Die Melancholie des Seins

„Bella Figura“ hält rund 470 Besuchern im Theater den Spiegel vors Gesicht

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Die menschlichen Falltüren öffnen sich ausgerechnet auf der Toilette. Alle Hüllen und Fassaden fallen: Jeder hat seine ureigenen Probleme.

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Eine ernste Komödie und lustige Tragödie, mit Charakteren analytisch scharf beobachtet und wohlgesetzten Worten als Konversation konstruiert, hatte Showtime im Diepholzer Theater.

Zu Edith Piafs Chanson „La vie en rose“ und dem Debutsong der Nouvelle-Chanson-Sängerin Zaz „Je veux“ hielt die Beziehungskomödie „Bella Figura“ von Yazmina Reza rund 470 Besuchern brutal den Spiegel vors Gesicht.

Das Fatale für die Besucher: Dem konnte sich niemand entziehen. Und alle ertappen sich, irgendwie schon einmal der Forderung „Bella Figura“ zu machen, erlegen zu sein. Das reicht von der rein äußerlichen Erscheinung über Einblicke ins Innere bis hin zu: „andere gut aussehen lassen“ oder einfach „ein gutes Bild abgegeben“. Idealer Stoff für die tiefsinnige, intellektuell verführerische Autorin Reza.

Sie legt den Sprengsatz unter den seichten Titel, der nur auf den ersten Blick wie italienische „Dolce Vita“ erscheint. Und weil der Schein zu bröckeln anfängt, ist auch genügend Stoff (Sex, Drugs, Alkohol und Nikotin) auf der Bühne, um nachhaltig zu betäuben. Alles kommt anders, als es scheint, mit einer brillant spielenden Doris Kunstmann als liebevoll leicht demente Yvonne.

Kunstmann eine Idealbesetzung

„Wo ist meine Tasche“, wohl 20 Mal fragt sie das. Und es stehen hilflose Einträge wie „Wo bin ich?“, „Geliebter Schlaf…“ oder „Tabletten-Etui ist türkis!“ in ihr Tagebuch geschrieben und beschreiben einfühlsam die kleiner werdende Welt von Yvonne.

Mit Kunstmann eine Idealbesetzung, ohne Angst vor Gesichtsverlust, für Späße bezüglich des Alterns bereit und grandios im Resümieren von Alter („Das ist das Fiese am Älterwerden. Man wird verletzbar. Man hat nicht mehr die Kraft zu antworten“). Aber sie ist nicht die einzige gute Besetzung. Mit dem Charaktere-Quintett (Boris, Heio von Stetten, Andrea, Julia Hansen, Eric, Christopher Krieg, Françoise, Susanne Steidle und Kunstmann) kommen fünf verkorkste Lebensmodelle auf den Plan.

„Man bricht mit seinem Bündel auf und meint die Welt zu erobern und bleibt verkümmert an Ort und Stelle“, fasst es Andrea, die Geliebte von Boris im Angesicht des Scheiterns der Beziehung zu dem verheirateten Mann zusammen. Sie hätte das Zeug die Welt zu verändern, ist verrückt und mutig genug dazu. Mit dem Bündel Boris und seiner Middle-Age-Problematik in Beruf und Familie, meint sie aber, eher zu der Gattung gestrandete Existenzen zu gehören. Da trifft es sich gut, dass sie Apothekenhelferin ist und immer genügend „Stoff“ zum Runterspülen hat.

Die plätschernde Konversation zu Anfang des Stücks wird schnell mit Ernsthaftigkeit durchbrochen. Die Längen muss man aushalten, die Fazits entschädigen.

Die Konturen der bis dahin unsichtbaren Ballast-Rucksäcke der fünf Menschen, die in Beziehung stehen, werden konkreter.

Eric ist seiner Mutter überdrüssig („Sie hängt da wie ein nasser Sack“), behält die Contenance. Françoise, seiner Lebenspartnerin, ist das Zusammentreffen zu viel: „Alles ist außer Kontrolle“. Eigentlich wollten Eric und Françoise nur Erics Mutter am Geburtstag zum Essen einladen. Dann fährt Boris Yvonne über den Haufen im Frust über das Verfallsdatum seiner Seitensprung-Routine. 

Ein Problem-Bewältigungs-Gelage

Aus der scheinbar einfachen Begegnung vor dem Restaurant mit Unmengen von Tigermücken wird ein Problem-Bewältigungs-Gelage. Boris steht kurz vor der Insolvenz, Eric kämpft mit dem Alter seiner Mutter, Françoise ist bourgeoise und hat einen zu geraden Stock im Rücken und Andrea balanciert zwischen Seitensprung-Dauer-Frau und Aufbruchswünschen. („Manchmal wache ich morgens auf und denke mir: Eigentlich könnte ich irgendwo hingehen, ein neues Leben anfangen…“). 

Nur für Ivonne gibt es eine Gewissheit: „Ab jetzt geht´s bergab“. Über die Melancholie des Seins, decken die Menschen gern den Mantel des Rauschs. Autorin Reza durchdringt die Schicht und zeigt das schiere melancholische Fleisch darunter. Das Rot im Blass der Alltagssorgen ist der Oberkellner: Stumm und eine Frau (Ines Reinhard).

Dass alle Schauspieler im Tanzschritt die sechs Bilder der Beziehungs-Tragikomödie umbauen, ist eine wunderschöne Abwechslung. Darin sind Slapstick und Ulk, wenn Andrea nach dem Quickie auf der Toilette ihre Probleme mit den Nylons hat und das Tagebuch von Yvonne aus der Kloschüssel zieht und unter dem Handtrockner trockenfönt. Die menschlichen Falltüren öffnen sich ausgerechnet auf der Toilette.

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