Inobhutnahmen-Zahl steigt

Landkreis will Situation für Pflegefamilien verbessern

Landkreis  Diepholz - Von Katharina Schmidt. Sie ist 14 Jahre alt, als sie ihr erstes Baby zur Welt bringt. Noch bevor die junge Mutter volljährig wird, folgte ihre nächste Schwangerschaft. Es soll nicht die letzte sein. 

Die Erziehung überfordert die Frau, die im Landkreis Diepholz lebt. Deswegen entscheidet das Jugendamt, dass ihre Kinder besser in Pflegefamilien aufgehoben sind.

Das Schicksal der jungen Familie ist laut Claudia Enders vom Fachdienst Jugend kein Einzelfall. Derzeit leben im Landkreis Diepholz 288 Jungen und Mädchen in 175 Pflegefamilien. Die meisten dieser Familien kümmern sich um ein Kind, einige haben mehrere aufgenommen.

Diese Daten stellten Enders und ihre Kollegin Katharina Vetter am Dienstag im Jugendhilfeausschuss im Diepholzer Kreishaus vor. Dabei wurde deutlich: Geeignete Pflegefamilien sind rar. Oft müssten oder wollten beide Partner arbeiten, führte Vetter aus. Pflegekinder bräuchten aber zumindest in der ersten Zeit jemanden, der ständig da sei. „Sie brauchen eine vertraute und sichere Situation, um Fuß zu fassen.“

Wie lange Pflegepersonen beruflich kürzertreten müssen, lässt sich laut Vetter nicht immer vorhersagen. Kinder legten zunehmend ein „sehr herausforderndes Verhalten“ an den Tag. Manche hätten Schlimmes erlebt und Bindungsstörungen entwickelt.

Doch nicht nur die Zeit hindert geeignete Familien, sich beim Fachdienst Jugend zu melden – manchmal sind es auch die Konditionen. Diese sind bei freien Trägern für besonders qualifizierte Pflegende oft besser. Der Landkreis will daher die Bedingungen für diejenigen verbessern, die Kinder unter ihrem Dach aufnehmen. Für erste Schritte in diese Richtung gaben die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses am Dienstag grünes Licht (siehe unten).

33 Kinder bis August in Obhut genommen

Sieben Familien im Landkreis sind vertraglich dazu verpflichtet, Schützlinge aufzunehmen. Sie beherbergen Jungen und Mädchen meistens für ein paar Wochen, bevor der Fachdienst Jugend eine längerfristige Lösung findet. In diesen sieben Vertragsfamilien ist derzeit kein Platz frei. Es gibt zwar andere Helfer, die im Notfall einspringen können – aber diese dürfen auch absagen.

Der Mangel an Familien ist insbesondere vor dem Hintergrund alarmierend, dass die Zahl der Inobhutnahmen im Landkreis steigt. In diesem Jahr schützte das Jugendamt auf richterliche Anordnung allein bis August 33 Kinder vor ihren eigenen Eltern. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2008 waren es 25 Inobhutnahmen.

Die meisten der 2017 betroffenen Kinder sind keine drei Jahre alt. Manche werden direkt aus dem Krankenhaus heraus in Obhut genommen – so wie das jüngste Baby der anfangs erwähnten Mutter, der alles zu viel geworden ist.

Infobox: Verbesserungen für Pflegeeltern

Der Jugendhilfeausschuss hat einstimmig für die Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe votiert. Stimmt auch der Kreisausschuss den Änderungen zu, muss der Landkreis für den Haushalt 2018 einen Mehrbedarf von rund 69 000 Euro einplanen. In folgenden Punkten soll sich die Richtlinie für den Unterhalt für außerhalb des Elternhauses untergebrachte Kinder und Jugendliche ändern-

Fortbildungspauschale

Die Ausschussmitglieder wollen eine grundsätzliche Regelung zur Finanzierung von Fortbildungen. Jeder Familie soll pro Jahr bis zu 150 Euro für die Erweiterung ihrer Kompetenzen bekommen.

Mehr Geld

Das Pflegegeld deckt die laufenden Kosten des Kindes ab. Für Ausgaben, die darüber hinaus anfallen, wie den Besuch eines Musikkurses oder die Konfirmation, zahlen Jugendämter extra. Im Landkreis sollen Pflegeeltern für ihre Schützlinge bald mehr Geld für solche Sonderbedarfe bekommen: bis zum sechsten Geburtstag 35 Euro monatlich (vorher 30), anschließend bis zum zwölften Lebensjahr 60 Euro (vorher 50) und danach bis zur Volljährigkeit 80 Euro (vorher 70).

Supervisionen

 Pflegeeltern sind oft mit belastenden Situationen konfrontiert. Der Fachdienst Jugend plant deshalb die Einrichtung von Supervisionsgruppen mit zunächst fünf Terminen á zwei Stunden pro Jahr.

Neue Pflegeform

Die aktuellen Empfehlungen des Landesamtes für Soziales, Jugend und Familie sehen die Einrichtung einer weiteren Pflegeform, der „Sonderpädagogischen Vollzeitpflege“, vor. Diese sieht mehr Erziehungsgeld für beruflich qualifizierte Pflegeeltern vor, die sich um Kinder mit Traumata, Krankheiten oder Behinderungen kümmern.

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