Ganzheitliche Beratung

Landkreis Diepholz möchte das Vertrauen der Prostituierten

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Geld verdienen im ältesten Gewerbe der Welt: Prostituierte (Symbolfoto) haben Rechte und Pflichten. 68 Frauen hat der Landkreis in den ersten sechs Monaten dieses Jahres beraten.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Ausgebeutet, benutzt, betrogen – Attribute, die untrennbar mit dem ältesten Gewerbe der Welt verbunden sind. Denn Ermittlungen im Milieu der Prostitution entlarven immer wieder den menschenunwürdigen Umgang mit Frauen. Sie zu schützen, über ihre Rechte aufzuklären und zu beraten – das ist seit einem Jahr Aufgabe des Landkreises Diepholz und ein hochsensibles Arbeitsfeld, das die Mitarbeiter der Kreisverwaltung übernommen haben.

68 Frauen haben sie in den ersten sechs Monaten dieses Jahres beraten, erklärt Landrat Cord Bockhop auf Anfrage. Basis: Das Prostituiertenschutzgesetz, in dem die Anmeldepflicht für Prostituierte festgeschrieben ist. Die dazu gehörende Bescheinigung erhalten die Frauen – oder auch Männer – erst nach der gesundheitlichen Beratung. Ziel ist es aber genauso, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter über ihre Rechte und Pflichten aufzuklären.

Eineinhalb Stunden, so berichtet der Landrat, dauert ein solches Beratungsgespräch in der Regel: „Unsere Mitarbeiter nehmen sich sehr viel Zeit dafür.“ Und müssen besondere Hürden überwinden: 20 der 68 Frauen sprachen kein Deutsch und konnten nur mithilfe von Dolmetschern beraten werden.

Schutz vor Krankheiten und ungewollter Schwangerschaft – um solche Themen geht es in der gesundheitlichen Beratung. Aber auch andere Aspekte spielen eine große Rolle. Kranken- oder Arbeitslosenversicherung, Rente: Wissen die Frauen um diese Möglichkeiten? Und dass sie als Angestellte Anspruch auf Urlaub oder Krankengeld haben? Es ist eine ganzheitliche Lebenssituationsberatung, die Mitarbeiter des Landkreises dabei leisten.

„Es gibt Lösungen, der Staat ist da“

„Man muss im Gespräch ganz viel Vertrauen aufbauen“, betont der Landrat. Denn nur so könnten die Mitarbeiter etwas über die persönliche Situation der Prostituierten erfahren: Darf sie das Geld behalten? Muss sie einen Teil oder ihren gesamten Verdienst abgeben – und wenn ja, an wen? Nur wenn die Frauen offen über ihre Lage sprechen, kann am Ende das Ziel des Gesetzes erreicht werden: Schutz und Hilfe.

„Es gibt Lösungen, der Staat ist da“, formuliert Kreisrat Jens-Hermann Kleine die Botschaft der Landkreis-Mitarbeiter in diesen Gesprächen. „Die Frauen sollen wissen, dass sie zu uns kommen können, wenn sie es wollen.“

Mit der Anmeldung und der Erstberatung ist es nicht getan: „Danach muss alle zwölf Monate eine erneute Beratung erfolgen, bei unter 21-Jährigen sogar alle sechs Monate“, erläutert der Landrat die Gesetzeslage – und weiß, dass eine regionale Behörde an diesem Punkt an ihre Grenzen kommt. Denn bundesweite Strukturen in der Prostitution offenbaren einen starken Wechsel. Nur für eine begrenzte Zeit arbeiten die Frauen an einem Ort, reisen aus dem Landkreis Diepholz womöglich nach Frankfurt – oder umgekehrt.

Wie wirksam ist unter solchen Bedingungen die Akte, die beim Landkreis Diepholz geführt wird? Vor allem, wenn die Frauen einen Künstlernamen angeben? Denn das sei erlaubt, erklärt der Landrat: „Einige Personen wollen nicht unter ihrem eigenen Namen tätig werden.“

Regionale Behörde kommt an ihre Grenzen

Der Landkreis müsse sich zunächst einen Überblick verschaffen: Wie viele Frauen gehen – und in welchem Rhythmus kommen sie möglicherweise wieder in den Landkreis zurück? „Bei allen Bemühungen um Schutz entgleitet uns trotzdem ein Teil der Frauen“, bedauert Bockhop mit Blick auf die undurchschaubaren bundesweiten, zum Teil kriminellen Strukturen: „Das ist ein anderes Milieu. Da kommen wir als regionale Behörde an unsere Grenzen.“ Gewalt, Verschleppung oder Sexarbeit von Minderjährigen: „Das werden wir so nicht herausfinden“, so der Landrat.

Von Gegebenheiten in diesem Milieu erfahren die Landkreis-Mitarbeiter, wenn sich die Frauen im Beratungsgespräch vertrauensvoll öffnen. Doch es ist ein zweischneidiges Schwert: Welche Repressalien müssen die Prostituierten erdulden, wenn die Polizei ganz direkt bestimmten Sachverhalten nachgeht? Welche Gefahren sind damit für die Frauen verbunden? Grundsätzlich gilt: Der Landkreis arbeitet mit anderen Behörden wie Polizei oder Finanzamt zusammen. Die Sicherheit der Frauen steht jedoch an erster Stelle.

Kenntnis von zehn Prostitutionsstätten

„Wir müssen einerseits Personen schützen und andererseits Straftaten aufklären“, beschreibt Bockhop einen enorm schwierigen Spagat. Kreisrat Kleine vergleicht das mit der Situation im Jugendamt: „Da müssen wir einerseits eine tiefe Vertrauensbasis zu den Eltern aufbauen und andererseits die Kinder schützen.“

Haben sich nach den Beratungsgesprächen bereits Prostituierte für den Ausstieg entschieden? „Das ist uns nicht bekannt“, so Bockhop und Kleine. Ihren engagierten Mitarbeitern wünschen sie jedoch Erfolgserlebnisse. Gleichzeitig müssen sie die Bordelle im Landkreis in den Blick nehmen. Denn das Gesetz schreibt für deren Betreiber eine Erlaubnispflicht vor.

Wohnmobile, ehemalige Gaststätten oder andere Gebäude: Aktuell hat der Landkreis Kenntnis von zehn Prostitutionsstätten. „Die Dunkelziffer könnte aber weit höher sein“, sind sich der Landrat und der Kreisrat einig.

Neue Etiketten und die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des Internets machen dem Landkreis die Recherche schwer: „Wie sollen wir bei der Vielzahl der individuellen Möglichkeiten handeln? Prostitution – wie weit geht das? Was ist freiwillig und was nicht? Wen sollen wir als Betreiber anschreiben?“, nennt der Landrat die zentralen Fragen. In jedem Fall werde die Kreisverwaltung weiter nachhaken.

Landrat Cord Bockhop ist einerseits froh, den Frauen kostenlos Unterstützung bieten zu können. Andererseits seien die Möglichkeiten des Landkreises eng begrenzt. Deshalb bewertet er das neue Gesetz so: „Gut gemeint, aber nicht gut gemacht.“

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