Ehrenbürger Günter Roberg vor 100 Jahren geboren

Letzter jüdischer Zeitzeuge der Naziherrschaft in Diepholz

Günter Roberg. Der Diepholzer Ehrenbürger wäre am 21. April 100 Jahre alt geworden. Er war letzter jüdischer Zeitzeuge der Naziherrschaft in Diepholz.
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Günter Roberg. Der Diepholzer Ehrenbürger wäre am 21. April 100 Jahre alt geworden. Er war letzter jüdischer Zeitzeuge der Naziherrschaft in Diepholz.

Diepholz – Als junger Mann erlebte er die Judenverfolgung durch die Nazis in Diepholz, den Tod und die Verschleppung von Freunden und Angehörigen. Günter Roberg war der letzte jüdische Zeitzeuge der Kreisstadt. 2010 ernannte ihn Diepholz zum Ehrenbürger. Bis zu seinem Tod 2014 lebte Roberg in Israel, wohin er 1940 ausgewandert war. Am Mittwoch, 21. pril, wäre Günter Roberg 100 Jahre alt geworden. Der Diepholzer Stadtarchivar Kim-Oliver Lange erinnert an ihn:

Am 21. April 1921 wurde Günter Roberg (eigentlich Elieser ben Alexander Roberg) in Lemförde geboren. Mit seinen Eltern und dem älteren Bruder Heinz wohnte er dort zunächst in der Eselstraße. Als der Vater Alfred Roberg, ein international prämierter Fleischermeister, für längere Zeit nach Amerika reisen musste, um dort Fachkurse für Fleischverarbeitung zu leiten, zog Mutter Sophie Roberg geb. Philipps mit ihren Söhnen in den „Düsseldorfer Hof“, das Wohn- und Geschäftshaus ihrer Eltern in Lemförde. 1928 kehrte Alfred Roberg nach Deutschland zurück. Die Familie lebte zunächst in Hannover, bevor sie 1930 das Wohnhaus Lange Straße 22 in Diepholz (heute Commerzbank) erwarb. Vorbesitzer war der Textilkaufmann Wilhelm Stüven.

Zwei Jahre später starb Alfred Roberg an Krebs und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem jüdischen Friedhof in Diepholz (Schlesier Straße / Ecke Pommernstraße) beigesetzt.

In Diepholz angefeindet und ausgegrenzt

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten veränderte sich das politische Klima auch in Diepholz. Günter und Heinz Roberg waren aufgrund ihres jüdischen Glaubens zunächst den Hänseleien und Anfeindungen einzelner Mitschüler ausgesetzt, später auch denen der Lehrer. Sie wurden ausgegrenzt, durften nicht mehr an Sportveranstaltungen teilnehmen und den Großmarkt besuchen.

Günter Roberg zog es nach dem Abschluss der Mittelschule (1935) nach Hannover, wo er eine Bäckerlehre in einer jüdischen Bäckerei machte. Ungewollt wurde er am 9. November 1938 Zeuge, wie die Synagoge zerstört wurde. Wegen seiner Bäckerkleidung vermutete niemand, dass er Jude sei, und er kam mit dem Schrecken davon.

Ausschreitungen gegen Juden erlebt

Als er Tage später mit dem Zug in seine Heimatstadt Diepholz zurückkehrte, erfuhr er, dass es auch dort schwere Ausschreitungen gegen Juden und sogar seine die eigene Familie gegeben hatte. Seine Mutter war in der Nacht vom 10./11. November 1938 ins Schlossgefängnis gesperrt worden. Der jüdische Friedhof war verwüstet und die Gräber seines Vaters Alfred Roberg und seiner Großmutter Katchen Philipps geschändet. Sämtliche jüdischen Grabsteine wurden später von Zwangsarbeitern auf deutschen Befehl hin zertrümmert und beim Ausbau der Lüderstraße als Baumaterial verwendet.

Im Winter 1938 starb der Schlachtermeister Carl Samenfeld, Mentor von Vater Alfred Roberg. Samenfeld war gemeinsam mit Sophie Roberg und anderen Diepholzer Juden ins Schlossgefängnis gesperrt worden und hatte sich von den Strapazen der Reichspogromnacht nicht mehr erholt.

Am 10. August 1940 verabschiedete sich Günter Roberg von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof; dem letzten verbliebenen Treffpunkt seit der Verwüstung der Diepholzer Synagoge an der Mühlenstraße 1938. Für seine Auswanderung nach Palästina hatte an Vorbereitungslagern in Lübeck und in Steckelsdorf bei Rathenow teilgenommen.

Zum Abschied sagte seine Mutter zu ihm: „Glaube mir, es wird der Tag kommen, wo man hier wieder stehen und bereuen wird, was man getan hat. Man wird dessen gedenken, was man getan hat. Glaube es mir, nicht alle Menschen sind schlecht.“ Sophie Roberg wurde am 8. März 1942 in das Sammellager Ahlem bei Hannover deportiert und starb später im Warschauer Ghetto. Günter Robergs Bruder Heinz, der Rabbiner werden wollte, wurde nach kurzem Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau, nach Minsk verschleppt und dort umgebracht.

Durch Sprung ins Meer gerettet

Günter Roberg, damals 19 Jahre alt, floh auf dem Landweg über Wien nach Tulcea (Donaudelta). Dort bestieg er ein Schiff der Jewish Agenci, um über das Mittelmeer nach Palästina zu gelangen. Als die ersehnte Küste bereits in Sichtweite war, brachte die britische Ordnungsmacht, die eine Einwanderungsbeschränkung verfügt hatte, das Schiff auf. Die illegalen Einwanderer sollten nach Madagaskar weitergeleitet werden. Allerdings kam es an Bord zu einer heftigen Explosion. Die jüdische paramilitärische Organisation Hagana hatte das Schiff eigentlich „nur“ manövrierunfähig machen wollen, um die Abschiebung zu verhindern. Die falsch berechnete Menge Sprengstoff führte zur Katastrophe und kostete 250 Menschen das Leben. Durch den Sprung ins Meer konnte sich Günter Roberg retten. Er wurde geborgen und für ein Jahr im britischen Lager Atlit bei Haifa „interniert“.

Als gelernter Bäcker fand er eine Beschäftigung als Koch, die ihm den Aufenthalt erträglich machte. Nach seiner Entlassung verbrachte er sechs Jahre im Kibbuz. Später gelang es ihm, ein Stück Land zu erwerben und sich eine Existenz aufzubauen. 1948 nahm Günter Roberg am Befreiungskrieg teil und lernte die deutschstämmige Soldatin Lore de Beer kennen. Die beiden heirateten 1950 und zogen nach Kirjat Bialik in der Nähe von Haifa. Das Paar bekam zwei Kinder; einen Sohn und eine Tochter.

Aus Israel Kontakt mit Bekannten in Deutschland aufgenommen

Bereits wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann Günter Roberg, wieder Kontakt mit Bekannten aus Deutschland aufzunehmen. Bald darauf bekam er auch Besuch aus Diepholz. Darüber waren seine Nachbarn in Israel allerdings stark verwundert. Robergs Beziehungen zu Deutschen verursachte bei ihnen Unmut. 1972 kam er das erste Mal mit Frau und Tochter nach Diepholz und besuchte seine Freunde, die ihn zuvor in Israel besucht hatten.

Am 9. November 1997 war Günter Roberg erneut in Diepholz, um als letzter lebender Jude der Stadt eine Rede zur Einweihung des Mahnmals auf dem jüdischen Friedhof zu halten. Die Erinnerungsstätte wurde aus Trümmern jüdischer Grabsteine gestaltet, die 1994 bei Straßenbauarbeiten gefunden worden waren.

Für um Aussöhnung und Erinnerung ausgezeichnet

Bereits 1979, als Anerkennung für seine Verdienste um Aussöhnung und Erinnerung an das Vergangene, war im Diepholzer Baugebiet Schloßstraße-Süd eine Straße nach Günter Roberg benannt worden. Am 11. April 2002 wurde ihm durch den deutschen Botschafter Rudolf Dressler, stellvertretend für den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, in Tel Aviv das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. In der Begründung heißt es: „Trotz Ihres Schicksals kennen Sie keinen Hass. Sie haben in Ihrer Heimat Lemförde und in Diepholz öffentlich, unter anderem in Schulen, über Ihr Leben berichtet. Sie haben Seminare an der Universität Bremen über Ihre Heimat abgehalten. Ihr Ziel war und ist das Lernen aus der Geschichte und das Kennenlernen des Anderen.“

2008 nahm Günter Roberg an einer Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Reichpogromnacht auf dem jüdischen Friedhof in Diepholz und anschließendem Gespräch im Sitzungssaal des Kreishauses teil. Zwei Jahre später wurde ihm für seinen Einsatz für Aufklärung und Versöhnung nach den Ereignissen zu Zeiten des Nationalsozialismus die Ehrenbürgerwürde der Stadt Diepholz verliehen. Der damalige Bürgermeister Dr. Thomas Schulze sagte dabei: „Ihr beispielloses Engagement wirkt seit Jahrzehnten, Ihre Verbundenheit mit Ihrer Heimat ist für viele unvorstellbar, Ihre Fähigkeit das Erlebte zu verzeihen ist eine Gabe.“

Günter Roberg verstarb am 29. März 2014 in Israel im Alter von 92 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

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