Wegen Corona keine Sternenfahrten für Sterbende, doch der Tod wartet nicht

Letzte Wünsche bleiben unerfüllt

Am Ende des Lebens noch einmal zum Nordkap: Dieser Wunsch ging für eine 54-Jährige noch in Erfüllung.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Sterbenden den letzten großen Lebenswunsch erfüllen: Das hat sich der Verein Ambulance Service Nord (ASN) mit seinen Sternenfahrten zur Aufgabe gemacht. Doch jetzt wirft Corona lange Schatten. Letzte Lebenswünsche dürfen zurzeit nicht erfüllt werden und müssen warten. Für die ehrenamtlichen Begleiter der Sternenfahrten eine kaum zu ertragende Situation, stellt Frank Hupe als ASN-Vorsitzender klar. Denn der Tod wartet nicht.

Allein in diesem Jahr haben den ASN 21 letzte Lebenswünsche erreicht. Aber nur sechs Sternenfahrten waren möglich, bis der strikte Infektionsschutz vor Corona alles änderte und die Fahrten mit den Sterbenden – zum Beispiel zur Nordsee – nicht mehr erlaubt waren.

Welche enorme Bedeutung diese Sternenfahrten aber haben können, erlebten die Helfer bei einer dieser sechs Fahrten auf völlig ungeahnte Weise. Eine Frau, die noch einmal die Nordsee sehen wollte, starb auf der Fahrt dorthin. Sie sei friedlich eingeschlafen – offenbar in dem Gefühl, dass ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird.

„Kurz vor der Krise gab es einen Hilferuf von Freunden einer 54-jährigen Dame, die unheilbar an einem sehr aggressiven Hirntumor leidet, einen geplanten Lebenstraum zu erfüllen“, berichtet Frank Hupe über einen anderen Fall. Die Bitte kam aus Erfurt: Ein Lebenstraum, die Reise zum Nordkap, sollte unbedingt noch Wahrheit werden. „Die Finanzierung eines solch großen Wunsches sollte zum ganz großen Teil über die Freunde sichergestellt sein“, so Frank Hupe. Aber die Umsetzung schien angesichts der tückischen Krankheit kaum möglich.

„Der Ambulance Service Nord hat es sich trotz dieser ganz großen Sache und Entfernung sehr zu Herzen genommen und die vollste Unterstützung zugesagt“, so berichtet der Vorsitzende. Doch die mehr als 2 800 Kilometer lange Strecke war für den auf Ausflüge ausgerichteten ASN allein nicht zu bewältigen. „Aber das Netzwerk dieses Vereins ist mittlerweile sehr groß geworden, und so etwas wie die Sternenfahrten nicht mehr die ganz große Seltenheit“, formuliert es Frank Hupe, der umgehend Kontakt zu einem Verein namens Helping Angels (helfende Engel) Gotha aufnahm, „weil diese genau in dieser Region ihre Tätigkeiten anbieten“. Durch diese – mittlerweile enge – Partnerschaft zwischen den Vereinen gelang es, der unheilbar kranken Frau doch noch die Erfüllung ihres Lebenstraums zu ermöglichen.

Doch für alle anderen Sterbenden ist das zurzeit nicht erlaubt. „Es tut unglaublich weh, wenn das Telefon klingelt und man einen Menschen am Telefon hat, der noch einen Wunsch für sich oder einen Angehörigen in seiner schwierigen Situation hat, und man dieses derzeit nicht erfüllen kann“, schildert Frank Hupe die prekäre Lage.

„Man bekommt immer wieder einen Verzweiflungssatz zu hören“, so der Vorsitzende. Einer werde ihn noch lange begleiten: „Man darf doch Primeln im Baumarkt kaufen, aber mich in meinen letzten Tagen nicht ans Wasser fahren.“ Für ihn und alle Helfer seien solche Reaktionen nur schwer zu ertragen, weil ihnen das Projekt und seine Durchführung sehr am Herzen lägen.

„Diese Menschen sind es, die uns zur Zeit mehr denn je benötigen, da sie schon viele andere Einschränkungen zusätzlich aufgehalst bekommen“, blickt Frank Hupe auf unheilbar Kranke. Der ASN gibt nicht auf: „Wir sind in den letzten Tagen dabei und versuchen irgendwie, eine Genehmigung für die Sternenfahrten zu erhalten.“ Auflagen nehmen die Helfer selbstverständlich in Kauf: „Uns ist klar, dass es nur unter eingeschränkten Voraussetzungen möglich sein wird, diese Fahrten zu ermöglichen.“

Hinzu kommen ganz handfeste finanzielle Sorgen: Wegen der Infektionsgefahr muss der ASN seine Erste-Hilfe-Kurse aussetzen. Aber: Aus den Kursentgelten fließt der Löwenanteil der Einnahmen für die gesamte Vereinsarbeit, stellt Frank Hupe klar. Die Folge: „Derzeit sind wir auf jede noch so kleine Unterstützung angewiesen, um besonders das Projekt Sternenfahrten bei Freigabe wieder voll zur Verfügung zu haben.“ Denn für Vereine gebe es keine staatlichen Hilfen: „Wir führen alles rein ehrenamtlich durch.“

Dankbar ist Hupe für die Unterstützung eines Arztes („der namentlich nicht genannt werden möchte“), der dem Verein für den Monat April die Versicherungsprämien gespendet hat. „Wir verzeichnen in diesen Zeiten neben den eigenen nicht vorhandenen Einnahmen auch einen sehr starken Rückgang der Spendenbereitschaft“, sagt der Vorsitzende. Dabei wirken auch die ungezählten Absagen von Veranstaltungen, auf denen der ASN das Projekt „Sternenfahrten“ vorstellen wollte: Keine Chance, den ASN als „Verein zum Anfassen“ zu präsentieren, bedauert der Vorsitzende. Er hat nur einen Wunsch: „Wir hoffen wie viele andere Mitmenschen auch, halbwegs unbeschadet aus dieser Situation heraus zu kommen.“

Weitere Infos

Im Internet bietet der Ambulance Service Nord Informationen an:

www.asnev.de

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