Milchpreis-Misere quält Landwirte / Ohne Kredite kein Überleben / Kuh-Verkauf

„Das ist Wahnsinn, was hier abgeht!“

+
Einst als „weißes Gold“ bezeichnet, heute billiger als die Produktionskosten: Der Preis für das Lebensmittel Milch ist tief im Keller.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. „Jeden Tag verbrenne ich 300 Euro im Kuhstall. Man hält den Druck nicht mehr aus. Das ist Wahnsinn, was hier abgeht!“, berichtet ein Landwirt aus dem Landkreis Diepholz, der namentlich nicht genannt werden will. Denn dass er bereits mit einem fast sechsstelligen Betrag verschuldet ist, soll niemand wissen: „Ich muss jetzt zur Bank.“ Schuld an der Misere ist der extrem niedrige Milchpreis, der die Produktionskosten bei weitem nicht deckt.

Nicht einmal 30 Cent bekommt der Landwirt für einen Liter Milch. Genau den zu produzieren, kostet den Milchbauern jedoch 45,64 Cent, hat die Milcherzeugergemeinschaft Milchboard errechnet. Im Klartext: Liter für Liter legt der Landwirt knapp 16 Cent aus eigener Tasche drauf, statt Geld zu verdienen. Draufzahlen würden die Landwirte schon seit mehreren Jahren, sagt Dieter Rempe, Milchboard-Regionalleiter im Landkreis Diepholz: „Ein Ende der Talfahrt ist noch nicht abzusehen!“ Notgedrungen müssten Landwirte Investitionen verschieben oder könnten Kredite nicht mehr bedienen: „Von fehlenden Rücklagen für den Betrieb und die Rente ganz zu schweigen“, sagt Rempe.

Sein Berufskollege, der namentlich nicht genannt werden möchte, führt einen alten Familienbetrieb. „Als ich aus der Lehre kam, hatte mein Vater 30 Kühe“, sagt er. Heute stehen fünf mal so viele im Stall. Sie sollen mit ihrer Milch für einen auskömmlichen Verdienst sorgen. „Bis 2009 ging es noch so einigermaßen“, sagt der Landwirt, „aber jetzt kommen immer mehr Tiefschläge.“ Weil die Milchproduktion deutlich mehr kostet als sie einbringt, habe er im vergangenen Herbst schon 70 Kühe verkauft, erklärt der Milchbauer. Jetzt will er auch die Nachzucht – 20 Rinder – veräußern, um die Betriebskosten zu senken. Eines sei aber jetzt schon klar: „Ohne Kredite überstehen wir den Herbst nicht.“ Dieter Rempe fasst die Dynamik, die den Strukturwandel in der Landwirtschaft vier Monate nach dem Ende der Milchquote noch einmal kräftig befeuert, in vier Worten zusammen: „Milchpreise im freien Fall.“

31 Jahre lang hatte die Quote den Milchmarkt beherrscht – mit dem Ziel, Milchseen auszutrocknen und Butterberge abzuschmelzen. „Doch trotz einer nach oben gedeckelten Menge wurde sie nicht zum Wohle der Milchbauern eingesetzt“, sagt der Milchboard-Regionalleiter, „das lag unter anderem daran, dass die Quoten jährlich erhöht wurden“. Deshalb sei bereits vor ihrem Ende zu viel Milch auf dem Markt gewesen. Und nun hätten viele Landwirte „wieder den Fuß auf dem Gas, um den sinkenden Milchpreis über Menge zu kompensieren“. Weil das nicht funktioniert, hätten viele seiner Kollegen resigniert, sagt Rempe – und möchte, dass seine Berufskollegen ihr Schicksal soweit wie möglich wieder selbst in die Hand nehmen.

„Kein Kilo Milch soll ohne Vertrag den Hof verlassen“, fordert Rempe eine vertragsgebundene Milchvermarktung: „In den Verträgen müssen Menge, Preis, Qualität und Laufzeit verbindlich für alle geregelt werden. Damit wäre sowohl den Molkereien als auch den Milcherzeugern gedient, weil sie dann besser planen können.“ Verbesserungen gäbe es dann auch für genossenschaftlich organisierte Bauern. Denn: „Bislang müssen Genossenschaftmitglieder wegen der so genannten Andienungspflicht ihre gesamte Milch an die Molkerei abliefern und können wegen der meist zweijährigen Kündigungsfrist nur sehr schwer zu einer anderen Molkerei wechseln.“ Eine eigene Molkerei, um endlich unabhängig zu sein, das ist für viele Landwirte ein Traum. Rempes Berufskollege Wolfgang Johanning will ihn verwirklichen: In der alten Molkerei in Rehden.

Nur noch 385 Halter

Alle zehn Jahre geben mehr als die Hälfte aller Milchviehhalter im Landkreis Diepholz auf: Hielten 1995 noch 1 810 Landwirte Kühe, waren es 2004 nur noch 735 und 2014 gerade einmal 385. Dafür steigt die Zahl ihrer Kühe: 1995 standen im Schnitt 24,72 Kühe in einem Stall, 2004 bereits 57,1 und 2014 schon 80. Stetig gestiegen ist auch die Leistung der Tiere. 1995 produzierte eine Kuh im Schnitt 7 312 Kilogramm Milch pro Jahr, 2004 bereits 7 910 und 2014 stattliche 9 406 Kilogramm Milch. n (Quelle: Landwirtschaft in der Region Diepholz/Nienburg).

Das könnte Sie auch interessieren

Werders erste öffentliche Trainingseinheit in Schneverdingen

Werders erste öffentliche Trainingseinheit in Schneverdingen

Rettungskräfte kämpfen mit Regenmassen

Rettungskräfte kämpfen mit Regenmassen

Bilder vom ersten Sieg des FC Bayern auf der Asien-Reise

Bilder vom ersten Sieg des FC Bayern auf der Asien-Reise

Der kunterbunte Tintenkampf: "Splatoon 2" im Test

Der kunterbunte Tintenkampf: "Splatoon 2" im Test

Meistgelesene Artikel

Sommerpicknick in Asendorf erfreut sich großer Beliebtheit

Sommerpicknick in Asendorf erfreut sich großer Beliebtheit

Satteldiebstahl in Heiligenrode

Satteldiebstahl in Heiligenrode

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Norwegischer Urlauber will Benzin holen und "tankt" beim Schützenfest in Stuhr

Norwegischer Urlauber will Benzin holen und "tankt" beim Schützenfest in Stuhr

Kommentare