Kleidung und mehr

Statt Rente und Nichtstun: Anneliese Reis eröffnet mit 83 Jahren ein neues Geschäft

Mit 83 Jahren ein Geschäft eröffnet: Anneliese Reis bietet in der Diepholzer Innenstadt in ihrer „Galerie“ am Rathausmarkt Gehäkeltes und mehr an.
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Mit 83 Jahren ein Geschäft eröffnet: Anneliese Reis bietet in der Diepholzer Innenstadt in ihrer „Galerie“ am Rathausmarkt Gehäkeltes und mehr an.

Diepholz – Anneliese Reis war langweilig. Ihr ganzes Leben lang hatte sie gearbeitet – in unterschiedlichen Berufen und auch im Ausland. Nach dem Rentenbeginn hatte sie sich noch eine Tätigkeit gesucht, hatte Menschen geholfen, die teils jünger als sie waren, aber im Alltag nicht mehr allein zurechtkamen. Jetzt saß die Seniorin in ihrer Wohnung in Diepholz und erkannte, dass der Ruhestand mit Nichtstun nichts für sie ist. So eröffnete Anneliese Ries im Alter von 83 Jahren noch ein Geschäft in Diepholz.

Am Rathausmarkt 6 in der Innenstadt verkauft sie Kleidung, die sie selbst gehäkelt oder gestrickt hat, und verschiedene Dekorations-Gegenstände. „Nichts für jedermann“, weiß Anneliese Reis. Doch inzwischen steigen Kundeninteresse und Umsatz. Gewinn ist ihr dabei nicht so wichtig: „Ich möchte die Kosten gedeckt haben.“ Ihr Geschäft hat die 83-Jährige „Die Galerie“ genannt. Der Anfang war etwas holprig.

Eigentlich hatte Anneliese Reis erst im Herbst einen Laden eröffnen wollen. Bis dahin wollte sie genug Ware selbst in Handarbeit fertig haben. Doch dann las sie von dem leer stehenden Ladenlokal in für sie idealer Lage. Die 83-Jährige wurde sich mit dem Vermieter schnell einig, der ihr mit seinen Mietforderungen angesichts des Leerstandes entgegenkam. Eine Woche hatte Anneliese Reis im März gerade geöffnet, dann kam der coronabedingte Lockdown.

Geschäft in Diepholz kommt nur schwer in Gang

Nach der Lockerung der Einzelhandelsbeschränkungen kam das ungewöhnliche Geschäft nur schwer in Gang. „56 Euro Umsatz in drei Monaten“ war ihre erste Zwischenbilanz. Ihr Vermieter half, Anneliese Reis machte weiter. Jetzt laufen die Geschäfte schon deutlich besser, die Inhaberin berichtet von einer dreistelligen Umsatz-Summe in acht Tagen.

Kleidung und Decken habe sie wegen der vorzeitigen Geschäftseröffnung im Frühjahr in vielen Arbeitsstunden zu Hause produziert: „Von 6 Uhr morgens bis 23.30 Uhr abends“, berichtet sie. Sie wollte nur von ihr selbst mit viel Liebe hergestellte Häkel- und Strickwaren verkaufen. Inzwischen hat sie aber noch Unterstützung durch eine Kapitänswitwe aus Bremen gefunden, die ebenfalls gern handarbeitet.

Anneliese Reis hat Schreckliches und Schönes erlebt

In der Coronakrise aufgeben war für Anneliese Reis keine Option: „Mein Lebensmotto ist: ,Das muss gehen!’“, sagt die 83-Jährige. In ihrem Leben musste schon vieles „gehen“. Schreckliches und Schönes hat Anneliese Reis erlebt.

Sie stammt aus Niederschlesien, lebte als Kind zeitweise in der Ukraine, bekam unter anderem Erschießungen durch die SS mit und wie ein jüdisches Kind vor ihren Augen erschlagen wurde. Fünf ihrer sechs Brüder fielen im Krieg. 1946 wurde die Familie aus ihrer Heimat vertrieben, kam zunächst nach Gronau in Westfalen. Dort machte Anneliese Reis Abitur, lernte in Münster den Koch-Beruf und erlangte den Meisterbrief. Eine ihrer ersten Arbeitstellen war beim bekannten Feinkost-Gastronomieunternehmen Käfer in München. Als Chefköchin arbeitete sie später in Birmingham (Großbritannien) sowie in Brüssel und Antwerpen in Belgien. „Ich habe in 48 Jahren 62 Lehrlinge ausgebildet“, blickt die Mutter einer Tochter zurück.

Zoofachgeschäft in Friesoythe geführt

In den 1970er Jahren wechselte sie die Branche, wollte etwas Neues machen. Zwischenzeitlich wohnte sie in Friesoythe und eröffnete ein Zoofachgeschäft. Nach dem Tod ihres Mannes und schweren Erkrankungen, die sie gut überstand, wohnte sie damals 69-Jährige dann zeitweise in Dinklage, fand danach eine Wohnung in Barnstorf.

Seit sechs Jahren wohnt Anneliese Reis nun in Diepholz, hat einen Lebensgefährten gefunden und mit ihrem Laden am Rathausmarkt auch eine neue Aufgabe, die der mehr als rüstigen Seniorin viel Freude bereitet.

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