Zahlen und Ansichten

Zu Hause in der Region, Wurzeln in der Welt: Migranten im Kreis Diepholz

Linda Asllani zieht ihre drei Kinder allein groß und arbeitet in leitender Position in Syke. Sie lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland.
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Linda Asllani zieht ihre drei Kinder allein groß und arbeitet in leitender Position in Syke. Sie lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Deutschland.

Viele von ihnen sind in anderen Kulturen aufgewachsen, haben ausländische Wurzeln – und unterschiedliche Gründe, im Landkreis Diepholz zu arbeiten und vor allem zu leben: Migranten.

Landkreis Diepholz – Von den aktuell rund 218.000 Einwohnern im Landkreis Diepholz haben laut Migrations- und Integrationsbericht des Landkreises genau 17,4 Prozent einen Migrationshintergrund. Das sind knapp 20.000 Menschen (exakt 19.395). Zum Vergleich: Die Stadt Syke hat etwa 24.000 Einwohner.

Aber in Syke leben bei Weitem nicht die meisten Migranten. Den höchsten prozentualen Anteil hat mit 15,5 Prozent die Stadt Diepholz, gefolgt von den Gemeinden Stuhr (11,5 Prozent) und Weyhe (9,4 Prozent). Erst dann folgt Syke mit 8,3 Prozent. Gewicht haben in diesem ganz besonderen Ranking selbstredend die unterschiedlichen Strukturen und die unterschiedlichen Einwohnerzahlen der Städte, Gemeinden und Samtgemeinden im Landkreis Diepholz.

Familie Asllani fliegt 1993 vor dem Kosovo-Krieg und findet ein Zuhause in Bassum

Es sind Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen und unterschiedlichem Status, die in diesen Kommunen leben. Von besagten 17,4 Prozent sind 8,7 Prozent ausländische Staatsbürger, aber nur 2,1 Prozent Flüchtlinge.

Alle anderen haben also familiäre ausländische Wurzeln und ganz unterschiedliche Lebensläufe. Linda Asllani zum Beispiel ist 1993, in ihrem sechsten Lebensjahr, mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern nach Deutschland gekommen. „Wir sind geflohen, kurz bevor der Krieg ausbrach. Wir sind nicht hergekommen, um zu bleiben“, sagt die 34-Jährige. Doch dann sei das Haus der Familie im Kosovo niedergebrannt worden: „Danach gab es kein Zurück mehr.“

Linda Asllani hat einen kosovarischen Pass, aber eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Sie ist heute stellvertretende Filialleiterin der Shell-Tankstelle in Syke – und führt das Leben einer emanzipierten und unabhängigen Frau, die ihre drei Kinder allein groß zieht – und das Geld dafür verdient.

Soziale Systeme ermöglichen ein Leben in Sicherheit und mit Bildung

Nach ihrer Scheidung ist Linda Asllani in den Ort zurückgekehrt, in dem sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat: Bassum. „Das ist mein Zuhause!“, sagt sie. Der Kosovo sei ihre Heimat. Ihr Herzenswunsch: „Dass meine Kinder eine sichere Zukunft haben!“ Albnor (15), Tion (10) und Leona (8) sind in Deutschland geboren und damit deutsche Staatsbürger.

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Albnor (15) übernimmt Verantwortung für seine Geschwister, wenn die Mutter auf der Arbeitsstelle ist, und hat bereits einen klaren Berufswunsch. „Er möchte Polizist werden“, sagt Linda Asllani. In ihrer knapp bemessenen Zeit für sich selbst liest die alleinerziehende Mutter gern.

Der Anteil der Migranten in den Städten und Gemeinden des Landkreises Diepholz.

Diepholz: 15,5 Prozent

Stuhr: 11,5 Prozent

Weyhe: 9,4 Prozent

Syke: 8,3 Prozent

Barnstorf: 7,9 Prozent

Sulingen: 7,3 Prozent

Twistringen: 7,1 Prozent

Bassum: 6,5 Prozent

Br.-Vilsen: 5,6 Prozent

Wagenfeld: 4,8 Prozent

Kirchdorf: 4,4 Prozent

Lemförde: 4,3 Prozent

Rehden: 4,1 Prozent

Siedenburg: 1,7 Prozent

Schwaförden: 1,6 Prozent

Ihr Lieblingsautor ist der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho. Von ihm stammt auch ihr Lieblingszitat, wenn es um ihre Lebenseinstellung geht: „Ich kann mein Schicksal kontrollieren, aber nicht meine Bestimmung.“ Für sie bedeute es, „dass wir alle unser Leben gestalten können. Aber wer wir sind und warum wir auf der Welt sind, das ist schon vor der Geburt festgelegt“. Ihr Lieblingsschriftsteller selbst drückt das so aus: „Ich glaube, dass wir alle die Wahl haben, ob wir unser Schicksal erfüllen, aber unsere Bestimmung ist besiegelt.“

Die 34-Jährige ist dankbar, in Deutschland leben und arbeiten zu dürfen. Sozial- und Krankenversicherung sowie Schulpflicht sind für sie große Errungenschaften: „Das bedeutet Sicherheit und Bildung.“

Diepholzer Bürgermeister Florian Marré: Zuzug aufgrund fleischverarbeitender Betriebe

Linda Asllani und ihre Familie gehören zu den 6,5 Prozent Menschen mit ausländischen Wurzeln, die in der Stadt Bassum leben – also weniger als halb so viele wie in Diepholz. Woran liegt der hohe Anteil in der Kreisstadt? Florian Marré, Bürgermeister in Diepholz, verweist auf „ganz viele Faktoren“. Zum einen gebe es in Diepholz ein großes Netzwerk von Anbietern von sozialer Unterstützung – wie das Jobcenter oder das Diakonische Werk oder die Arche. Einfluss hätten auch die Strukturen: „Wir haben einen Bahnanschluss und ein gutes Netz an ÖPNV-Verbindungen.“ Viele Vereine und Institutionen wie der Stadtteilladen oder das stadteigene Jugendbüro würden viele Angebote offerieren, „die auch nachgefragt sind“.

Der überproportionale Zuzug hat aber auch wirtschaftliche Gründe. Florian Marré verweist auf die fleischverarbeitenden Betriebe im südoldenburger Raum, deren Mitarbeiter mit ihren Familien im Umland wohnen – nicht wenige von ihnen in Diepholz. „Das ist sicherlich eine Besonderheit“, sagt der Bürgermeister. Außerdem verweist er auf viele Sprach-Kindertagesstätten und die Schulsozialarbeit: „Wir holen die Kinder dort ab, wo sie gerade stehen.“

Kommunen wünschen sich vom Land mehr Geld für Schulsozialarbeit

Genau in diesem Bereich wünscht sich Florian Marré mehr Unterstützung – sprich mehr Geld vom Land für die Schulsozialarbeit und genauso für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Denn viele Einrichtungen würden keine neuen Kräfte mehr finden. Auch die Vergütung spiele für die Attraktivität dieses Berufes eine Rolle. Deshalb müsse mehr in die Ausbildung von Menschen investiert werden, die sich um Kinder kümmern. Außerdem wünscht sich der Diepholzer Bürgermeister, „dass wir als Kommune ein bisschen besser ausgestattet werden, um bedarfsgerechte Angebote zu machen“.

Beim Miteinander von Menschen mit und ohne ausländische Wurzeln hat Florian Marré einen glasklaren Standpunkt: „Entscheidend ist der Umgang und nicht die Nationalität! Also nicht schauen, woher kommt er, sondern was macht er.“ Der Diepholzer Bürgermeister betont: „Wir sind eine bunte Stadt – für alle, die sich an den Umgang und an die Regeln halten.“

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