Gutachter: Ein Krankenhaus zu viel im Kreis

+
Klinik Diepholz: Kardiologie, Orthopädie und Urologie bilden die Leistungsschwerpunkte.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Ein wirtschaftlicher Betrieb der Kliniken im Landkreis Diepholz ist nur im Rahmen eines „Zwei-Hauptstandort-Konzeptes“ möglich. Das geht aus dem Gutachten der Krankenhaus-Beratungsgesellschaft Lohfert&Lohfert hervor, das der Landkreis Diepholz in Auftrag gegeben und bisher streng unter Verschluss gehalten hat. Das 154 Seiten starke Papier liegt dieser Zeitung vor.

Klinik Twistringen: Noch ist hier die Psychiatrie untergebracht, die 2016 nach Bassum umziehen soll.

Demnach besteht dringend Handlungsbedarf, weil die Alexianer (52 Prozent der Gesellschafteranteile) und der Landkreis (48 Prozent) schon im vergangenen Jahr ein Minus von sage und schreibe 4,5 Millionen Euro schultern mussten. Die Gutachter prognostizieren einen Anstieg dieses Defizits auf 5,2 Millionen Euro. „Alle drei somatischen Standorte zeigen ein deutlich negatives Ergebnis, bedingt durch stagnierende bis rückläufige Leistung – bei insbesondere im Personal steigenden Kosten“, stellen die Gutachter Dr. Axel Kaiser, Dr. Tobias Möller und Nadine Jeschke fest. Sie gehen davon aus, dass sich die Situation nicht zuletzt wegen des hohen Durchschnittsalters der Ärzte an den Kliniken weiter verschärft. Etwa ein Drittel ist 50 bis 60 Jahre alt.

Schwarze Zahlen schreibt allein die Psychiatrie: „Der Standort Twistringen zeigt ein unverändert ausgeglichenes Ergebnis“, heißt es im Gutachten. Nach Analyse der Auslastung der drei somatischen Kliniken steht fest: In Diepholz sind die Fallzahlen in den vergangenen fünf Jahren um 972 gestiegen und in Sulingen um 360. Aber: In Bassum sind sie um 290 gesunken. „In Bassum sind die Fallzahlen seit 2012 trotz Steigerungen in der Chirurgie kontinuierlich rückläufig“, stellen die Gutachter fest. Nicht nur in der Inneren Medizin sanken die Fallzahlen. Auch die Schließung der Geburtshilfe spiegelte sich in der sinkenden Auslastung wider.

Klinik Sulingen: Orthopädie und Wirbelsäulen-Chirurgie bilden Behandlungsschwerpunkte.

Unter dem Strich kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass die Kliniken Diepholz, Sulingen und Bassum die Grund- und Regelversorgung im Landkreis sicherstellen – allerdings nicht bei der Geburtshilfe und der Altersmedizin (Geriatrie), die aber in Bassum im Aufbau ist. Mehr als 95 Prozent aller Landkreis-Einwohner könnten innerhalb von 30 Minuten Fahrtzeit ein Krankenhaus erreichen. Aber: Nur ein Drittel aller Patienten aus dem Landkreis nutzt auch ein Krankenhaus im Landkreis. Denn von knapp 45500 Patienten ließen sich nur 14767 in den drei Alexianer-Kliniken behandeln.

Die haben es im Wettbewerb ohnehin schwer. „Mit maximal 7000 Fällen pro Jahr und 130 Betten gehört jede der drei Kliniken zu den kleineren Leistungsanbietern“, heißt es im Gutachten. Auffällig sei, dass sich Patienten aus dem Kerneinzugsgebiet von Sulingen und Bassum für eine Behandlung in Diepholz entscheiden: Konkurrenz innerhalb der Kreisgrenzen. Sie schadet der Sulinger Klinik offenbar nicht: „Sulingen hat einen hohen Versorgungsanteil der regionalen Bevölkerung in alle Richtungen.“

Klinik Bassum: Leistungsstarke Abteilungen sind vor allem die Bauch- und die Plastische Chirurgie.

Aber: „Bassum versorgt im Vergleich zu den beiden anderen Standorten deutlich weniger Patienten sowohl aus dem direkten als auch dem erweiterten Umfeld.“ Will heißen: In Bassum liegt die Zahl der Patienten deutlich unter den Erwartungen. Dem Gutachten zufolge hat die Klinik Sulingen bei den niedergelassenen Ärzten in Sulingen einen guten Ruf: Fast alle schicken ihre Patienten in die Klinik im Ort, denn die Zuweiser-Quote liegt bei mehr als 90 Prozent. In Diepholz überweisen immerhin noch mehr als 70 Prozent der Ärzte ihre Patienten in die Klinik vor Ort. Aber: Siebenmal (!) weniger Bassumer Ärzte schicken ihre Patienten ins Bassumer Krankenhaus. Denn die Zuweiserquote liegt unter zehn Prozent.

Nach Auswertung aller relevanten Zahlen und Fakten kommen die Gutachter zu dem Schluss: „Ein nachhaltiger wirtschaftlicher Betrieb ist unter Erhalt der Grund- und Regelversorgung an allen drei Standorten nicht realisierbar.“ Deshalb haben sie nicht nur verschiedene Schließungsvarianten überprüft, sondern auch die Wirkung eines Zentral-Krankenhausneubaus in Neuenkirchen oder in Wehrbleck. Aber dort müssten bis zu 55 Millionen (!) Euro investiert werden – eine schwere Bürde auf dem Weg in die Wirtschaftlichkeit.

Deshalb favorisieren die Gutachter das „Zwei-Hauptstandort-Konzept“ – und kommen zu dem Schluss: „Die Variante Sulingen und Bassum erreicht mit 93,3 Prozent Versorgungsanteil innerhalb von 30 Minuten Fahrzeit den höchsten Wert der geprüften Standortkombinationen ohne Neubau-Variante.“ Was nicht zwangsläufig die Schließung des Diepholzer Krankenhauses bedeutet. Denn der Vorschlag der Gutachter deckt sich mit dem Wunsch von Staatssekretär Jörg Röhmann, weil es (wie schon im Regionalgespräch am 21. April beraten) eine kreisübergreifende Zusammenarbeit empfiehlt: „Eine Leistungs-Portfolioabstimmung der Kliniken in Diepholz, Lohne, Vechta und Damme kann die Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit steigern.“ Die Landkreise Diepholz und Vechta sollen also zusammenarbeiten.

Lesen Sie zu dem Thema auch:

"Kliniken brauchen guten Arzt" - Ein Kommentar von Anke Seidel

Das könnte Sie auch interessieren

Rettungskräfte kämpfen mit Regenmassen

Rettungskräfte kämpfen mit Regenmassen

Für diese unglaublichen Dinge können Sie Cola verwenden

Für diese unglaublichen Dinge können Sie Cola verwenden

Das sind die verrücktesten Leichenwagen der Welt

Das sind die verrücktesten Leichenwagen der Welt

50 Jahre AMG: Vollgas von Anfang an

50 Jahre AMG: Vollgas von Anfang an

Meistgelesene Artikel

Sommerpicknick in Asendorf erfreut sich großer Beliebtheit

Sommerpicknick in Asendorf erfreut sich großer Beliebtheit

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Schönheits-OPs: Je näher der Strand, desto mehr Silikon

Satteldiebstahl in Heiligenrode

Satteldiebstahl in Heiligenrode

Syker Haustechnik macht weiter – mit neuem Namen und alten Bekannten

Syker Haustechnik macht weiter – mit neuem Namen und alten Bekannten

Kommentare