Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Diepholz im Interview

„Mehr Frauen erleben sehr schlimme Gewalt“

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Doris Wieferich

Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Doris Wieferich ist Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses Diepholz. Heute feiert sie ihr 25-jähriges Dienstjubiläum. Im Interview mit der Kreiszeitung spricht sie darüber, was sich in ihrem Arbeitsalltag verändert hat und worauf sie besonders stolz ist.

Was genau gehört zu den Aufgaben einer Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses?

Doris Wieferich: Ich koordiniere unter anderem unsere Beratungsstellen in Diepholz, Syke und Sulingen mit einer Sprechstunde in Stuhr, die BISS (Beratungs- und Interventionsstelle) in Diepholz, die auch zweimal im Monat eine Sprechstunde in Syke anbietet. Ich leite Teamsitzungen, übernehme Aufgaben in der Verwaltung, mache Beratungen bei uns im Haus oder nehme an Treffen teil, bei denen Leiterinnen verschiedener Frauenhäuser zusammenkommen. Diese Treffen sind mir sehr wichtig, da ich dadurch über den Tellerrand hinausschauen kann und sehe, was anderswo passiert.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?

Wieferich: Oh ja. 1990 kam ich am 15. Oktober, kurz nachdem ich mein Diplom erworben hatte, nach Diepholz, um mein Anerkennungsjahr zu machen. Damals gab es nur drei Arbeitskräfte: eine Erzieherin, eine Leiterin – und mich. An meinem ersten Tag musste ich gleich mit nach Syke, wo sich das Frauenhaus bei einer Veranstaltung vorstellte. Das gab mir einen guten Überblick, was die Einrichtung alles macht. Am zweiten Tag wurde ich gleich ins kalte Wasser geschmissen.

Was heißt das?

Wieferich: Jemand wurde krank und als eine Frau um Aufnahme im Frauenhaus bat, musste ich sie übernehmen. Ich war verunsichert, aber mir wurde gesagt: ,Mit gesundem Menschenverstand kriegst du das hin‘. Ich habe es dann so gemacht, wie ich es für richtig hielt. Aber bis man wirklich in der Arbeit drin ist, braucht es ein halbes Jahr.

Gibt es ein besonders schönes Erlebnis, an das Sie gern zurückdenken?

Wieferich: Als unser Kooperationsprojekt ,Bürgermut tut allen gut – Nachbarschaften gegen Häusliche Gewalt aktivieren‘ in der Kategorie beste Präventionsprojekte in Deutschland mit zwei weiteren Projekten nominiert wurde. Das zeigte mir, das wir alles richtig gemacht haben. Ein anderes Erfolgserlebnis ist für mich, dass in diesen Tagen 16 Kolleginnen aus ganz Deutschland in der Freudenburg in Bassum zusammenkommen, um gemeinsam Methoden der systemischen Paar-Beratung in Fällen von Häuslicher Gewalt zu lernen, die wir ab 2016 anbieten wollen. Ich habe diese Weiterbildung gemacht und war begeistert. In dieser Beratung wird mit dem Täter gesprochen, der dadurch hoffentlich aus seiner Rolle herausfindet und lernt, Konflikte künftig nicht mehr mit Gewalt zu lösen. Es geht darum, Menschen wieder in Kommunikation zu bringen.

Gab es auch mal Zeiten, in denen Sie daran dachten, aufzuhören?

Wieferich: Ja, einmal. Ich wollte ursprünglich nur mein Anerkennungsjahr in Diepholz absolvieren, doch dann fand ich die Arbeit so spannend, dass ich eine Weiterbildung zur Beraterin machte und blieb. Aber es kam auch eine Zeit, in der es nicht mehr rund lief. Es gab finanzielle Probleme und andere Schwierigkeiten. Da dachte ich daran, etwas anderes zu machen.

Was belastet Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Wieferich: Wenn ich etwas Sinnvolles und Nötiges für die Gewaltschutzarbeit im Landkreis tun will, aber nicht kann, weil die Rahmenbedingungen es nicht hergeben oder ich kein Gehör finde.

Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren am meisten verändert?

Wieferich: Unser Klientel. Wir haben mehr Hochrisikofälle, das bedeutet, Frauen, die sehr schlimme Gewalt erlebt haben, Morddrohungen bekommen oder verfolgt werden. Zudem haben wir viele Frauen mit Migrationshintergrund. Das sind andere Kulturen, über die wir uns erstmal informieren müssen, um sie zu verstehen. Außerdem ist der Zusammenhalt der Frauen nicht mehr so stark wie früher. Damals fand sich in den Frauenhäusern eine kleine Gemeinschaft zusammen, die sich in der schweren Zeit unterstützte. Das ist anders geworden.

Gibt es auch positive Entwicklungen?

Wieferich: Aber ja. Es wird viel mehr über häusliche Gewalt gesprochen. Zudem hat sich ein gutes Netzwerk gebildet, an dem der Landkreis, die Polizei und andere Einrichtungen mitwirken. Nur gemeinsam kann man neue Wege finden.

Wie lautet Ihr Wunsch für die Zukunft?

Wieferich: Ich darf ja träumen: Ein neues Frauenhaus, wo es mehr Platz für die Frauen, Kinder und Mitarbeiter gibt. Und ich hoffe, dass wir weiterhin Verständnis und Gehör für unsere Arbeit finden. Ich finde es sehr wichtig, dass es Frausenhäuser und Beratungsstellen gibt – auch wenn wir nur die Spitze des Eisbergs erreichen.

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