Ausschuss diskutiert Situation der Tagesmütter / Geringe Bezahlung kritisiert

„So kann es nicht weitergehen“

Diepholzer Tageskinder werden im privaten Umfeld der Tagesmütter betreut und haben dort Familienanschluss. Dieses Bild entstammt der Präsentation, die Richard W. Bitter dem Ausschuss für Bildung und Jugend vortrug.

Diepholz - Volle Besucherränge bei der jüngsten Sitzung des städtischen Ausschusses für Bildung und Jugend: Großes Interesse weckte ein Referat zur Situation der Tagesmütter in der Kreisstadt, das Richard W. Bitter erarbeitet hatte. „Die Tagesmütter in Diepholz leisten eine unbezahlbare Arbeit, und ihnen bleiben dafür weniger als fünf Euro brutto pro Stunde im Durchschnitt“, fasste er die Erkenntnisse der Studie zusammen, die er im Auftrag der Tagesmütter erstellt hatte.

Hierzu hatte Bitter – der sich selbst als „mithelfender Familienangehöriger“ bezeichnete – eine detaillierte Analyse der finanziellen Situation erstellt. Die Tagesmütter erhalten für jede Betreuungsstunde pro Kind 4,35 Euro. „Bei einer durchschnittlichen Betreuungszahl von drei bis vier Kindern je Tagesmutter könnte man eine auskömmliche Verdienstsituation vermuten“, so der Referent.

Dass dies aus seiner Sicht ein Irrtum ist, belegte er anhand verschiedener Fallbetrachtungen. Dabei stellte Bitter heraus, dass die Tagesmütter per Gesetz als selbstständig Tätige gelten, aber de facto auf der Einnahmenseite ihres „Familienbetriebes“ von den Beschlüssen der zuständigen Gremien abhängig sind. „Diese haben zum Beispiel festgelegt, dass von den Entgelten, die von der öffentlichen Hand und den Eltern gemeinsam aufgebracht werden, auch die vollständige Verpflegung der Kinder zu bezahlen ist. Neben den anderen Betriebskosten schlagen die Beschaffung und der Erhalt von adäquatem Spielzeug und altersgerechten Lernhilfen besonders zu Buche.“ Das verbleibende Betriebseinkommen unterliegt seit mehreren Jahren der Einkommensteuer- und der Sozialabgabenpflicht. Bitter: „Unterm Strich verbleiben den engagierten Tagesmüttern weniger als der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde.“

Der Referent kritisierte, dass die Beiträge der Eltern und der öffentlichen Hand je Betreuungsplatz bei den Tagesmüttern und den Tageskrippen bis zu 67 Prozent auseinanderliegen und forderte eine Angleichung der Tarife. „Hier ist eine große Unwucht, um nicht Ungerechtigkeit zu sagen, im System“, so Bitter.

Bitter sparte auch nicht mit Kritik am Bundesgesetzgeber. Zum einen spreche dieser von der Gleichwertigkeit der Betreuungsorte Krippe und Tageseltern, überlasse aber die Entlohnung der Tagesmütter den nachgeordneten Gebietskörperschaften, beispielsweise Landkreis und Stadt. Diese verwiesen auf ihre Haushaltsprobleme und sparten zu Lasten der Tagesmütter.

Die gesetzlich garantierte Betreuungszeit der unter 3-jährigen Kinder betrage prinzipiell 25 Wochenstunden. Durch zeitversetzte Betreuungszeiten, die sich aus den individuellen familiären Verhältnissen der Eltern ergeben, entstünden den Tagesmüttern aber bis zu 70 Wochenstunden Arbeitszeit im Einzelfall, rechnete Bitter vor. Mit einer Aktivitätenliste gab er Hinweise auf Handlungsspielräume der verschiedenen staatlichen Stellen auf Bundes-, Landes- und Kreisebene. Auch die Diepholzer Politiker seien gefordert, schließlich hätten die Vechtaer Kollegen die dortigen Tagespflegepersonen finanziell bessergestellt.

Zustimmung kam von den Tagesmüttern Ilona Klausen und Elli Büdeker, die dem Ausschuss ebenfalls Rede und Antwort standen.

„Ich denke, dass wir uns alle einig sind, so kann es nicht weitergehen“, sagte der Ausschussvorsitzende Prof. Dr. Schröder (SPD) an und sein Parteikollege Ingo Estermann versprach die „Bereitschaft zur gemeinsamen Anstrengung“, die geforderte Gleichberechtigung und Besserstellung herzustellen.

Hans-Werner Schwarz (FDP) bedankte sich bei Bitter für die Transparenz, die dieser in den komplexen Sachverhalt gebracht habe. Wilhelm Paradiek (CDU) nannte die Tagesmütter „eine Säule des Betreuungsangebotes unserer Stadt“ und schlug zusammen mit Estermann die Einrichtung eines Arbeitskreises vor, der sich mit der komplexen Materie der Misch- und Anteilsfinanzierung und einer Besserstellung der Tagesmütter auseinandersetzen solle. Dem stimmte das Gremium einmütig zu.

Hans-Ulrich Püschel, Mitglied des Kreistages, informierte darüber, dass dort der Sachverhalt ebenfalls auf der Tagesordnung steht. - vd/sr

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