Jugendhilfe-Bedarf steigt um fast 4,4 Millionen Euro

Traurige Schicksale: Kreis Diepholz muss mehr Minderjährige betreuen

Diepholz - Von Anke Seidel. Es ist ein millionenschweres Handicap, das der Landkreis Diepholz zu schultern hat: Um 2,39 Millionen Euro steigt allein die Hilfe zur Erziehung. Sage und schreibe fast 4,4 Millionen Euro umfasst die Steigerung des Zuschussbudgets im Fachdienst Jugend insgesamt. 35,5 Millionen Euro müssen 2016 finanziert werden. Drei Zahlen, hinter denen sich traurige Schicksale von Kindern und Entwicklungen in dieser Gesellschaft verbergen.

„Wir finanzieren nur die Auswirkungen“, stellt Kreisrat Markus Pragal auf Anfrage vor dem Hintergrund der Beratungen im Jugendhilfe-Ausschuss fest. Er plädierte in diesem Forum dafür, die Ursachen genau zu hinterfragen. „Die Situation steigender Jugendhilfeaufwendungen ist kein auf den Landkreis Diepholz beschränktes Phänomen.“ Es sei eine bundes- und landesweite Entwicklung. Für die stationäre Hilfe zur Erziehung, sprich die Heimunterbringung, waren 2014 im Landkreis Diepholz pro Kopf eines jeden Einwohners unter 18 Jahren 254,90 Euro gezahlt worden. In Niedersachsen waren es mit 287,30 Euro deutlich mehr.

Hatte der Landkreis Diepholz vor drei Jahren noch 173 minderjährige Jungen und Mädchen in einem Heim unterbringen müssen, so waren es 2014 bereits 237. Im laufenden Jahr mussten (Stichtag: 20. Oktober) bisher 220 Minderjährige in einem Heim versorgt werden. Für 2016 rechnet das Jugendamt mit einer weiteren Steigerung der Fallzahlen. Und: Weil Jugendhilfe-Einrichtungen ihre Entgeltabrechnungen mit Zeitverzögerungen vorlegen, spricht das Amt von einer „Bugwelle“ aus den Vorjahren, die nun zu finanzieren sei. Zweites Faktum für die Kostensteigerung sind „deutliche Entgelterhöhungen bei den stationären Einrichtungen“.

Die Kosten sind laut Sitzungsvorlage für den Fachausschuss um durchschnittlich elf Prozent gestiegen. „Auf diese Entwicklung hat der Landkreis keinen Einfluss“, gibt Kreisrat Pragal zu bedenken. Das dritte Faktum hat großen Einfluss auf die Jugendhilfe vor Ort: Die Versorgung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die allen niedersächsischen Jugendämtern nach bestimmten Aufnahme-Quoten zugewiesen werden.

„Nach derzeitigen Berechnungen muss der Landkreis Diepholz jährlich voraussichtlich mehr als 90 unbegleitete Jugendliche aufnehmen und nach jugendhilfe-rechtlichen Bestimmungen versorgen und betreuen“, heißt es in der Sitzungsvorlage. Darauf müssten sich Landkreis und Jugendamts-Mitarbeiter trotz aller weiter laufenden Aufgaben einstellen: „Selbst wenn gesetzlich geregelt wird, dass für die aufgewendeten Jugendhilfemittel Erstattungen vom Land durch dafür bereitgestellte Bundesmittel erfolgen werden, so werden zusätzliche Belastungen nicht ausbleiben.“

Sieben wichtige Ursachen

- Hilfsbedürftige Kinder und Familien befinden sich in immer komplexeren Problemlagen, auf die Jugendhilfe reagieren muss
- Immer öfter braucht Jugendhilfe therapeutische oder vergleichbaren Zusatzleistungen
- Der Mangel an Erziehungskompetenz der Eltern oder an ihrem Erziehungswissen steigt
- Häufig zeigen (sehr) junge Eltern eine geringe Frustrationstoleranz und mangelndes Verantwortungsbewusstsein, sie stellen eigene Bedürfnisse oft unbedacht in den Vordergrund und versorgen ihre Kinder deshalb nicht adäquat
- Durch ein schwieriger und brüchiger werdendes familiäres Umfeld stehen immer weniger stabile familiäre Ressourcen zur Verfügung, auf die bei der Lösung von Problemen zurückgegriffen werden kann
- Die Herausnahme eines Kindes aus der Familie ist die letzte Option, es gibt also meist einen langen Vorlauf von Jugendhilfen
- Lebensläufe und familiäre Situationen, die die Notwendigkeit späterer Jugendhilfen begünstigen und in gewisser Weise schon „programmieren“, können schwer durchbrochen werden und nehmen zu

(Quelle: Fachdienst Jugend)

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