„Ich hätte ihm so gern geholfen“

Amelie Stein entdeckt im Zug einen leblosen Mann – und holt Hilfe

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Amelie Stein (Mitte) will Ärztin werden. Ihre Eltern Jürgen und Karola sind sehr stolz auf ihre Tochter, weil sie in einer Ausnahme-Situation Zivilcourage gezeigt hat.

Wetschen - Von Anke Seidel. Es ist ein ganz normaler Dienstag, als Amelie Stein – wie so oft – mit der Bahn von Bremen nach Diepholz fährt. Aber plötzlich ist nichts mehr so, wie es war: Die 16-Jährige entdeckt im Regionalexpress einen Bewusstlosen, an dem andere Reisende achtlos vorbei gehen.

Es ist die Schülerin, die Verantwortung übernimmt und Hilfe holt. Doch zu retten ist das Leben des Mannes, dessen Kopf reglos am Fenster lehnt, nicht mehr. Der 59-Jährige, so erklären ihr später Rettungssanitäter, war wahrscheinlich schon tot, als Amelie den Zug in Bremen bestieg. 

Ursache waren wahrscheinlich Vorerkrankungen. Amelie Stein hat an diesem Dienstag das Bremer Fitnessstudio einer Kette besucht, die sie aus ihrer Heimatstadt Essen kennt. Mit ihren Eltern ist sie vor zwei Jahren nach Wetschen gezogen. Um 19.07 Uhr besteigt sie den Zug in Bremen und sucht sich in einem Abteil einen Platz – schräg gegenüber einer Vierer-Sitzgruppe, auf der anderen Seite des Gangs.

Per WhatsApp Rat geholt

„Ich war müde vom Trainieren“, erinnert sie sich. Mit dem Handy informiert sie ihre Mutter, wann sie am Diepholzer Bahnhof ankommt. Und stutzt: „Zuerst habe ich nur seine Aktentasche gesehen“, sagt Amelie. Dann entdeckt sie den Mann, dessen Kopf am Fenster lehnt und der zu schlafen scheint. Doch die 16-Jährige, die gern Ärztin werden möchte, ist beunruhigt. Sie kann keine Atembewegungen sehen – und holt sich per WhatsApp auf dem Handy Rat bei ihrer Mutter. „Einerseits wollte meine Tochter ja so gern helfen – andererseits durfte sie sich nicht in Gefahr bringen“, schildert Karola Stein ihren Zwiespalt. Sie rät ihrer Tochter, den Mann vorsichtig anzusprechen. Mehrere Erwachsene machen sich diese Mühe nicht. Sie gehen achtlos an dem offensichtlich Hilfebedürftigen vorbei, halten ihn vermutlich für betrunken. Einige rümpfen die Nase. Karola Stein bleibt am Handy und will von ihrer Tochter wissen, ob noch andere Erwachsene im Abteil helfen könnten.

„Ich hab all meinen Mut zusammengenommen“

Die 16-Jährige findet eine Lösung: „Ich hab all meinen Mut zusammengenommen und bin zu der Zugbegleiterin gegangen.“ Die Frau ist gerade ins Abteil gekommen, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Sie kümmert sich umgehend um den Hilflosen, informiert den Notarzt und den Lokführer, der sofort mit einer Durchsage reagiert: Ärzte oder medizinisch geschulte Fahrgäste im Zug sollten sich bitte umgehend bei ihm melden.

„Doch es hat sich keiner gemeldet“, bedauert Amelie noch heute. „Mir sind die Tränen gekommen“, sagt die Schülerin und ist dankbar für den Trost der Zugbegleiterin: „Sie war mega lieb.“ Der Zug stoppt schließlich in Bassum, Notarzt und Rettungssanitäter steigen zu und geben ihr Bestes, um den Mann zu retten. Keine Chance.

„Ich hätte ihm so gern geholfen“, sagt Amelie – und überlegt: „Vielleicht hat sein Herz einfach aufgehört zu schlagen.“ Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wo genau der Mann zugestiegen war und wie lange er schon im Zug saß. „Da hast ihm die Würde gerettet“, lobt Karola Stein ihre Tochter. Auch Vater Jürgen ist stolz auf die 16-Jährige. Niemand von ihnen mag sich vorstellen, wie lange er ohne Amelies Einsatz noch weiter gefahren wäre. „Vielleicht wäre er sogar ausgeraubt worden“, ist ein Gedanke der 16-Jährigen.

„Die Leute sollten aufmerksamer werden“

Sie ist an diesem Abend deutlich später in Diepholz angekommen als gedacht – weil sie der Polizei noch Fragen beantworten muss: „Alle waren nett und haben immer wieder gefragt, ob es mir gut geht.“ Erst später kann sie in einen anderen Zug umsteigen. Eigentlich, sagt Amelie, ist sie trotzdem zur üblichen Zeit in Diepholz angekommen: „Aus irgendeinem Grund habe ich an diesem Dienstag in Bremen einen Zug früher genommen.“ Vielleicht eine schicksalhafte Überprüfung ihres Berufswunsches? Die Familie stimmt dieser Zufall jedenfalls nachdenklich.

„Ich weiß jetzt ganz genau, dass ich Ärztin werden und anderen Menschen helfen möchte“, sagt Amelie voller Überzeugung. Für die Zukunft hat sie einen dringenden Wunsch: „Die Leute sollten aufmerksamer werden – und nicht einfach wegschauen, wenn jemand vielleicht etwas merkwürdig wirkt.“

Einem Menschen in Not helfen, so gut es geht – das hat die couragierte Schülerin vielen Erwachsenen voraus.

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