Fatale Schere

Mehr Pflegebedürftige – zu wenig Pfleger

Ohne Pflege geht nichts: Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen.
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Ohne Pflege geht nichts: Immer mehr Menschen sind auf Unterstützung angewiesen.

Landkreis Diepholz. Ihre Zahl entspricht der Bevölkerung einer Kleinstadt: 11 403 Menschen sind im Landkreis Diepholz auf Pflege angewiesen – deutlich mehr als in den Vorjahren und fast doppelt so viele wie 2005, als es noch 5 890 waren. Um 93,6 Prozent ist die Zahl Pflegebedürftigen in diesem Zeitraum gestiegen. Fatal: Es gibt nicht genug Fachkräfte, die sich um alle kümmern können.

In Pflegeheimen sind freie Betten nicht belegt, weil Mitarbeiter fehlen. Ein Dilemma, das in der Pflegekonferenz des Landkreis Diepholz einmal mehr deutlich wurde. Das Gremium tagte unter Leitung von Kreisrätin Ulrike Tammen im Barnstorfer Hotel Roshop.

Dort präsentierte Theresa Tapken als Fachkraft für Sozialplanung, Eingliederungs- und Altenhilfeplanung im Landkreis-Fachdienst Soziales den Pflegebericht 2019 – und damit die aktuellste Erhebung von Daten, Fakten und Zahlen. Der nächste Bericht soll 2022 erscheinen.

Immer mehr junge Menschen betroffen

Erkenntnis aus der aktuellen Auflage: Immer mehr junge Menschen sind auf Unterstützung angewiesen, denn die Zahl der Pflegebedürftigen unter 60 Jahre ist seit 2005 um 94,8 Prozent gestiegen – und hat sich damit knapp verdoppelt. In der Altersgruppe 70 bis 80 Jahre liegt das Plus bei 70 Prozent, und bei den 80- bis 90-Jährigen bei 127,3 Prozent. Bei den über 90-Jährigen beträgt die Zunahme 68 Prozent.

Der Bericht beweist auch: Schon vergleichsweise junge Menschen sind in ihrer Selbstständigkeit erheblich beeinträchtigt, denn in der Altersgruppe unter 60 Jahre kommt der Pflegegrad 2, der genau dieses Kriterium hat, am häufigsten vor. Rund 200 Hilfebedürftige in dieser Altersgruppe leiden sogar unter schwersten Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und haben deshalb Pflegestufe 5: den höchsten Grad.

Unabhängig von Altersgruppen: Im Schnitt sind rund 5,3 Prozent der Landkreis-Bewohner auf Pflege angewiesen. Fast die Hälfte von ihnen wird von Angehörigen betreut – das beweist die Pflegegeld-Quote von 48 Prozent. 24 Prozent nutzen jedoch die ambulante Pflege. Vollstationär, also im Heim, werden 21 Prozent versorgt.

Angehörige übernehmen oft Pflegeaufgabe

Betroffene möchten so lange wie möglich Zuhause leben können. Denn 60 Prozent der Menschen, die in ihrer Selbstständigkeit erheblich beeinträchtigt sind (Pflegegrad 2) werden von ihren Angehörigen versorgt. Nur 20 Prozent leben in einem Pflegeheim, 49 Prozent erhalten Hilfe von einem Pflegedienst.

Den Menschen, die nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden leben können, stehen 37 Pflegeeinrichtungen im Landkreis zur Verfügung – unter dem Strich mit 2 483 Plätzen, aber davon waren zum Stichtag der Erhebung nur 2 233 belegt. Der Grund: nicht genug Fachkräfte für alle. Außerdem gibt es 43 Pflegedienste in diesem Lebensraum, die insgesamt 3 026 Klienten betreuen. 29 Tagespflegen bieten 408 Plätze, die von 779 Klienten genutzt werden konnten – weil nicht jeder jeden Tag kommt.

635 Menschen brauchen Sozialleistungen

Vor allem: Nicht alle können dringend notwendige Leistungen aus eigener Tasche bezahlen. 635 Menschen (5,6 Prozent aller Pflegebedürftigen) sind auf Sozialleistungen angewiesen. Der weitaus größte Teil (89 Prozent) von ihnen lebt in einem Heim. In nur zwei Jahren (2017 bis 2019) ist die Zahl der Pflegebedürftigen, die Sozialleistungen brauchen, um 15,9 Prozent angestiegen.

Es sind exakt 3 260 Kräfte, die im Landkreis Diepholz in der Pflege arbeiten. Aber nur 15,6 Prozent von ihnen ist in Vollzeit dabei. Die Erhebung zeigt: 359 der Vollzeitkräfte sind in Pflegeheimen beschäftigt, 148 bei ambulanten Pflegediensten. Ohnehin arbeitet mehr als ein Drittel (exakt 34,3 Prozent) der Pflegebeschäftigten im Landkreis im ambulanten Sektor.

Kreisrätin Ulrike Tammen weiß, dass sich – bei steigenden Zahlen der Pflegebedürftigkeit – der Fachkräftemangel verschärft: „Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger.“ Sind Pflegekräfte aus dem Ausland die Lösung? Die Kreisrätin erinnert an die vielen Notwendigkeiten und Voraussetzungen, die dabei zu beachten und erfüllen sind. Es brauche zwei Jahre Vorlaufzeit, bis die erste Kraft eingesetzt werden könne, erläutert Ulrike Tammen.

Wohngemeinschaften die Lösung?

Mittlerweile gibt es im Landkreis Diepholz Wohngemeinschaften, also privat organisierte Pflege. Deren Zahl nehme zu, so Heinrich Harms, AOK-Regionaldirektion: „Sie sind aber schlecht zu fassen.“ Ulrike Hirth-Schiller, Geschäftsführerin im DRK-Kreisverband, spricht von einem „ungeregelten Schwarzmarkt“. Denn eine Wohngemeinschaft könne jeder eröffnen – auch ohne fachliche Kenntnisse. Würden fachliche Grundlagen dagegen erfüllt, „dann ist das teuer, wenn es laufen soll“.

Für öffentliche Einrichtungen gibt es die Heimaufsicht – bei privaten hingegen hat der Landkreis nur begrenzte Kontrollmöglichkeiten. Kreisrätin Ulrike Tammen bezeichnet Wohngemeinschaften als „Super-Idee – die Umsetzung ist es leider nicht.“

Der Gesetzgeber müsse Rahmenbedingungen schaffen, forderte Heinrich Harms abschließend bessere Kontrollmöglichkeiten.

Von Anke Seidel

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