Allahu Akbar

Islamische Gemeinden wünschen sich öffentlichen Muezzin im Landkreis

Die Syker Osmanli Moschee.
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Die Osmanli Moschee in Syke liegt zwischen der Bahnstrecke und einem Wohngebiet.

Die Stadt Köln erlaubt Moschee-Gemeinden in einem zweijährigen Modellprojekt den öffentlichen Gebetsruf. Ist das auch eine Option für den Landkreis? Welche Ansicht vertreten die islamischen Gemeinden in Syke, Stuhr, Sulingen und Diepholz?

Landkreis – In Köln ist ein zweijähriges Pilotprojekt am 15. Oktober gestartet: die Erlaubnis zum öffentlichen muslimischen Gebetsruf (Adhan). Der traditionelle Ruf darf dort an allen 35 Moschee-Gemeinden in der Stadt freitags zwischen 12 und 15 Uhr für fünf Minuten über Lautsprecher hörbar sein. Ein Vorbild für den Landkreis Diepholz?

Die Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) jedenfalls begrüßt das Modellprojekt der Stadt Köln zum „Öffentlicher Gebetsruf“ ausdrücklich, so Sprecherin Ayse Aydin, und weiter: „Dies ist Ausdruck der Beheimatung der Muslime, die bereits seit Generationen als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft leben.“

In anderen Städten sei der öffentliche Gebetsruf zum Freitagsgebet längst erlaubt. „Die Entscheidung der Stadt Köln ist insofern nicht bundesweit einmalig, sondern reiht sich in diese Kette der gegenseitigen Toleranz und Akzeptanz ein“, sagt Aydin. Dass Moschee-Gemeinden ihr Recht auf Religionsfreiheit im Sinne einer Konfliktminimierung bisher zugunsten der öffentlichen Wahrnehmung nicht eingefordert haben, war laut Aydin den Rahmenbedingungen in Deutschland geschuldet. „Doch Zeiten ändern sich. Der politische und gesellschaftliche Zeitgeist unterliegt immer einem Wandel und ist Ausdruck von Entwicklungen und Realitäten.“

So habe zunächst die 2008 von der Stadt Köln zum Moscheebau geforderte Vereinbarung zum Verzicht auf den öffentlichen Gebetsruf von einem Zeitgeist gezeugt, „der immer wieder und aktuell neu verhandelt wird“, so Aydin. Wie die Umsetzung in der Kölner Zentralmoschee nun erfolgen kann, werde intern von der Ditib noch beraten und dann mit der Stadt besprochen, sagt Aydin. Eine Antragstellung der Moschee-Gemeinde für den öffentlichen Gebetsruf gibt es daher bislang nicht.

Kritik kommt derweil von den renommierten Islam-Experten Ahmad Mansour und Necla Kelek. Die beiden liberalen Muslime lehnen den öffentlichen Gebetsruf kategorisch ab. Sie geben zu bedenken, dass Verfechter des radikalen Islams jeden weiteren Schritt in Richtung mehr Sichtbarkeit im öffentlichen Raum als Etappensieg feierten. Außerdem führten Muezzin-Rufe außerhalb der historischen Grenzen des Islams und in Deutschland laut Mansour nicht zu mehr Toleranz, sondern im Gegenteil zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft.

Was sind die Ansichten der Moschee-Gemeinden im Landkreis Diepholz über die Einführung des öffentlichen Gebetsrufs? Eine Übersicht:

• Osmanli Moschee Syke

Der erste Vorsitzende der Ditib in Syke, Atilla Ötztürk, wünscht sich den öffentlichen Gebetsruf auch in seiner Gemeinde, der Osmanli Moschee Syke, und das bereits im kommenden Jahr. „Wir wollen dann ein Gespräch mit der Bürgermeisterin und Politikern organisieren“, so sein Anliegen. Dabei solle der Muezzin nicht zu laut werden. In Deutschland müsse man auf seine Nachbarn Rücksicht nehmen, relativiert Ötztürk. Es reiche, wenn der Ruf zum Gebet nur im Garten der Moschee oder etwa „100 Meter“ weit zu vernehmen ist. Definitiv solle es nicht so werden wie in der Türkei oder in großen muslimischen Städten, wo der Gebetsruf bis zu fünf Kilometer weit hörbar sei. Außerdem sei es nicht nötig, dass der Muezzin an jedem Tag ruft. „Lieber einmal und dann am Freitag“, skizziert der Vorsitzende sein Anliegen. Der Freitag ist für Muslime der religiöse Mittelpunkt in der Woche, so wie es für Christen der Sonntag und für Juden der Samstag ist.

Sykes Bürgermeisterin Laue betont auf Nachfrage das Recht auf Religionsfreiheit, „das selbstverständlich auch für Angehörige des muslimischen Glaubens gilt“. In Syke lebe eine Vielzahl von Bürgern, die dieser Religion angehören. Zum Pilotprojekt in Köln sagt Laue: „Ich möchte die dort gemachten Erfahrungen abwarten, auch wenn in einigen anderen Großstädten der Muezzin-Ruf selbstverständlich ist.“ So würde das Kölner Experiment sicherlich auch für das viel kleinere Syke wertvoll sein, schätzt Laue. „Mir ist wichtig, dass wir der muslimischen Gemeinde mit Respekt begegnen und wir uns alle als eine tolerante und offene Bürgerschaft verstehen.“ Einem Gespräch mit dem Vorsitzenden Ötztürk steht sie offen gegenüber.

• Al-Taubah Moschee Diepholz

„Eigentlich“, sagt Schriftführer Walid Chebli, wünsche man sich den Gebetsruf auch in der Al-Taubah Moschee in Diepholz, doch auf der anderen Seite sei das dort nicht nötig, meint er. Die muslimische Gemeinde in der Stadt sei klein und der Gebetsruf brächte aktuell mehr Nach- als Vorteile. Die Bedeutung des Muezzins sei hingegen sehr wichtig, so Chebli.

„Er ist wie ein Wecker“, vergleicht er. Die Gläubigen sollen durch ihn genau wissen, wann die fünf täglichen Gebetszeiten sind. Diese ändern sich stetig ein bisschen und hängen mit dem Stand der Sonne zusammen. So sei das Mittagsgebet dann, wenn die Sonne ihren höchsten Stand ein kleines bisschen Richtung Westen verlassen habe.

• Diyanet Yeni Camii Sulingen (Neue Moschee von Yeni)

„Wenn wir das dürfen, dann ja“, sagt Necdet Sen über den öffentlichen Gebetsruf. Er ist Dolmetscher und ehemaliger Vorsitzender der Diyanet Yeni Moschee in Sulingen. Doch müsse die Glaubensgemeinde erst die umliegenden Nachbarn ins Boot holen, sagt er. Man wolle niemanden vor den Kopf stoßen. Vor Jahren mobilisierten sich Sulinger gegen einen neuen Gebäudekauf der Moschee, der daraufhin abgesagt wurde. Die Ergebnisse aus Köln wollen sie laut Sen zunächst in Ruhe abwarten.

• Nasir Moschee Stuhr

Der öffentliche islamische Gebetsruf hat auch für die Ahmadiyya Gemeinde in Stuhr große Bedeutung, unterstreicht der Imam der Nasir Moschee, Syed Salman Shah. Bisher ruft der Muezzin dort nur nicht öffentlich. „Wir würden Adhan gerne praktizieren, sofern wir dürfen“, so Shah. Doch wichtiger im Islam als der Herbeiruf zum Gebet seien die Einhaltungen der Rechte und Pflichten einem Nachbar gegenüber. „Insbesondere wenn dieser ein Nichtmuslim ist“, betont der Imam. Dort, wo unmittelbare Nachbarn Nichtmuslime sind, könne der Gebetsruf als Provokation betrachtet werden. Für die Gültigkeit eines Gebets ist er laut Shah keine Bedingung.

Islamischer Gebetsruf (Arabisch - Deutsch)

Allahu Akbar

(Allah ist der Allergrößte)

- - -

Ash-hadu alla ilaha illallah

(Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt)

- - -

Ash-hadu anna Muhammadan rasulullah

(Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist)

- - -

Ash-hadu anna Aliya wali-ul-lah

(Ich bezeuge, dass Ali der Statthalter Allahs ist)

nur Schiiten

- - -

Hayya ‘alas-salat

(Eilet zum Gebet)

- - -

Hayya ‘alal-falah

(Eilet zum Erfolg)

- - -

Assalatu khayru min an-naum

(Beten ist besser als Schlafen)

nur Frühgebet, nur Schiiten

- - -

Hayya al Khair al amal
(Eilet zur besten Handlung)

nur Sunniten

- - -

Allahu Akbar
(Allah ist der Allergrößte)

- - -

La ilaha illallah
(Es gibt keinen Gott außer Allah)

- - -

Der Gebetsruf soll Muslime an die fünf täglichen Pflichtgebete erinnern. Die Passagen werden in unterschiedlichen Wiederholungen in arabischer Sprache vom Turm einer Moschee (Minarett) von einem Muezzin über Lautsprecher gerufen. Sunniten und Schiiten verwenden teils verschiedene Passagen. Ebenfalls unterscheiden sich die Gebetszeiten der Glaubensgruppen.

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