Veranstaltung des Hospizvereins

„Dasein“ fordert mehr Menschlichkeit gegenüber Sterbenden

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Der frühere Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf und die Bremer Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Annelie Keil fordern mehr Menschlichkeit Sterbenden gegenüber.

Diepholz - Von Eberhard Jansen. Kann das Thema „Umgang mit dem Tod“ unterhaltsam sein? Ja, kann es – nicht nur im Sinne eines interessanten Abends, aus dem ergriffen zuhörende und nachdenklich werdende Besucher viel mitnehmen, sondern auch im Sinne von Gesprächsstoff für eine Unterhaltung, die man vielleicht ohne diese Veranstaltung des Hospizvereins „Dasein“ Diepholz nie geführt hätte.

Das Interesse war auf jeden Fall riesig: 140 meist weibliche Besucher füllten am Dienstagabend auch den letzten Platz im Sitzungssaal des Diepholzer Rathauses. Dort lasen der frühere Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf und die Bremer Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Annelie Keil aus ihrem gemeinsamen Buch „Das letzte Tabu. Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen“ und sprachen über die Thematik in vielen Facetten.

Scherf: Hospizhelfer sind eine „Bürgerrechtsbewegung“

Beide fordern eine Kultur der Menschlichkeit am Ende des Lebens: „Jeder hat das Recht, im Sterben nicht allein zu sein“, kritisierte der 78-jährige Scherf den oft einsamen Tod – nicht nur in Krankenhäusern.

Hospizhelfer geben diese Menschlichkeit auf dem letzten Weg. Hennig Scherf schätzt sie sehr. Die 120.000 ehrenamtlichen Hospizhelfer in Deutschland seien eine „Bürgerrechtsbewegung“, sagt er: „Sie machen Mut für eine friedvolle, gewaltfreie Gesellschaft.“

„Wer für andere einsteht, steht für sich selber ein“, ergänzte Annelie Keil. Jeder sei als Angehöriger geboren – als „Angehöriger der Menschenfamilie“. Und Angehörige sind als Pflegekräfte gefragt.

Gute Pflege sei nicht eine Frage von Geld, Personal und Einrichtung, sondern einer Haltung, meinte die 78-jährige Annelie Keil: „Wir müssen freundlich sein.“ Das sei der gleiche Aufwand wie eine Pflege mit mürrischem Gesicht.

Diese Forderung nach Freundlichkeit, nach Menschlichkeit Sterbenden gegenüber zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Menschlichkeit statt Apparate – wobei es eine gute Palliativmedizin geben solle.

Gespräche mit Sterbenden geben auch den pflegenden Angehörigen oder Hospizhelfern viel, meinen Scherf und Keil. Wenn jemand auf dem Sterbebett eine Bilanz seines Lebens ziehe, auf Schönes und Schlimmes, auf Fehler und Freude zurückblickt, kann das dem zuhörenden Menschen, dem das anvertraut wird, viel für dessen Leben bringen. Für den Betroffenen sei wichtig, am Ende seines Lebens sagen zu können: „Ich kann jetzt gehen.“

Religiöse Fragen kommen bewusst nicht zur Sprache

Ein Thema der zweistündigen Veranstaltung war die Trauer. Sie habe viele Facetten, unterscheide sich sehr, ob ein Kind oder ein Hochbetagter gestorben sei, und lasse sich nach Auffassung von Henning Scherf nicht in Phasen pressen.

Trauer gebe es im ganzen Leben – beispielsweise auch dann, wen ein Kind auszieht und sich nicht mehr meldet, oder wenn man im Alter seiner Fitness nachtrauert. Das Autorenteam bringt es so auf einen Punkt: „Den Abschied leben lernen.“

Religiöse Fragen kamen am Dienstagabend bewusst nicht zur Sprache. Es ging um das Leben und eine andere kulturelle Behandlung des Todes. Wichtig ist dem freundschaftlich verbundenen Autorenteam Scherf/Keil, dass die Hospiz- und Pflegearbeit aufgewertet wird. Annelie Keil: „Wir haben die Berufe, die sich um Schwächere kümmern, niedergemacht.“

Der Hospizverein „Dasein“ Diepholz veranstaltete den Abend in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Schüttert am „Welthospiztag“ aus Anlass seines 15-jährigen Bestehens. Vorsitzende Ines Heidemann freute sich über die große Resonanz. Der Eintritt kommt dem Verein „Pan y Arte“ für Kinder-Projekte in Nicaragua zugute, dessen Vorsitzender Henning Scherf ist.

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