„Meine Eltern waren auch Flüchtlinge“

Landesregierung ehrt Diepholzerin Ingrid Schilling für ihr ehrenamtliches Engagement

+
Engagement für Flüchtlinge: Ingrid Schilling aus Diepholz wird von Ministerpräsident Stephan Weil für ihre ehrenamtliche Tätigkeit geehrt.

Diepholz – Ihre Mutter hat alles aufgeschrieben. Alles, was sie damals erlebt hat in den Jahren um 1944, als die damals 16-Jährige aus Schlesien flüchtete und nach Brockum kam. „Besonders willkommen waren Flüchtlinge auch damals nicht“, weiß Ingrid Schilling: „Das war genau so wie heute – nur, dass sie die deutsche Sprache konnten.“

Auch ihr Vater war Flüchtling aus Schlesien, lernte ihre Mutter in Brockum kennen, wohin es beide im Zweiten Weltkrieg verschlagen hatte. Dieses Schicksal ihrer Eltern ist für Ingrid Schilling ein Grund, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Nicht erst seit dem Zustrom von Migranten 2015 in Diepholz, wo sie seit 1994 wohnt, sondern schon viel früher bei beruflichen Auslandsaufenthalten mit ihrem Mann.

Am Samstag (14. September) wird Ingrid Schilling – inzwischen Diepholzerin – vom Niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil für ihr Engagement geehrt – beim „Tag des Ehrenamtes“ in Hameln.

Die CDU-Fraktion des Diepholzer Rates hatte das Team der Flüchtlingshilfe-Kleiderstube für die Ehrung vorgeschlagen, dessen Einsatz bereits beim Neujahrsempfang der Stadt Diepholz gewürdigt worden war. Doch die Richtlinien der Landesregierung sehen die Ehrung einer Gruppe nicht vor. So wählten die Christdemokraten Ingrid Schilling aus dem Team als ihren Vorschlag aus.

Abwechselnd oder zusammen mit Ingrid Kock, Barbara Preu, Bärbel Behnke-Drewes und Helmut Backer steht Ingrid Schilling noch alle zwei Wochen mittwochs in der Kleiderstube an der Hinterstraße 15 in Diepholz und versorgt Bedürftige. Da die Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren stark gesunken sind, wurde auch der Bedarf geringer – insbesondere an Kleidung. „Davon haben wir derzeit genug“, bedankt sich die 64-Jährige bei den vielen Spendern von Textilien aller Art. Die ersten Spenden hat Ingrid Schilling im August 2015 noch in ihrer Garage gelagert. Das Motorrad ihres Mannes musste dazu weichen. Wenig später bekam die Gruppe Räume von der Diakonie.

Was heute dort noch in der Kleiderstube gebraucht wird, ist alles, was mit Haushalt zu tun hat und manchmal Möbel, wenn Flüchtlinge aus ihren Unterkünften in eine eigene Wohnung ziehen.

Bereits Ende der 1980er Jahre hat sich Ingrid Schilling in Singapur um Flüchtlinge gekümmert. Dort lebte sie mit ihrem Mann, der für die Elastogran in Lemförde (heute BASF) in den asiatischen Raum entsandt worden war. Auch Ingrid Schilling war bis zu ihrem Ruhestand Mitarbeiterin des Chemie-Unternehmens in Lemförde. Die Flüchtlinge, die in den Stadtstaat Singapur kamen, stammten aus Vietnam und waren vor den Folgen des Krieges geflohen. Die Deutsche Botschaft fragte Ingrid Schilling, ob sie ihnen Deutschunterricht geben könne, um die Vietnamesen auf ihre Weiterreise nach Deutschland vorzubereiten, wo Verwandte schon zu DDR-Zeiten lebten.

1991 zog die Familie Schilling wieder nach Deutschland, nach Olching in die Nähe von München, wo die Elastogran seinerzeit ein Werk hatte. In Bayern engagierte sich Ingrid Schilling für die damals am Ort lebenden Flüchtlinge aus Nigeria, die Unterstützung bei Asylanträgen und auch praktische Hilfe benötigten. Sie habe sich damit bei ihren Nachbarn nicht nur Freunde gemacht, berichtet sie.

Ehrenamtliches Engagement zeigte die Diepholzerin auch bei dem nächsten beruflichen Auslandsaufenthalt von 2005 bis 2009 in Indien, wo sie bei der Charity Organisation Indus international, einem Wohltätigkeitsverein und einer Plattform für Frauen verschiedener Nationalitäten, intensiv mitarbeitete.

Die Ehrung durch die Landesregierung ist ihr fast unangenehm, aber sie freut sich dennoch sehr über die Wertschätzung ihrer Arbeit und die des gesamten Teams. „Vielleicht werden andere ja dadurch angeregt, auch etwas zu tun“, meint Ingrid Schilling: „Man kann nicht die Welt retten, aber im Kleinen etwas tun.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Trump greift zu noch härteren Sanktionen gegen den Iran

Trump greift zu noch härteren Sanktionen gegen den Iran

Innenminister wollen gegen Rechtsrock vorgehen

Innenminister wollen gegen Rechtsrock vorgehen

Waldjugendspiele in Verden

Waldjugendspiele in Verden

Altstadtfest-Becher kommen viel rum 

Altstadtfest-Becher kommen viel rum 

Meistgelesene Artikel

Verkehrsunfall auf der B51 bei Nordwohlde: Straße halbseitig gesperrt

Verkehrsunfall auf der B51 bei Nordwohlde: Straße halbseitig gesperrt

BBQ Monster siegen bei Bremer Landesmeisterschaft: „Verdammt, wir haben den Rucola vergessen“

BBQ Monster siegen bei Bremer Landesmeisterschaft: „Verdammt, wir haben den Rucola vergessen“

Viel Aufwand, erste Erfolge: Klimastreik am Freitag für alle

Viel Aufwand, erste Erfolge: Klimastreik am Freitag für alle

Mann stirbt bei Unfall auf der B214: Zwei Autos krachen frontal zusammen

Mann stirbt bei Unfall auf der B214: Zwei Autos krachen frontal zusammen

Kommentare