Enormer Klimaschutz-Faktor

Bald kostenlos mit Bus und Bahn im VBN-Gebiet unterwegs?

Die Bürgerbusse bedienen im Verbandsgebiet 54 Linien. Fotos: Dieter Sperling, Sigi Schritt, Anke Seidel

Die Nutzung von Bussen und Bahnen statt Autos und Lastwagen spart bundesweit jährlich rund 15 Millionen Tonnen CO2, hat der Bundesverband Deutscher Verkehrsunternehmen errechnet. Es wären aller Voraussicht nach deutlich mehr, wenn der ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) kostenlos angeboten würde. Ist das eine Option?

Diepholz/Bremen – Um es vorweg zu nehmen: Die kostenlose Nutzung von Bus und Bahn ist zurzeit keine Option – auch wenn dadurch enorm viel Treibhausgase eingespart werden könnten. Bundesweit sind es zurzeit circa 15 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, hat der Bundesverband Deutscher Verkehrsunternehmen errechnet, die durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Vergleich zum Auto gespart werden. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist also ein enormer Klimaschutz-Faktor.

„Aber ein kostenloser ÖPNV bringt mir nichts, wenn ich kein adäquates Angebot habe“, gibt Christof Herr als Geschäftsführer des Zweckverbands Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN) zu bedenken, dem auch der Landkreis Diepholz angehört. Tarif und Angebot sind für den ZVBN-Geschäftsführer so etwas wie siamesische Zwillinge. Sie bedingen einander.

Allerdings: Angebote zu Sonderkonditionen gibt es bereits – wie das Weyher Einwohner-Ticket Mia, mit dem Bürger der Gemeinde 15 Prozent des Fahrpreises sparen. Ein Rabatt, der sich bereits ausgezahlt hat: Seit Einführung dieses Angebots vor einem Jahr sind die Fahrgastzahlen um 18 Prozent gestiegen. Der damalige Weyher Bürgermeister Andreas Bovenschulte hatte das auf zwei Jahre begrenzte Pilotprojekt angeschoben.

Im Weyher Pilotprojekt Mia testet der Verkehrsverbund das Bürgerticket zum um 15 Prozent reduzierten Preis. Mit großem Erfolg, denn die Fahrgastzahlen sind um 18 Prozent gestiegen.

„Die Gemeinde Weyhe hat es sehr aktiv beworben“, so Christof Herr. Zu dem zweijährigen Versuch gehöre auch die Evaluation, also eine detaillierte Auswertung der Ergebnisse. „Das gibt uns vielleicht einen Fingerzeig: Wohin sollen wir mit unseren Preisen gehen?“, so der ZVBN-Geschäftsführer. Die entscheidende Frage laute: „Können Preisabsenkungen dazu führen, dass mehr Bürger den ÖPNV nutzen – womöglich so viele, dass man die Einnahmeverluste kompensieren kann? Das wäre natürlich super!“

Können andere Kommunen im Landkreis, die über einen Bahnanschluss und ein gutesBusnetz verfügen, ihren Bürgern ähnliches anbieten? „Klar, aber erst einmal ohne unsere Förderung“, verweist Christof Herr auf den Modellcharakter des Weyher Projekts.

VBN-Geschäftsführer Christof Herr.

Unabhängig davon will die SPD-Kreistagsfraktion benachteiligten Bürgern im Landkreis ein Sozialticket anbieten. Ob kommunaler oder sozialer Rabatt: Grundsätzlich, so erläutert der ZVBN-Geschäftsführer, sei der einfachste Weg der Kauf eines normalen Jahrestickets, auf das die Kommune dann direkt den Zuschuss gewähre: „Das ist, was unsere Verbandsspielregeln betrifft, die einfachste Variante.“

Der ZVBN selbst hat eine ganz konkrete Kundengruppe im Fokus: „Wir diskutieren und arbeiten in unseren Gremien zurzeit an einem Jugendticket für Schüler, Auszubildende und alle, die im Freiwilligendienst tätig sind“, so der Geschäftsführer. Für 365 Euro („als Einführungspreis“) sollen sie mit diesem Ticket das gesamte Netz des Verkehrsverbunds Bremen/Niedersachsen nutzen können. „Wir sind in Gesprächen mit den Ländern Niedersachsen und Bremen“, so der Geschäftsführer. Er hofft auf Ergebnisse – und kann sich gut vorstellen, dass Arbeitgeber dieses Jugendticket auch als Bonus für neue Auszubildende nutzen.

„Da sind wir im Moment noch zurückhaltend“

Aber ein 365-Euro-Ticket für alle Bürger anzubieten, „da sind wir im Moment noch zurückhaltend“, erklärt der Geschäftsführer. Anders ausgedrückt: Weder zum Anerkennungspreis noch kostenlos soll es den ÖPNV in absehbarer Zeit für alle geben. Doch offensichtlich besteht politisches Interesse: „In den Bremer Koalitionsvereinbarungen gibt es Prüfaufträge.“

Wie viel Geld müssten die Entscheidungsträger, sprich Politiker, für einen kostenlosen ÖPNV aufbringen? „Mindestens 226 Millionen Euro“, erinnert Christof Herr an die Fahrgeldeinnahmen des Verkehrsverbunds. „Aber der kostenlose Nahverkehr muss zeitgleich mit Angebotsverbesserungen diskutiert werden. Das Geld dafür käme noch dazu.“

Die größte Herausforderung sei der ländliche Raum. Denn es müssten dort effektive Lösungen für die Anbindung an das öffentliche Netz gefunden werden. Das „Rückgrat“ des ÖPNV im Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen beschreibt Christof Herr so: „Wir wollen ein abgestimmtes, verlässliches Schiene-Bus-Grundnetz.“

„Der Bürgerbus ist ein schönes Modell“

Das zentrale Thema der nächsten Jahre werde es sein, in welcher Form und mit welchen Verkehrsmitteln der ländliche Raum daran angebunden werden könne: „Wie organisieren wir die letzten Kilometer?“ Das sei bundesweit ein Thema, so der Geschäftsführer. Dabei gehe es beispielsweise um die Frage, wie das Fahrrad – E-Bike – sowie Bus und Bahn besser zueinander gebracht werden könnten.

Und die Seniorin, die allein auf einem entlegenen Bauernhof lebt? „Dort, wo die Dorfgemeinschaft noch funktioniert, gibt es Nachbarschaftsnetzwerke“, so der ZVBN-Geschäftsführer, „aber wie lange halten die noch?“ Deshalb stelle sich auch die Frage: „Wenn sich private Initiativen gründen: Wie kann die öffentliche Hand da unterstützend tätig werden?“

Ehrenamtliches Engagement gibt es bereits: „Der Bürgerbus ist ein schönes Modell“, blickt Christof Herr auf ein Netzwerk mit ehrenamtlichen Fahrern, das sich in einigen Kommunen des Landkreises bereits zu einer tragenden Säule entwickelt hat.

Anrufsammeltaxis interessant

Für den ländlichen Raum seien sicherlich auch Anrufsammeltaxis interessant. Die entscheidende Frage aber sei: „Gibt es vor Ort überhaupt noch ausreichend Taxi-Unternehmen, die bereit sind, eine solche Leistung verlässlich und in bestimmter Qualität zu erbringen?“ In jedem Fall, so der ZVBN-Geschäftsführer, wären Angebotsverdichtungen notwendig. Und bei einem kostenlosen ÖPNV-Angebot sei ganz sicher auch die Kapazität für alle Fahrgäste ein wichtiges Kriterium.

Grundsätzlich scheint das Thema Mobilität aktueller zu sein denn je – über Parteigrenzen hinweg. Christof Herr bestätigt: „Der ÖPNV hat politisch und in der Alltagskommunikation einen extrem hohen Stellenwert bekommen.“ Die finanziellen Rahmenbedingungen seien gut – sowohl, was Förderprogramme und das Landesnahverkehrsgesetz betreffe, als auch bei der politischen Bereitschaft, den ÖPNV zu verbessern: „Die Notwendigkeit ist ja auch da.“

Christof Herr wünscht sich, „dass die positive Grundstimmung für Bus und Bahn und für Verbesserungen keine Eintagsfliege ist, sondern nachhaltig.“ Und genauso, „dass weiter mit dieser Intensität diskutiert wird und die finanziellen Rahmenbedingungen nachhaltig bleiben“.

Hintergrund

Im Zweckverband Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (ZVBN) haben sich die sechs Landkreise Ammerland, Oldenburg, Osterholz, Verden, Diepholz und Wesermarsch sowie die vier Städte Bremen, Bremerhaven, Oldenburg und Delmenhorst zusammengeschlossen. Das Verbandsgebiet erstreckt sich über eine Fläche von 9 383 Quadratkilometer. Darin liegen 85 Bahnhöfe und rund 7 000 Haltestellen. Per Zug bietet der Verkehrsverbund 16 Linien an, per Straßenbahn 10 und per Stadtbus 106. Hinzu kommen 366 Regionalbuslinien und 15 Anruf-Sammeltaxen-Systeme. Außerdem betreiben 22 Vereine 54 Bürgerbus-Linien. 

Der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen hat seine Fahrgastzahlen im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent auf 176,6 Millionen Personen gesteigert – und Fahrgeldeinnahmen in Höhe von 226 Millionen Euro erzielt. Das entspricht einem Plus von 3,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Damit konnten 2018“, so heißt es im Jahresbericht, „sowohl bei den Fahrgästen als auch bei den Einnahmen neue Höchstwerte seit Verbundgründung erzielt werden“.

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