Polizei: 50 Problemfälle

„Reichsbürger“ im Landkreis: „Menschen aus unserer Mitte“

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„Reichsbürger“ im Landkreis im Diepholz 

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Sie erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht an – und wehren sich zum Teil gewaltsam gegen den Staat: „Reichsbürger“ agieren auch im Landkreis Diepholz. „Wir sprechen von Selbstverwaltern“, erklärt Sandra Franke als Pressesprecherin der Polizeiinspektion. Rund 50 solcher „Selbstverwalter“ sind der Polizei landkreisweit bekannt.

Zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen diesen Menschen und Polizisten ist es demnach noch nicht gekommen – aber zu verbalen. Charakteristisch sind Briefe an Polizei und Behörden: „Darin teilen sie mit, dass sie die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennen“, so Sandra Franke. Sie hat einen dieser Problem-Bürger selbst erlebt: Er hatte ein selbstgebasteltes Kennzeichen an seinem Auto angebracht.

Personaltrainer Christoph Seidl weiß, dass die Abgrenzung zwischen Reichsbürgern, Wutbürgern und psychisch Kranken schwierig ist – genauso wie der Umgang mit diesen Menschen, die rechtsstaatliche Strukturen nicht akzeptieren.

Christoph Seidl

Deshalb bietet Seidl mit seiner Kollegin Regine Wulf über die Trainingsgesellschaft s(m)s Schwarme ein spezielles Seminar für Behörden-Mitarbeiter an. In dieser eintägigen Schulung lernen sie Geschichte und Ideologie der „Reichsbürger“ genauso kennen wie ihre Strategien und Maschen. Wo verläuft die Grenze zwischen „Reichsbürgern“ und psychotischem Verhalten? Wo und wann besteht ein Risiko? Darauf geben Seidl und Wulf Antworten – und stellen Interventions- sowie Deeskalationstechniken vor.

Deeskaltionsseminare in Jobcentern 

Spezielle Deeskalationsseminare hat das s(m)s-Team bereits in „zwei Dutzend“ Jobcentern umgesetzt, so Seidl – auch in Syke. Dort sowie in Nienburg, Bremen, Itzehoe und in der Stadt Syke schulten die Personaltrainer die Behörden-Mitarbeiter im Umgang mit psychisch auffälligen Kunden.

Eine weitere Kategorie: Wutbürger. Bei ihnen komme es in der Regel zu spontanen Aggressionen gegen Behörden-Mitarbeiter oder Polizisten, so Seidl.

Bei „Reichsbürgern“ ist das anders. Der s(ms)-Geschäftsführer hat dazu gründlich recherchiert. Problemfälle gibt es demnach vor allem in Rathäusern und Finanzämtern: „Dort muss man etwas bezahlen.“ In Jobcentern nicht: „,Reichsbürger’ treten dort nicht in Erscheinung, weil sie dort Leistungen bekommen.“

Polizeibekannte „Reichsbürger“ seien zu 80 Prozent Männer, im Schnitt 50 Jahre alt und größtenteils alleinstehend, hat der 56-jährige Personaltrainer recherchiert. 70 Prozent seien strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten: „Es sind Menschen aus unserer Mitte. Menschen, die Schicksalsschläge und Verluste erlitten haben.“ Seidl bezeichnet sie als „Verlierer von Wandlungsprozessen in der Gesellschaft“. Aus Enttäuschung, Wut und Frust entstehe das Ziel, persönlich Kontrolle und Macht zu gewinnen – „und das System zu destabilisieren!“

Ausweise zum Kauf

Das Brandenburgische Institut für Gemeinwesenberatung – Demos – habe dazu ein Handbuch herausgegeben, sagt der Personaltrainer. „Reichsbürger“ hätten ein subjektiv stimmiges Weltbild, mit völkisch-nationalistisch geprägten politischen Ideologien: „Für sie hat das Deutsche Reich nie aufgehört zu bestehen.“ Mittlerweile, so Seidl, gebe es sogar Kurse für „Reichsbürger“ in Dialektik und Rhetorik. Selbst Ausweise und Schlüsselanhänger würden ihnen zum Kauf angeboten – ein Geschäftszweig. In mehreren Bundesländern seien bei diesen Menschen schon Waffen gefunden worden. „Wie lange wollen wir noch zuschauen?“, fragt sich der 56-Jährige – und betont: „Ich halte es für wichtig, dass sich die Gesellschaft mit jeder Form von Extremismus beschäftigt. Demokratie muss wehrhaft sein!“

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