Millionen-Investition für Tierschutz notwendig

Situation des Schweinezucht-Familienbetriebs Langhorst im Diepholzer Bruch

Schweinezüchter mit Leidenschaft und Problemen: Mathis und Jürgen Langhorst im Besamungsstall ihres Betriebes im Diepholzer Bruch mit Kastenständen.
+
Schweinezüchter mit Leidenschaft und Problemen: Mathis und Jürgen Langhorst im Besamungsstall ihres Betriebes im Diepholzer Bruch mit Kastenständen.

Diepholz – Den „Natursprung“ eines Ebers erleben die Zuchtsauen schon lange nicht mehr. Ein männliches Schwein, das durch den Besamungsstall getrieben wird, dient nur noch dazu, mit seinem Geruch die weiblichen Tiere hormonell in Stimmung zu bringen. Die Besamung erfolgt dann auf künstlichem Weg.

„Andernfalls brauchten wir etwa 15 Eber“, erklärt Jürgen Langhorst. Und das rechnet sich keinesfalls. Der 54-Jährige aus dem Diepholzer Bruch ist Landwirt aus Leidenschaft und hat sich vor etwa 20 Jahren auf die Schweinezucht spezialisiert. Haltung, Besamung und Aufzucht laufen bei ihm wie in vielen anderen konventionellen Betrieben.

Seine beiden Söhne Mathis (27) und Jannik (20) arbeiten in dem Familienbetrieb mit und wollen den Hof, der seit den 1930er Jahren ganz im Süden des Diepholzer Stadtgebietes existiert, übernehmen. Aber hat der Betrieb Zukunft?

Ein Problem könnte die neue Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung werden. Zu deren Umsetzung müssten er und seine Söhne auf dem Hof bis zu einer Million Euro investieren, erklärt Jürgen Langhorst – ohne mehr Umsatz oder mehr Gewinn machen zu können. „Wir wollen auch mehr Tierschutz, aber das muss honoriert werden“, fordert der 54-Jährige.

Kernpunkt der neuen Verordnung ist die Einschränkung der Kastenstände. In diesen 70 Zentimeter breiten Eisenkonstruktionen stehen die Zuchtsauen etwa vier Wochen lang, um die Besamung zu vereinfachen. Zudem werden sie dadurch auch untereinander geschützt, denn in der Zeit der Empfängnisbereitschaft können die Tiere aggressiv werden. In der Gruppe mehren sich intensive Rangkämpfe.

Während der 16-wöchigen Tragezeit werden die Zuchtsauen dann in Gruppen gehalten, um zum Abferkeln erneut für vier Wochen in andere Kastenstände zu kommen. Diese verhindern, dass die schweren Muttertiere ihren Nachwuchs beim Hinlegen zerquetschen.

Die neue Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sieht vor, dass den Zuchtsauen in spätestens fünf Jahren im Besamungsstall auch Bereiche zur Aktivität und zum Liegen zur Verfügung stehen müssen. In Kastenstände dürfen die Tiere dann nur kurzzeitig zum Fressen und zur Verabreichung des Eber-Spermas.

„Das bedeutet, dass wir entweder nur die Hälfte der Sauen halten können oder baulich erweitern müssen“, erklärt Mathis Langhorst, der in Osnabrück Agrar- und Lebensmittelwirtschaft studiert und derzeit seine Masterarbeit über einen speziellen Aspekt der Schweinezucht schreibt. Die Zukunftsfähigkeit und dauerhafte Rentabilität des Betriebes mit derzeit etwa 240 Zuchtsauen ist infrage gestellt.

Die Familie Langhorst müsste mehr Geld pro Tier erzielen. Diese Honorierung von mehr Tierschutz könne durch höhere Fleischpreise oder direkte Zuschüsse erfolgen.

Ob die Verbraucher bereit sind, ein paar Cent mehr pro Schnitzel zu bezahlen, bezweifelt Jürgen Langhorst. Er und sein Sohn Mathis verweisen auf Erfahrungen in Schweden. Dort ist nach der Einführung strenger Tierschutzvorschriften die Zahl der Schweinehalter seit 1990 um 92 Prozent gesunken. Folge: Die schwedischen Märkte importieren Schweinefleisch vorwiegend aus Deutschland und Dänemark, wo die Vorschriften noch weniger streng und die Produktionskosten entsprechend niedriger sind.

„Dann wird Schweinefleisch importiert“

Ein ähnliches Problem sieht Jürgen Langhorst auch auf Deutschland zukommen: „Dann wird das Schweinefleisch aus Spanien und Polen importiert.“ Hauptsache billig.

Der von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner angekündigte 300-Millionen-Zuschuss für den Umbau von Schweine-Besamungsställen sieht Langhorst verpuffen: Der Umbau muss nach ersten Richtlinien bis Ende 2021 erfolgt sein. „Das geht nur mit fertigen Baugenehmigungen in der Schublade“, sagt Langhorst. Und die habe kaum ein Landwirt. Die Genehmigungsverfahren für Stallbauten dauern in der Regel viele Monate.

Noch wollen Jürgen Langhorst und seine Söhne weitermachen. Ihren Hof haben sie als „geschlossenes System“ organisiert: Die 7 000 Ferkel, die sie jedes Jahr erzeugen, wachsen auch auf ihrem Hof auf und werden erst etwa 25 Monate nach der Geburt schlachtreif verkauft.

Jetzt während er Corona-Pandemie müssen die Langhorsts wie andere Schweinezüchter herbe Einbußen in Kauf nehmen. Der Verkaufspreis sank um etwa 70 Euro pro Schwein. Bei 7 000 Stück im Jahr ist die Mindereinnahme durch den aktuellen Preisverfall sehr spürbar.

Einen Stau wegen eingeschränkter Schlachthof-Kapazitäten durch Corona-Infektionen habe es bei ihnen hingegen nicht gegeben: „Wir haben einen guten Vermarkter.“

Mathis Langhorst will nach Möglichkeit bei der Schweinehaltung bleiben und den modernen Landwirtschafts-Betrieb zusammen mit seinem Bruder in die nächste Generation führen.

Sicherheitshalber hält der 27-Jährige aber schon mal nach anderen Möglichkeiten der Landwirtschaft und nach Marktnischen Ausschau. So möchte er seine Zucht von Diepholzer Gänsen im Diepholzer Bruch, die derzeit noch mehr Hobby ist, ausbauen.

Seit 1935

In den Jahren 1935 und 1936 wurden etwa zehn Bauernhöfe aus dem Bereich der Kreisstadt in das Diepholzer Bruch umgesiedelt. Dazu gehörte auch der Betrieb der ursprünglich in Sankt Hülfe beheimateten Familie Langhorst.

Zunächst war Grünlandwirtschaft mit Milchviehhaltung der Schwerpunkt. Später machten Bauern ihr Land im Bruch auch für den Anbau von Getreide urbar.

Durch einen Bericht in unserer Zeitung wurde der NDR auf die Diepholzer Familie Langhorst aufmerksam. Ein Fernsehteam besuchte den Betrieb im September.

Der am 23 November im Rahmen der Sendung „Markt“ ausgestrahlte Beitrag ist noch bis November 2021 in der Mediathek der ARD (NDR) im Internet zu finden. Titel: „Sauenhaltung: „Schweinebauern mit Zukunftssorgen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sind digitale Wohnungsbesichtigungen im Kommen?

Sind digitale Wohnungsbesichtigungen im Kommen?

Kremlgegner Nawalny in Moskau festgenommen

Kremlgegner Nawalny in Moskau festgenommen

Biathlon in Oberhof: Die Bilder zu den Weltcups in Deutschland

Biathlon in Oberhof: Die Bilder zu den Weltcups in Deutschland

Laschet zum neuen CDU-Vorsitzenden gewählt

Laschet zum neuen CDU-Vorsitzenden gewählt

Meistgelesene Artikel

Euronics im Corona-Lockdown: In Syke darf eine Abteilung öffnen, in Wildeshausen nicht

Euronics im Corona-Lockdown: In Syke darf eine Abteilung öffnen, in Wildeshausen nicht

Euronics im Corona-Lockdown: In Syke darf eine Abteilung öffnen, in Wildeshausen nicht
Zwei Kennzeichen im Landkreis Diepholz: 1000 Tage SY

Zwei Kennzeichen im Landkreis Diepholz: 1000 Tage SY

Zwei Kennzeichen im Landkreis Diepholz: 1000 Tage SY
Ansturm im Baumarkt: Privatpersonen nutzen Außer-Haus-Verkauf

Ansturm im Baumarkt: Privatpersonen nutzen Außer-Haus-Verkauf

Ansturm im Baumarkt: Privatpersonen nutzen Außer-Haus-Verkauf
Neuer Flyer gegen die Corona-Impfung im Sulinger Land im Umlauf

Neuer Flyer gegen die Corona-Impfung im Sulinger Land im Umlauf

Neuer Flyer gegen die Corona-Impfung im Sulinger Land im Umlauf

Kommentare