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Zahl der Schweinehalter in einem Jahrzehnt halbiert

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Von: Anke Seidel

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Die Zahl der Mastschweine sinkt in den Landkreisen Diepholz und Nienburg spürbar. Die Zahl der Halter hat sich in einem Jahrzehnt fast halbiert.
Die Zahl der Mastschweine sinkt in den Landkreisen Diepholz und Nienburg spürbar. Die Zahl der Halter hat sich in einem Jahrzehnt fast halbiert. © Patrick Pleul/dpa

Hinter den Landwirten in den Landkreisen Diepholz und Nienburg liegt ein extrem schweres Jahr. Ihre Vertreter sprechen von der „wohl schärfsten Krise“ in der konventionellen Bewirtschaftung. Fakt ist, dass die Zahl der Betriebe ständig schrumpft. Die Zahl der Schweinehalter hat sich in einem Jahrzehnt halbiert.

Diepholz/Nienburg – „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, formulieren es die Kreislandwirte Wilken Hartje (Diepholz) und Tobias Göckeritz (Nienburg) – und sind sich darin mit den Landwirtschaftskammer-Funktionären Niels Meinheit (Bezirksstelle Nienburg) sowie Sebastian Bönsch (Außenstelle Sulingen) einig. Wieder ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe gesunken – vor allem Schweinehalter haben aufgeben.

Deren Zahl hat sich in nur einem Jahrzehnt fast halbiert: Wirtschafteten 2011 noch 1 276 Schweinehalter in den beiden Landkreisen, waren es im vergangenen Jahr noch 702. Das geht aus der aktuellen Statistik im Strukturheft für 2021 hervor.

In ihrer aktuellen Jahresbilanz der Landwirtschaft in der Region Diepholz/Nienburg sprechen die regionalen Landwirtschaftsexperten von der „wohl schärfsten Krise“ zumindest der konventionellen Landwirtschaft. Mehrkosten in den Schlachtbetrieben wegen der Corona-Pandemie schmälerten die Einnahmen der Schweinehalter. Außerdem mussten sie Ertragseinbußen durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) schultern: Die Exportmärkte brachen weg.

447 Schweinehalter wirtschafteten 2021 im Landkreis Diepholz. Zehn Jahre zuvor waren es noch 758 gewesen. 311 Betriebsleiter haben also die Stalltüren geschlossen. Im Nachbar-Landkreis Nienburg ist die Zahl von 518 auf 255 gesunken – also um 263.

Zuchtschweinehalter sind besonders betroffen

Besonders betroffen: Die Zuchtschweinehalter, die in Krisenzeiten unter großem Druck stehen (wir berichteten). In nur einem Jahrzehnt gaben im Landkreis Diepholz 153 solcher Betriebe auf, nur 96 sind noch übrig. Im Landkreis Nienburg sank die Zahl von 188 auf 59 – ein Minus von 129 Betrieben.

Sage und schreibe 617 Mastschweinehalter in den beiden Landkreisen gaben in nur einem Jahrzehnt ihren Betrieb auf. Im Kreis Diepholz sank ihre Zahl von 705 auf 372 (ein Minus von 333) und im Landkreis Nienburg von 492 auf 208 (Minus 284).

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Die Zahl der Mastschweine ist in diesem Zeitraum um 159  070 gesunken – im Landkreis Diepholz von 415 094 auf 318  545 und im Landkreis Nienburg von 219  415 auf 156  894. Es sind Zahlen, die einen dramatischen Strukturwandel in den landwirtschaftlich geprägten Landkreisen beschreiben. Die einen geben auf, die anderen werden größer: Allein im Landkreis Diepholz ist die Zahl der Betriebe mit mehr als 100 Hektar auf jetzt 418 gestiegen (2011: 399). Im Landkreis Nienburg sind es mittlerweile 267 (2011: 218).

„Landwirte leben von und mit der Natur“

Die großen Betriebe bewirtschaften bereits 64 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in den beiden Kreisen, während es vor zehn Jahren nur gut die Hälfte war (54,34 und 52,77 Prozent). Die Zahl der kleinen Betriebe (bis 20 Hektar) sank in Diepholz von 979 auf 867 und in Nienburg von 762 auf 694.

Fläche schmilzt


Um fast 6000 Hektar ist die landwirtschaftliche Fläche in den Landkreisen Diepholz und Nienburg in nur einem Jahrzehnt geschmolzen. Exakt 5 262 Hektar sind für andere Zwecke – wie neue Baugebiete – ausgewiesen oder schon genutzt worden.

Im Landkreis Diepholz schmolz die landwirtschaftliche Fläche um 2862 Hektar – exakt von 131 689 auf 128 827. Im Nachbarlandkreis Nienburg beträgt sie heute 81 780, während es vor zehn Jahren noch 84 180 Hektar waren, also 2 400 Hektar mehr.

„Landwirte leben von und mit der Natur“, betonen die regionalen Landwirtschaftsexperten. Sie seien an Märkten aktiv, deren Schwankungen gewohnt und in der Lage, sich anzupassen. Aber: „Eine kaum zu kalkulierende Variable stellen die von Politik und Gesellschaft stetig steigenden Anforderungen beim Klima-, Ressourcen- und Tierschutz dar.“ In jüngster Vergangenheit habe eine Verordnung die nächste gejagt: „Parallel dazu werden allerdings die Inhalte der einen Verordnung von den Maßgaben der anderen zum Teil stark konterkariert.“

Will heißen: Den Landwirten fehlt dringend eine klare, nachvollziehbare Linie. Sie fordern deshalb eine langfristig verlässliche Perspektive, damit sie Finanzierungsprojekte für die Zukunft und deren Sinnhaftigkeit berechnen können: „Nur so werden Investitionen für landwirtschaftliche Familienbetriebe einen Sinn ergeben.“

Landwirtschaft braucht verlässliche Alternativen

Ein Kommentar von Anke Seidel


Der dramatische Wandel in der Landwirtschaft ist nicht aufzuhalten. Immer mehr Hoftore werden für immer geschlossen – vor allem Türen zu Schweineställen. Binnen eines Jahrzehnts hat sich die Zahl der Schweinehalter so gut wie halbiert. Schwein gehabt? Das gilt in dieser Branche nicht mehr. Corona hat die Fleischpreise in den Keller katapultiert. Ist Fleisch noch ein Stück Lebenskraft? Noch im Jahr 1991 verspeiste jeder Deutsche im Schnitt 63,9 Kilogramm Fleischwaren. Heute sind es noch 57,3 Kilogramm – Tendenz weiter sinkend.

Landwirte müssen also neue Tore aufstoßen, wenn sie überleben wollen. Das Tor zum Klima- und Naturschutz steht zwar weit offen, weil diese Aufgabe nie dringender war als heute. Aber der Paradigmenwechsel ist schwierig – und braucht Zeit. Der „Niedersächsische Weg“, den die Politik mit Landwirten und Naturschützern gemeinsam eingeschlagen hat, führt in die richtige Richtung – aber bei Weitem nicht weit genug.

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft bietet eine große Chance, den Klima- und Naturschutz mit einem Berufsstand auszubauen, der seit Jahrhunderten mit und in der Natur arbeitet. Aber mit einem Flickenteppich aus Förderprogrammen ist das nicht umsetzbar. Politik muss umdenken, zukunftssichernde Modelle entwickeln – und das schnell.

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