Mediziner, Ärztevertreter und Politiker: Christoph Lanzendörfer reflektiert Möglichkeiten zur Zukunft der Krankenhäuser

„Das war schon vor zehn Jahren der Plan“

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Christoph Lanzendörfer kann vom Balkon seiner Praxis auf den Neubau der Psychiatrie in Bassum blicken.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Dass Kreisgrenzen in der Krankenhausversorgung keine Rolle spielen dürfen, darauf hatte Staatssekretär Jörg Röhmann schon beim Regionalgespräch in Barnstorf gepocht – und für die Krankenhäuser im Landkreis Diepholz Kooperationen mit Kliniken im Landkreis Vechta sowie dem Land Bremen im Blick. „Im Prinzip genau das, was wir schon vor zehn Jahren vorgeschlagen haben!“, sagt Dr. Christoph Lanzendörfer.

Der Mediziner aus Bassum ist nicht nur Kenner der Krankenhaus-Szene im Landkreis Diepholz, sondern auch Kreistagsmitglied, Fraktionsvorsitzender der SPD in Bassum sowie stellvertretender Landesvorsitzender des Arbeitskreises Gesundheit der SPD Niedersachsen. Gleichzeitig bewertet er die Strukturen aus dem Blickwinkel seines Berufsstandes, denn Dr. Lanzendörfer ist ebenso Sprecher der KV (Kassenärztliche Vereinigung) im Nordkreis Diepholz und somit Vertreter für knapp 400 niedergelassene Ärzte und außerdem Vorsitzender des Ärztevereins im Landkreis Diepholz (Basis der Ärztekammer) – er vertritt in dieser Funktion 645 Mediziner. Und: Er hat Gesundheitsökonomie studiert.

Vor einem Jahrzehnt, so blickt er zurück, habe die SPD Bassum bereits vorgeschlagen: Schulterschluss der Kliniken Bassum und Sulingen in Kooperation mit dem Bremer Krankenhaus Links der Weser – und Zusammenarbeit des Krankenhauses Diepholz mit den Kliniken Vechta und Lohne. Dass diese Idee damals, als der Landkreis einen Träger für seine Kreiskrankenhäuser suchte, einfach vom Tisch gewischt wurde, das ärgert den Bassumer Mediziner noch heute. „Die Ausschreibung war damals auf die Alexianer zugeschnitten“, sagt er. „Denn darin hieß es, dass die Kliniken nur einem Träger übergeben werden dürften, der schon ein Krankenhaus im Landkreis betreibt.“ Das traf allein auf die Alexianer mit ihrer psychiatrischen Klinik in Twistringen zu.

Vom Balkon seiner Praxis aus kann Christoph Lanzendörfer nun auf den Neubau der Psychiatrie blicken, der zurzeit in Bassum realisiert wird. Ganz bewusst sei das Ärztehaus damals in direkter Nachbarschaft zum Krankenhaus gebaut worden: „Es sollte Gemeinsamkeiten geben.“ Aber die seien damals vom Geschäftsführer des Klinikverbundes, Christian Strauß, nicht realisiert worden.

Lanzendörfer ist sicher: „Vor zehn Jahren wäre eine Kooperation mit den Vechtaer Kliniken noch möglich gewesen.“ Doch mit den Alexianern galt dann das „Ein-Haus-Prinzip“ für die Kliniken im Landkreis Diepholz. „Betriebswirtschaftlich führt das zu guten Ergebnissen“, bestätigt der Gesundheitsökonom. Aber: „Volkswirtschaftlich gesehen ist es der helle Wahnsinn, wenn eine alte Dame mit einer kleinen Platzwunde am Kopf von Bassum zur Unfallchirurgie nach Sulingen gebracht werden muss – nur, um am Ende ein kleines Klammerpflaster auf die Wunde zu bekommen.“

Die Zentralisierung des Labors an der Klinik Sulingen sei ein weiteres Beispiel. Fünfmal pro Tag fahre ein Auto von Bassum nach Sulingen – insgesamt 200 Kilometer pro Tag, mit den entsprechenden Belastungen für die Straße und vor allem die Umwelt: „Wir haben ein Weltklimaziel“, gibt Lanzendörfer zu bedenken.

Elementar sei, dass jede der drei somatischen Kliniken eine Grundversorgung biete: „Einen Herzinfarkt-Patienten an das Nachbar-Krankenhaus zu verweisen, das geht gar nicht!“ Diese Grundversorgung müsse vor allem auf die Krankheitsbilder zugeschnitten sein, die in einer immer älter werdenden Gesellschaft zunehmen: Wie Erkrankungen des Herzkreislauf-Systems, des Bewegungsapparates und Diabetes.

Was wünscht sich der Bassumer Mediziner für die Klinik Bassum? „Erstmal Konstanz!“, antwortet er. Zu oft hätten die Ärzte in den vergangenen Jahren gewechselt. Und: „Ärzte brauchen Bindung vor Ort.“ Neben der Grundversorgung sei für das Krankenhaus Sulingen auch die spezialisierte chirurgische Orthopädie wichtig. Aber nicht für Fließband-Operationen. Zumindest sei auffällig, so Lanzendörfer, dass der Landkreis Diepholz 2012 bundesweit die meisten neuen Knieprothesenträger gehabt habe: 159 auf 100000 Einwohner. In Bremen seien es nur 71 gewesen.

Und die Klinik Diepholz? Sie passe gut zum Versorgungssektor Vechta/Lohne. Schwerpunkt in Diepholz sei die Urologie. Bei Krebs-Patienten in diesem Bereich bestehe schon heute eine Zusammenarbeit mit Onkologen aus Vechta – für Lanzendörfer ein guter partnerschaftlicher Ansatz. „Außerdem passt die Dialyse in Diepholz hervorragend dazu!“ Im Herzkathederbereich, den sowohl Diepholz als auch Vechta anbieten, sei schon alles ausgereizt – sprich es gibt mehr als genug Versorgungsangebote. Hier biete sich allenfalls eine Zusammenarbeit bei den Tag- und Nachtschichten an, um schnelle chirurgische Eingriffsmöglichkeiten zu schaffen. „Es muss nicht unbedingt ein Krankenhaus in den jetzt bestehenden Strukturen sein“, so der Bassumer Mediziner. Denkbar sei für Diepholz durchaus ein medizinisches Versorgungszentrum.

Unabhängig davon sei es wichtig, den niedergelassenen Ärzten grundsätzlich die Klinik-Türen zu öffnen – so, wie es sich in einer bundesweiten Gesetzesinitiative abzeichne. Will heißen: Niedergelassene Ärzte sollten ihre Patienten im Krankenhaus selbst behandeln dürfen.

„Was könnt ihr? Was können wir?“ Diese Frage müsse im Mittelpunkt aller Gespräche stehen – einerseits bei der Partnerschaft mit Vechta, andererseits bei der Partnerschaft zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten: „Das macht volkswirtschaftlich Sinn!“

Wäre in der Zukunft auch wieder eine geburtshilfliche Abteilung im LandkreisDiepholz denkbar? „In enger Kooperation mit den Gynäkologen“, antwortet der Bassumer Mediziner. Mit einer Hauptabteilung in Bassum oder Sulingen könne man anfangen – aber so etwas brauche viel Zeit, bis genügend Patientinnen das Angebot vertrauensvoll annehmen. Im Augenblick bekommen viele Frauen aus dem Landkreis in Bremen ihre Kinder.

Nicht nachvollziehen kann Lanzendörfer die Kritik, die Landrat Cord Bockhop im Kreistag an den Bremer Kliniken geübt hatte – weil sie Geld für die Geburtshilfe-Patientinnen aus dem Landkreis Diepholz verlangen wollen (wir berichteten). Diese Forderung sei berechtigt, sagt Lanzendörfer: „Bremen legt ja bei jeder Geburt Geld dazu!“

Amüsiert habe er sich dagegen über die „wie gewohnt Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmende Haltung“ von CDU-Fraktions-chef Volker Meyer im Kreistag. Meyer hatte erklärt, dass die Entscheidung für die Alexianer vor zehn Jahren richtig gewesen sei. Lanzendörfer schüttelt den Kopf: „Wäre sie richtig gewesen, dann hätten wir heute diese Probleme nicht!“

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