. © Oliver Siedenberg
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