Multilokalität: Chancen sehen

Leben an mehreren Orten - ein Forschungsprojekt

Spielerisch lässt sich erfahren, was Leben an mehreren Orten bedeutet. Foto: Simone Brauns Bömermann
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Spielerisch lässt sich erfahren, was Leben an mehreren Orten bedeutet.

Für Menschen, zwischen deren Wohnort und Arbeitsort hunderte von Kilometern liegen, ist das Leben an mehreren Orten Alltag. Was das bedeutet, hat das Projekt Tempaland über einen Zeitraum von drei Jahren untersucht.

Diepholz – Jetzt besitzen sie einen Werkzeugkasten, der Landkreis und die fünf Gemeinden der Modellregion Diepholzer Land: Ganz praktisch können sie damit auf das Thema Multilokalität reagieren, also auf das Leben von Menschen an mehreren Orten. Drei Jahre lang hatten die Akteure im Bundesforschungsprojekt „TempALand“ (mit Förderung aus dem Programm „Kommunen aktiv“) untersucht, was ein solches Leben bedeutet. Das Fazit der Abschlussveranstaltung im Diepholzer Kreishaus: Agieren ist besser als Reagieren.

„Wir haben einen Werkzeugkasten zum Agieren für Sie erarbeitet, eine Ausstellung entwickelt und das Online-Tool ,PendlALand’ gebaut“, zeigte sich Professor Dr. Frank Othengrafen als Wissenschaftler und Projektleiter im Diepholzer Kreishaus zufrieden – und bekannte: „Ich habe den Landkreis Diepholz sehr wertgeschätzt und lieb gewonnen, die totale Zahl der multilokal Lebenden im Landkreis müssen wir Ihnen schuldig bleiben. Wir schätzen, es sind neun Prozent.“

Was die Befragung per Postkarte von 362 Personen ergab, war jedoch klar: 43 Prozent kommen von auswärts wegen des Berufes und leben im Landkreis Diepholz, 16 Prozent studieren hier. 39 Prozent davon leben in einer Zweitwohnung, und 14 Prozent nutzen eine Studentenwohnung. „Multilokalität ist sehr unerforscht, es wird mehr in der Soziologie verortet“, betonte Othengrafen.

Umso erfreuter zeigte er sich über die Ergebnisse und praktischen „Annäherungstools“, die im Verlauf der Forschung entstanden waren. Dabei hatten die Leibniz Universität Hannover, der Landkreis Diepholz und fünf Kommunen im Diepholzer Land sowie Unternehmen und Ehrenamtliche zusammen gearbeitet. Die Handlungsfelder: Wohnen, soziale und technische Infrastruktur, kommunale Finanzen, bürgerschaftliches Engagement und Landnutzung. Damit hatte sich eine Forschungsgruppe befasst. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin stellte Lena Greinke die Ergebnisse vor: „Wir haben Sensibilisierung für das Thema erreicht. Erkannt, dass demografischer Wandel und Multilokalität sich gegenseitig bedingen und der Landkreis Diepholz eine hohe Bindungswirkung besitzt. Das sehe ich als echte Chance, Arbeitskräfte zu binden und Studierende zurückzuholen in die Region.“

Aus dem Forschungsprojekt ist eine 84-seitige Broschüre, der „Werkzeugkasten“ zum Umgang mit Multilokalität, entstanden. „Da findet man passende Ideen, keine Kommune muss bei Null anfangen“, hieß es während der Abschlussveranstaltung. Die Werkzeuge sind im Internet unter der Adresse www.tempaland.de zu finden.

Damit lässt sich beispielsweise die Anzahl multilokal lebender Menschen ermitteln. Außerdem gehört das „Experiment“ Planspiel dazu – und ebenso der „Steckschlüsselsatz“, eine praktische Ideenbörse mit guten Praxis-Beispielen.

Der Schlüsselsatz fand bei den Teilnehmern den größten Zuspruch, weil er wie ein Nachschlagewerk mit Handlungsvorschlägen, Beispielen sowie zu erwarteten Effekten und Strategien aufgebaut ist. Und den Anspruch der mittelfristigen Pflichtlektüre für Kommunen besitzt.

Im dreijährigen Prozess von „TempALand“ entstand auch ein Online-Tool für Pendler. Sie können damit beispielsweise die Frage beantworten: „Lohnt sich das tägliche Fernpendeln zu meinem Arbeitsplatz? Oder wäre eine Zweitwohnung auch im Hinblick auf CO2-Emission und Zeitaufwand nicht günstiger?“

Die Ergebnisausstellung des dreijährigen Forschungsprojektes soll nun an verschiedenen Orten gezeigt werden. „Sie wird durch die Rathäuser und den Landkreis wandern“, verkündete Detlef Tänzer als Leiter des Landkreis-Fachdienstes Kreisentwicklung.

Dass es bei allen Aspekten zum Thema Multilokalität auch um Daseinsvorsorge, Nachhaltigkeit und gesamtgesellschaftliche Aufgabe geht, stellten Bürgermeister Jürgen Lübbers (Samtgemeinde Barnstorf), Detlef Tänzer sowie Timm Jacobsen (Amt für regionale Landentwicklung Leine-Weser) und Uwe Tenschert (Wohnbau Diepholz) fest. „Wir sitzen alle in einem Boot“, so Tenschert.

„Ein wenig haben wir die Individualität der erforschten Menschen unterschätzt“, gab Professor Othengrafen am Ende der Veranstaltung zu. „Das Wissen um Multilokalität birgt vor allem Chancen“, kommentierte Landrat Cord Bockhop.

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