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Energiekrise: „Ich müsste die Maschinen ausstellen“ – Notruf von 29 Firmen

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Von: Sven Reckmann

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Die Firma „malz polytech“ an der Thüringer Straße erzeugt einen Teil des Stroms mit einer eigenen Photovoltaikanlage.
Die Firma „malz polytech“ an der Thüringer Straße erzeugt einen Teil des Stroms mit einer eigenen Photovoltaikanlage. © Reckmann

„Notruf“ in der Energiekrise: 29 Unternehmen aus den Regionen Diepholz und Vechta schlagen Alarm. Sie haben Angst um ihre Zukunft.

Diepholz – „Ich habe noch nie erlebt, dass gestandene Berufskollegen so desillusioniert waren.“ Das sagt Hauke Malz vom Diepholzer Unternehmen „malz polytec“ mit Blick auf die Stimmung in der Firmen-Landschaft.

Energiekrise: Unternehmen schlagen Alarm

Die Energiekrise, sie baut sich wie eine riesige Welle vor vielen Firmen auf. Jetzt schlagen auch die Unternehmen aus dem Verbund ZWT Alarm und senden einen Notruf an die politischen Parteien und die Wählerschaft in Niedersachsen: „Die Strompreisbremse braucht Beschleunigung. Jetzt!“, fordern sie in einer großformatigen Anzeige. Und weiter heißt es: „Wir haben Verantwortung für rund 8 000 Mitarbeitende und deren Familien. Die hohen Strompreise gefährden unsere Existenz und die Region.“

Malz ist einer der Unterzeichner des Aufrufs. Der Unternehmer aus Diepholz verweist auf ein Stromangebot vom November 2020. Damals wurde noch über 45 Euro/MWh Arbeitspreis (ohne Steuer, Netzgebühr, EWG, usw.) diskutiert. Heute liegt der Strompreis in der Spitze bei 600 Euro/MWh, berichtet Malz.

Strompreis: Maschinen abstellen, weil Firmen draufzahlen

„Zwischen 6 und 9 und zwischen 18 und 21 Uhr müsste ich heute eigentlich die Maschinen abstellen, weil ich draufzahle“, erzählt er. „Wir hatten dieses Jahr schon Tagesdurchschnittspreise von 700 bis 800 Euro pro MWh. Da habe ich dann in der Tat abgeschaltet. Das kann ich vielleicht einmal eine Woche machen, danach komme ich in Lieferprobleme und verliere meine Kunden.“

Abschalten, das kann sich die Firma „Omega Technology“, ebenfalls eine der Unterzeichnerinnen des „Notrufs“, an der Ovelgönne erst recht nicht erlauben.

„Wir liefern just in time für die Automobilindustrie“, berichtet Walter Olbert, geschäftsführender Gesellschafter. Da kann man sich keine Ausfälle erlauben. Besonderes Problem: Die Materialaufbereitung sei sehr energieintensiv. Die aktuelle Situation bezeichnet Olbert „auf jeden Fall als existenzgefährdend“.

Energiekrise: „Es geht im Moment ums Überleben“

Omega leide extrem unter den gestiegenen Strompreisen, man müsse das Fünffache des bisherigen Preises bezahlen. „Und es gibt halt keine gesicherten Aussagen, wie es nächstes Jahr weitergeht“, so Olbert. „Das hemmt die ganze Unternehmensentwicklung, alles, was investiert worden wäre, fließt in die Energie. Es geht im Moment ums Überleben.“

Beim Barnstorfer Kunststofftechnik-Unternehmen Barku, das auch zu den Unterzeichnenden zählt, sei man in der glücklichen Lage, noch ein Auftragspolster abarbeiten zu können, berichtete Geschäftsführer Wolfgang Czerny, der aber auch schon von Auftragsrückgang berichtet.

Das Unternehmen verbrauche acht Millionen Kilowattstunden pro Jahr, da gehen die Preissteigerungen „sofort in die Millionenbeträge.“

„Ich mache das seit 38 Jahren und habe noch nie erlebt, dass man so im Stich gelassen wird“, klagte Czerny. Die Notruf-Aktion sei ein Hilferuf an die Politik, „endlich in die Hufen“ zu kommen. Ich kann ja nicht einfach meinen Betrieb stilllegen, wie sich das Herr Habeck so vorstellt“, spielt Czerny auf ein entsprechendes Interview des Ministers vor einigen Tagen an.

Walter Olbert sieht auch die Wettbewerbsfähigkeit bedroht. „Wir stehen ja auch im Wettbewerb mit Firmen aus ganz Europa. Da gibt es Regionen, die deutlich preiswerter Energie haben. Und auch in Amerika gibt es kein Verständnis für unseren Strompreis.“

„Wir spüren“, so Olbert weiter, „dass sich die Problematik potenziert: steigende Preise, sinkende Stückzahlen, Materialverknappung. Das erreicht eine Geschwindigkeit, die bedenklich ist.“

Wenn da nicht „die Dramatik rausgenommen wird, dann wird es sich irgendwann in der Gesamtwirtschaft schmerzlich bemerkbar machen.“

Das wollen die 29 Unterzeichner verhindern: „Aus diesem Notruf darf kein Nachruf werden“.

Der echte Strompreis-Hammer droht mit einer Erhöhung der Gebühren auch für private Haushalte für die Stromübertragung. Denn der könnte sich zum gleichen Zeitpunkt von 3 Cent auf dann 9 Cent verdreifachen und käme auf jede verbrauchte Kilowattstunde obendrauf. 

Und das Thema Energiesparen? – „Mit dem Austausch einer Glühbirne ist es nicht getan“

Wie sich die Strompreisentwicklung für ein kleines Unternehmen auswirkt, macht Hauke Malz anschaulich: Wer jetzt Strom für 2023 als Festpreis einkaufen möchte, zahlt im Moment jenseits der 700 Euro pro MWh, bzw. jenseits der 70 Cent pro kWh. Zur Größenordnung: Malz verbraucht nach eigenen Angaben etwa 800 000 kWh/Jahr. Ca. 60 000 kWh (selbstgenutzt) erzeugt er durch eine Photovoltaikanlage. Bei ca. drei Mio Umsatz rechnet er in diesem Jahr mit einer Mehrbelastung durch die Energiekosten von etwa 250000 Euro.

Forschungsverbund ZWT

Der Forschungsverbund ZWT e.V. ist ein 2014 gegründeter Verein vorwiegend kleiner und mittelständischer Unternehmen, aber auch privater Personen aus dem Umfeld der Kunststoffverarbeitung mit Schwerpunkt in den Regionen Diepholz und Vechta. Die Mitglieder fördern die Kooperation und den Informationsaustausch untereinander und nutzen das Know How und die Einrichtungen des Zentrums für Werkstoffe und Technik (ZWT) in Diepholz.

Und das Thema Energiesparen? Von 2014 bis 2021 habe er den Stromverbrauch pro compoundiertes (also bearbeitetes) Kilogramm Kunststoff um 45 Prozent gesenkt. Durch weitere Maßnahmen könne er realistisch betrachtet noch einmal fünf Prozent Strom innerhalb der nächsten zwölf Monate durch Energiesparmaßnahmen einsparen, erzählt Malz. Das würde aber schon nicht unerhebliche Investitionen und vor allem auch Zeit in Anspruch nehmen. „Mit dem Austausch einer Glühbirne durch eine LED ist das nicht getan. Abgesehen davon haben wir das wie viele andere auch schon 2015 getan.“

Würde er sich um staatliche Förderprogramme bewerben, würde das Ganze vermutlich 24 Monate dauern, so Malz, „und doppelt so viel bürokratiebedingten Arbeitseinsatz erfordern mit ungewissem Ausgang. Daher bewerbe ich mich meist schon gar nicht mehr darum.“

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