Gegen Vorurteile, Schubladen und billige Ansichten

„Monsieur Claude und seine Töchter“ begeistert 510 Besucher im Diepholzer Theater

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Begeisternde, hintergründige Komödie im fast ausverkauften Diepholzer Theater: Monsieur Claude bekommt Schwiegersöhne aus vier unterschiedlichen Kulturen. Fremdenfeindlichkeit auf allen Seiten bietet in diesem Fall viel Anlass zum Lachen.

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. „Monsieur Claude und seine Töchter“ von Philippe de Chauveron und Guy Laurent war der Kinohit 2014. Die Theateradaption von Stefan Zimmermann spielte am Dienstagabend im Diepholzer Theater. Zimmermann sprang für den grippekranken Hauptdarsteller Ralf Novak ein und packte die etwa 510 Besucher spontan.

Schauspieler Alexander Mattheis trat vor dem Stück vor den roten Vorhang: „Monsieur Claude spielt für Sie heute unser Regisseur Stefan Zimmermann. Er kam extra aus München, ist schon viermal eingesprungen und kommt recht gut durch.“

Das war leicht untertrieben, wie sich im Verlauf des brillanten Lehrstückes über Fremdenhass, Vorurteile und Konventionen herausstellte, Für Diepholz war Zimmermann die optimale Besetzung.

Welch hochkarätiger Schauspieler, Regisseur und Theatergründer dort auf den Brettern als Krankheitsvertretung stand, zeigt ein Blick in den Lebenslauf: Assistenz bei Ingmar Bergman, Regie der dramatischen Werke von Loriot alias Vicco von Bülow, als Autor bearbeitete er den Roman „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Seine aktuellen Inszenierungen des a.gon Theaters tragen Namen wie „Der kleine Lord“, „Nathan der Weise“, „Deutschstunde“ und „Krabat“.

Tragische Konflikte des Alltags

Mit dem Stück „Monsieur Claude und seine Töchter“, dessen deutsche Titelübersetzung viel zu brav daherkommt, gelingt es Zimmermann, die tragischen Konflikte unseres Alltags blank zu zeigen – hier die Inhalte der Schubladen in unseren Köpfen bezüglich anderer Kulturen, Menschen, Aussehen und Charakterzuweisungen. So blank, dass das Publikum nur lachen kann, manchmal ein beschämtes Lachen, mal ein überhebliches Lachen. Auf jeden Fall ein Übersprunglachen, das hilft, die eigenen Vorurteils-Schubladen fremden Menschen gegenüber einmal ordentlich durchzumischen.

Der Originaltitel „Qu´est qu´on a fait au bon dieu?“ heißt in der wörtlichen Übersetzung „Was haben wir dem lieben Gott getan?“ oder umgangssprachlich „Was haben wir bloß verbrochen?“.

In der Opferrolle ist das Ehepaar Claude und Marie Verneuil, das bereits drei seiner Töchter an die französische Einwanderungsgesellschaft verheiratet hat: „Womit haben wir das verdient?“

Mit Stereotypen gefüllte Schubladen

Das Stück wandelt sich von der erzkatholischen Notarfamilie aus der Provinz, einer Geschichte über unreflektierten Rassismus, hin zum Happy-End durch bloßen Kontakt und Wahrnehmung der Andersartigkeit voller Respekt und erkannter Parallelen. Alles komprimiert im geschützten Raum des Theaters, der den Zuschauern erlaubt, kritisch sich und seine Umwelt zu reflektieren.

Bildlich gesehen waren die mit Stereotypen gefüllten Schubladen einen Spalt offengeblieben, um ergänzende Informationen für ein wesentlich komplexeres Bild hineinzutun.

Ein wenig drängt sich das Sprichwort auf: „Jeder bekommt, was ihm zusteht auf“, wenn Monsieur Claude drei Schwiegersöhne unterschiedlicher Kulturkreise, Religionen und Aussehen erhält.

Von Israel bis China

Praktisch ist die gesamte Welt von „East meet West“ auf der Bühne zu Gast. Im Stück werden alle Register der Beschreibung der Unterschiedlichkeit bedient: Im schnellen Szenenwechsel mit einer schlauen Bühnenbildidee von Professor Thomas Pekny, aus der Mischung von Bildleinwand, Stapelmöbeln, Musik und Licht:

Alles zusammen assoziiert den gewünschten Ort. Ob in Israel bei Abraham zur Beschneidung des Enkels, in Chinas Luxusappartement von Chao Ling oder im Stammhaus der vier Töchter im französischen Chinon. Die Fremdenfeindlichkeit ist aber durchaus nicht nur einseitig: „Du hättest mich vorwarnen sollen, dass Deine Eltern weiß sind“, sagt ausgerechnet der vierte Schwiegersohn Charles, er erfüllt mit dem katholischen Glauben zwar die Erwartungen von Monsieur Claude und seiner Frau, ist aber schwarz.

Oder die vielen Anspielungen der Schwiegersöhne untereinander: Stichelnd von Muslim Abderazak zum Juden Abraham oder dem geschäftstüchtigen Chinesen gegenüber dem schwarzen Charles.

Angeln, Wein trinken, Lachen und neues ausprobieren

„Wir sind alle ein bisschen rassistisch“, sagt der arabische Schwiegersohn in einer Szene. Aber wie viel Franzose in ihnen steckt, zeigt die Szene, wenn sie voller Inbrunst mit Hand auf dem Herzen die „Marseillaise“ schmettern.

Das Bild verkehrt André Koffi, Vater von Charles, der gegen die Hochzeit seines Sohnes mit einer Weißen ist.

Es bleiben die einfachen Dinge des Lebens, die sich über jeder Ideologie erheben: Gemeinsam Angeln, Wein trinken, Lachen und neues ausprobieren. Mit stehendem Publikum, Tanz in allen Variationen und viel Lachen endet das hervorragende Stück.

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