„TempALand“ untersucht sogenannte Multilokalität

Leben an mehreren Orten: Risiko oder Chance?

Zwei Raum- und Landesplaner kleben mit Punkten ihre Erfahrungen mit dem Leben an mehreren Orten auf Papierwände.
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Zwei Raum- und Landesplaner kleben mit Punkten ihre Erfahrungen mit dem Leben an mehreren Orten auf Papierwände.

Landkreis Diepholz - Von Katharina Schmidt. Die Familie ist fest im Ort verwurzelt. Schule, Sportverein, Freunde – alles passt. Außer der Job. Der verlangt plötzlich, mehrere hundert Kilometer von der Heimat entfernt zu arbeiten. Lohnt es sich dafür, den Lebensmittelpunkt zu verlegen?

Viele Menschen beanworten diese Frage mit „Nein“. Die Folge kann ein zweiter Wohnsitz sein. Andere Gründe für eine sogenannte multilokale Lebensweise sind Liebe, Studium oder Freizeit. Leben an mehreren Orten – was heißt das und welche Auswirkungen hat das im Landkreis Diepholz? Diesen Frage geht das Forschungsprojekt „TempAland“ auf den Grund.

Am Dienstag trafen sich im Diepholzer Kreishaus rund 70 Teilnehmer zur offiziellen Auftaktveranstaltung des Projekts, das der Landkreis Diepholz gemeinsam mit der Leibniz-Universität Hannover in Angriff genommen hat. Das Thema „Leben an mehreren Orten“ betrifft viele Menschen. So war auch das Publikum gemischt: Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, der Freiwilligen Feuerwehr sowie Ehrenamtliche diskutierten gemeinsam.

„Die Lebenswelten werden vielfältiger“, sagte Landrat Cord Bockhop bei seiner Begrüßung. Die Gründe seien vielfältig. Welche Anlässe es für Menschen gibt, im Landkreis Diepholz einen von mehreren Wohnorten zu haben, soll mittels eines Fragebogens herausgefunden werden. Dieser wurde vor etwa zwei Wochen an alle Haushalte in den Samtgemeinden Barnstorf, Rehden und Lemförde, der Gemeinde Wagenfeld und der Stadt Diepholz verschickt. Laut Prof. Frank Othengrafen von der Universität Hannover, wissenschaftlicher Leiter des Projekts, sind bereits 400 bis 500 Rückmeldungen angekommen. Rund 120 davon seien bisher ausgewertet geworden. Vorläufige Ergebnisse zeigen: Das Motiv für das Leben an mehreren Orten ist meistens der Beruf. Betroffen sind in erster Linie die 40- bis 64-Jährigen. Fast alle Befragten fühlen sich im Landkreis Diepholz zu Hause.

Prof. Frank Othengrafen, wissenschaftlicher Leiter des Projektes „Tempaland“, stellt erste Forschungsergebnisse vor. 

Wesentlich jünger als die meisten Betroffenen ist Tido Hagen, Student an der Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik in Diepholz. Ob es Vorteile gibt, zeitweise im Landkreis Diepholz in einer Wohngemeinschaft am Dümmer zu leben? „Gute Frage“, sagte er bei der Auftaktveranstaltung und schmunzelte. „Man kann sich auf jeden Fall sehr gut aufs Lernen konzentrieren“. Aber man lerne auch neue Leute kennen. Prinzipiell denkt er, dass mehrere Wohnorte für einzelne Personen meistens nur zeitlich begrenzt in Frage kommen, das Leben an mehreren Worten allgemein aber immer mehr Menschen betreffen wird. Außerdem meinte er, dass neben dem Studium kaum Zeit bleibe, sich ehrenamtlich zu engagieren. Damit ist er nicht alleine. Laut Kreisbrandmeister Michael Wessels ist fehlende Zeit und Ortsgebundenheit ein Problem, das auch die Feuerwehr zu spüren bekommt.

Multilokalität: Chancen erkennen 

Klar ist schon jetzt: Die veränderten Lebenswirklichkeiten haben Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt, die Fachkräftegewinnung der Unternehmen, für ehrenamtliches Engagement und das Zusammenleben vor Ort. Dabei geht es nicht nur darum, Herausforderungen auszuarbeiten, sondern auch Chancen zu erkennen – in dem Punkt waren sich die Teilnehmer im Kreishaus einig. 

Bei ihrer Diskussion haben sie konkrete Maßnahmen beleuchtet, die vor dem Phänomen der Mulitlokalität von Bedeutung sein könnten. So wurde angeregt, Menschen mit Zweitwohnsitz im Landkreis stärker ins örtliche Leben zu integrieren. Außerdem war Thema, Öffnungszeiten von Geschäften flexibler zu gestalten.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das dreijährige Verbundprojekt mit insgesamt 628 000 Euro. Auf Grundlage der Ergebnisse sollen konkrete Handlungsempfehlungen für Kommunen entwickelt werden. Wer sich angesprochen fühlt und an der laufenden Befragung teilnehmen möchte, kann dies weiterhin im Internet tun.

www.tempaland.de

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