Landwirte protestieren gegen ruinösen Wettbewerb

Angst um nackte Existenz

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Fordern faire Milchpreise: (v.l.) Wolfgang Johanning, Jürgen Thielker, Maxi Kohlwes, Dieter Rempe, Alexander Johanning und der Vorsitzende des Landvolks Grafschaft Diepholz, Theo Runge.

Diepholz - Von Anke Seidel. Mit energischem Schwung biegen vier große Zugmaschinen auf den Diepholzer Marktplatz ein, an den Frontladern große Plakate. Die Botschaft ist klar: Die Landwirte fahren bewusst die harte Schiene, um endlich das zu erreichen, was ihnen eine Zukunft sichert – Milchpreise, die wenigstens die Produktionskosten decken.

Denn zurzeit könnten die Landwirte ihre Milch ebenso gut an einen Teil der Verbraucher verschenken. „Der Milchpreis liegt bei 26 Cent“, erklärt Wolfgang Johanning, „aber unsere Vollkosten betragen 40 Cent“. Will heißen: Tag für Tag müssen die Landwirte Geld im Kuhstall zulegen. Sie müssen Eigenkapital an das laufende Geschäft „verschenken“, statt damit Geld zu verdienen. Ursache: Das Überangebot auf dem Markt.

Solidarität zwischen Bauern und Bürgern – diesen Wunsch der Landwirte spiegeln die Plakate an den Traktoren wider.

Deshalb beteiligen sich drei Landwirte und eine Melkerin an der Sternfahrt des BDM (Bund Deutscher Milcherzeuger) nach München. Von Diepholz aus wollen sich die Milchbauern in Cloppenburg ihren Kollegen anschließen, die schon am Morgen in Ostfriesland gestartet sind. „Das ist wie ein Staffellauf“, sagt Wolfgang Johanning. Landwirte begleiten diese Tour für eine bestimmte Strecke (die Diepholzer eine Tagesetappe), um ihre Solidarität zu bekunden – und um Verbraucher über die ruinösen Preise auf dem Milchmarkt aufzuklären.

Im Kuhstall werde zurzeit Eigenkapital „verbrannt“, formuliert es Dieter Rempe als Milchboard-Regionalleiter im Landkreis Diepholz. Rempe ist Verfechter einer vertragsgebundenen Milchvermarktung: „In den Verträgen müssen Menge, Preis, Qualität und Laufzeit verbindlich für alle geregelt werden. Damit wäre sowohl den Molkereien als auch den Milcherzeugern gedient, weil sie dann besser planen können“, argumentierte er bereits vor Wochen (wir berichteten).

Ziel der Sternfahrt ist München, wo die Landwirte am 1. September eintreffen und in einer großen Protestkundgebung Bundesagrarminister Christian Schmidt in die Pflicht nehmen wollen. Die Milchbauern fordern schnelle Hilfen, damit sie ihre Hoftore am Ende nicht für immer schließen müssen.

„Wir müssen im Jahr 1000 Euro pro Kuh beilegen“, rechnet Jürgen Thielker die Auswirkung der Milchpreiskrise vor – der dritten in sechs Jahren. Das wollen die Aktiven in Diepholz nicht länger hinnehmen. Theo Runge, Vorsitzender des Landvolk-Verbands Grafschaft Diepholz, steht an ihrer Seite: „Normale Produkte müssen einen normalen Preis haben – damit auch unsere Familien davon leben können.“

Wolfgang Johanning ist sicher, dass die Milchpreiskrise in einer weltweit vernetzten Landwirtschaft am Ende auch die Bauern in den so genannten Drittländern trifft: „Und die könnten am Ende dann wieder als Wirtschaftsflüchtlinge zu uns kommen“. Ein Teufelskreis, der so schnell wie möglich durchbrochen werden müsse. Es ist nicht der einzige, in dem die Landwirte stecken: Weil der Milchmarkt durch die ruinösen Preise vor allem mittelständische Milchbauern „frisst“, öffnet das der industriellen Landwirtschaft Tür und Tor, argumentieren die Landwirte. „Dann müssen wir mittelständischen Bauern uns wieder gegen den Vorwurf der Verbraucher wehren, industrielle Landwirtschaft zu betreiben“, sagt Wolfgang Johanning. Mit Herzblut unterstützt Maxi Kohlwes die Landwirte. Sie ist Melkerin und betont: „Tierwohl lässt sich nur mit vernünftigen Erzeugerpreisen erreichen!“

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