Prävention im Landkreis Dieholz

Wenn der Einsatz für die Retter zur psychischen Belastung wird

Feuerwehrleute bergen ein verunglücktes Auto.
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Rettungskräfte und Feuerwehrleute können bei Einsätzen schlimme Dinge erleben. Die Erlebnisse können sich im Kopf festsetzen und zu einer langfristigen psychischen Belastung entwickeln.

Feuerwehrleute, Polizisten oder Sanitäter können im Einsatz Schreckliches erleben. Welche Hilfen gibt es, wenn die Erlebnisse zur psychischen Belastung werden?

Landkreis Diepholz – Retter, egal ob hauptberuflich wie Polizei und Rettungsdienst oder ehrenamtlich wie Feuerwehren oder DLRG, sind oft Situationen ausgesetzt, die eigentlich niemand freiwillig erleben möchte. Sei es bei schweren Unfällen, nach Suiziden oder bei Bränden. Eindrücke von Geschehnissen prägen sich in die Psyche ein. Sie lösen dort im ungünstigsten Fall Ängste aus, die den Betroffenen stark beeinträchtigen, berufs- oder sogar arbeitsunfähig machen und bis zum eigenen Suizid führen können.

Wir haben versucht, einen Eindruck darüber zu gewinnen, wie bei Rettern vor Ort mit dieser Thematik umgegangen wird.

Notfallsanitäter und stellvertretender Ortsbrandmeister

Stephan Nisse aus Syke ist im Hauptberuf Notfallsanitäter bei der Rettungsdienst GmbH des Landkreises und ehrenamtlich stellvertretender Ortsbrandmeister bei der Ortsfeuerwehr Heiligenfelde. Zusätzlich war er 2004 als Sanitäter im Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr dabei. „Das Thema ist heute sehr präsent“, berichtet er aus persönlicher Erfahrung.

Bereits in der Ausbildung beim Rettungsdienst und auch in den freiwilligen Feuerwehren nehme die eigene Gesundheitsprävention einen breiten Raum ein. Wichtig ist ihm nach jedem belastenden Einsatz das Gespräch unter den Beteiligten – auch über die eigene Organisation hinaus.

Kriseninterventionsteam beim Landkreis

Bei Gesprächsbedarf darüber hinaus steht im Landkreis ein Kriseninterventionsteam zur Verfügung, das sowohl bei akuten Lagen als auch zur Nachbereitung herangezogen werden kann. Dieses Team ist ebenso wie die Notfallseelsorge jederzeit über die Rettungsleitstelle aktivierbar. „Jede Einsatzkraft verarbeitet belastende Eindrücke individuell“, so Stephan Nisse. Er ist dankbar über Fortbildungsangebote, die sein Arbeitgeber auch zu Fragen psychischer Belastung ermöglicht.

Sein Chef Klaus Speckmann ist zwar nicht direkt am Ort des Geschehens. Er hat aber als Geschäftsführer der Rettungsdienst GmbH Strukturen geschaffen, in denen präventiv gearbeitet und auch bei akuten Problemen unverzüglich gehandelt werden kann. Er rechnet beispielsweise das Kriseninterventionsteam, das organisatorisch beim Deutschen Roten Kreuz und der Rettungswache in Sulingen angesiedelt ist, dazu.

Keine Seelsorge für Retter im Einsatz

Pastorin Meike Müller ist eine der Präventivsäulen. Als Koordinatorin der Notfallseelsorge im evangelischen Kirchenkreis Syke-Hoya unterstützt sie bei der Ausbildung von haupt- und ehrenamtlichen Rettungskräften in den Feuerwehrtechnischen Zentralen des Landkreises und bei der Akademie für Brand- und Katastrophenschutz in Loy.

Ihr ist wichtig, deutlich zu machen, dass Notfallseelsorge keine Betreuung von Rettern im Einsatz leisten kann. „Wir können auf den Weg zum Einsatz und wieder heraus vorbereiten“, schildert sie, „aber keine Therapie anbieten. Dafür stehen, auch kurzfristig, medizinische Fachkräfte zur Verfügung.“

Notfallseelsorge: 80 Prozent im häuslichen Bereich

„Wie die Feuerwehr die Handhabung ihrer Gerätschaften trainiert, können wir sie mit dem vertraut machen, was in mir abläuft, wenn ich zum Einsatz gerufen werde“, ergänzt sie. Die Notfallseelsorge ist nach Worten der Pastorin zu 80 Prozent im häuslichen Bereich bei plötzlichen Todesfällen gefordert. Darüber hinaus hilft sie Beteiligten, Angehörigen und auch Rettungskräften bei Unfällen und sonstigen Notfällen.

Kreisbrandmeister Michael Wessels ist froh, dass „im Laufe der letzten Jahrzehnte ein Wandel in der Wahrnehmung psychischer Probleme stattgefunden hat“. Früher oft als Schwäche belächelt, sieht er das Eingestehen psychischer Probleme heute als Stärke. Gerade in den Feuerwehren ist ihm die Nachbesprechung als Präventivmaßnahme wichtig. „So kann oftmals schon früh festgestellt werden, wenn jemand mit einer Situation allein nicht klarkommt“, erklärt er.

Bilder im Kopf

Hin und wieder träten Probleme aber später auf, „wenn man die Bilder nicht aus dem Kopf bekommt. Dann muss man sich entweder seinem Vorgesetzten oder dem Ortsbrandmeister offenbaren. Diese informieren dann die Feuerwehrunfallkasse (FUK), die Berufsgenossenschaft für Feuerwehrangehörige“ schildert der Kreisbrandmeister.

Von dort wird unverzüglich medizinische Hilfe in die Wege geleitet. Das bestätigt Thomas Wittschurky, Direktor der FUK, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wenn uns eine Feuerwehr einen entsprechenden Fall meldet, bewilligen wir ohne weitere Überprüfung sofort fünf Therapiesitzungen bei einem Psychotherapeuten“, schildert er den weiteren Ablauf. „Auch wenn allgemein über erhebliche Wartezeiten für derartige Behandlungen geklagt wird, stellt die FUK eine unverzügliche medizinische Betreuung sicher“, berichtet er.

Trauma als Arbeitsunfall

Sollte sich ein psychisches Trauma manifestieren, kann es nach seinen Worten durchaus einen Arbeitsunfall darstellen, der durch die FUK entschädigt wird, in seltenen Fällen auch bis zu einer Rentenleistung. Problem bei der Bewertung dieser Frage ist dabei allerdings immer der kausale Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Das ist in der Regel nicht einfach nachzuweisen und oft Gegenstand von gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Die Fallzahl für die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe liegt laut Wittschurky „im unteren zweistelligen Bereich“ – und das bei rund 127.000 Feuerwehrangehörigen und einer Vielzahl von Einsätzen in Niedersachsen jährlich. Dauerhafte Schädigungen seien bei der FUK „sehr selten“ zu bearbeiten.

Auch für die FUK ist Prävention das Hauptbetätigungsfeld in dieser Thematik. Wittschurky verweist auf umfangreiche Materialien, die auf der Homepage zum Abruf bereitstehen.

Bei der Polizei greifen Routinen

Zur Abrundung des Bildes noch ein Blick auf die Polizei. Auch hier greifen Routinen, die für derartige Fälle eingerichtet sind. Kommissariatsleiterin Nina Menzel aus Syke spult auf Nachfrage spontan ein komplettes Programm mit niederschwelligen Angeboten, polizeilichem Interventionsteam und Polizeiseelsorger bis hin zu medizinischer Hilfe im Einzelfall ab.

Demnach werden bei der Polizei die Nachbereitung und das persönliche Gespräch nach belastenden Einsätzen großgeschrieben. Ein besonderer Fokus liegt nach Menzels Worten auf der Betreuung von jungen Kollegen, die erstmals von belastenden Eindrücken zurückkehren. Ihr sei aus ihrer bisher fünfjährigen Zeit in Syke „nur ein schwerwiegender Fall bekannt, bei dem ein Kollege psychologische Hilfe in Anspruch nehmen musste“.

PTBS heute als Krankheit wahrgenommen

Bei allen Gesprächen wurde deutlich, dass PTBS heute als Krankheit wahrgenommen wird, der, individuell abgestuft, mit medizinischer Hilfe zu begegnen ist. Deutlich wurde aber auch, dass bei Manifestation der Belastungsstörung Hürden zu überwinden sind, die psychisch beeinträchtigte Personen und deren Angehörige zusätzlich belasten. Der Gesetzgeber hat es in der Hand, den Zugang zur Rente für diejenigen zu erleichtern, die im Dienst für uns alle bleibenden Schaden an der eigenen Gesundheit erlitten haben.

Definition PTBS

Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) tritt als eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis, eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes auf. Die Erlebnisse (Traumata) können von längerer oder kürzerer Dauer sein, wie zum Beispiel schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen, wobei die Betroffenen dabei Gefühle wie Angst und Schutzlosigkeit erleben und in Ermangelung ihrer subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfinden. Quelle: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org

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