Liebe neu erfahren

Nach Ehe voller Gewalt: 28-Jährige findet Hilfe - und die echte Liebe

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Sehnsucht nach Leben: Diese junge Frau (zum eigenen Schutz anonymisiert) hat den Mut aufgebracht, ihr altes Leben voller Gewalt zu beenden.

Eine Ehe voller Gewalt und Hoffnungslosigkeit liegt hinter Anita*. Die Mutter von zwei Kindern hat den Mut aufgebracht, noch einmal durchzustarten und alle alten Brücken abzubrechen. Heute hat die 28-Jährige einen neuen Partner und betont: „Jetzt weiß ich, was Liebe ist.“

Diepholz - Von Anke Seidel. Anita* ist eine selbstbewusste junge Frau. Zwei Kinder sind ihr ganzer Stolz. Ihre Arbeit in der Altenpflege macht ihr Freude. Und ihr Lebensgefährte gibt ihr Halt und Kraft. Das war nicht immer so. Denn Anita hat ihr altes Leben verlassen, weil es voller Gewalt und Enttäuschung war. Die 28-Jährige hat mit ihren beiden acht und sechs Jahre alten Kindern einen Weg beschritten, der genauso viel Mut wie Kraft erforderte - und alles andere als einfach war.

Geholfen haben ihr Doris Wieferich als Leiterin des Frauen- und Kinderschutzhauses in Diepholz und deren Mitarbeiterinnen. Sie haben Anita immer wieder bestärkt, sich eine neue Zukunft aufzubauen. Was der jungen Frau gelungen ist: eigene Wohnung, ein Arbeitsplatz, ein liebevoller Gefährte - und: Urlaub, zum ersten Mal im Leben. Beide Partner haben ausländische Wurzeln. Es ist ihr gemeinsames Fundament. Aber letztendlich, so stellt die junge Frau klar, zählen nicht die Wurzeln - sondern es ist allein der Mensch. Und seine Liebe.

Familie erlebt Schicksalsschläge

Rückblende: Anita erlebt in ihren ersten vier Lebensjahren den Einfluss des muslimischen Glaubens. Die Familie bleibt von Schicksalsschlägen nicht verschont. Schon früh verliert das Kind seine Mutter - und erlebt Traditionen, die vor allem im Umfeld der Familie gepflegt werden.

Dazu gehört die tief verinnerlichte Überzeugung, sich niemals von seinem Ehemann zu trennen. „Du verlässt die Familie. Was denken die anderen jetzt von uns?“, beschreibt Anita ihre Gedanken, als sie es mit 24 Jahren in ihrer selbst gewählten Ehe nicht mehr aushält. Ihren späteren Mann hat sie mit 14 Jahren kennengelernt: „Mit 18 Jahren haben wir geheiratet.“ Freiwillig. Niemand hat sie gezwungen. 

Denn da gab es dieses starke Schicksalsband, das sie mit ihrem damaligen Freund verband: Beide haben in ihrem jungen Leben die gleichen Herausforderungen, die gleichen Probleme erlebt. Schmerzlich vermissen beide die Wertschätzung - und vor allem den Rückhalt - ihrer Familien. Es sind emotionale Wunden, die verbinden.

Familie will Anita nicht akzeptieren

Doch die Hoffnung des jungen Paares, dass durch Verständnis und aus eigenem Erleben Minus und Minus zum Plus werden, erfüllt sich nicht. „Probleme und Probleme führen wiederum zu Problemen“, stellt Anita heute fest. Und blickt zurück: „Probleme gab es immer. Wer es nicht anders kennt, empfindet es als normal.“ Trotzdem: „Wir haben uns gut verstanden“, beschreibt die junge Frau die Beziehung zu ihrem Ex-Mann. Das Scheitern, so sagt sie heute, hatte andere Ursachen: „Der Hauptgrund war seine Familie, die mich nicht akzeptieren wollte.“

Das befeuert die Schwierigkeiten des Paares. „Gewalt war normal“, blickt Anita zurück. Ihr Ehemann flüchtet sich in die Sucht. Sie versucht mit aller Kraft, für die nun dreiköpfige Familie einen halbwegs normalen Alltag zu leben - und schöpft Hoffnung, als sie erneut schwanger wird: „Das Kind war nicht geplant. Aber alle haben sich gefreut!“

Doch die neue Aufbruchsstimmung versickert nach und nach in einem Leben voller Negativität. Anita sucht im Internet nach Entlastung: „Ich habe viel gelesen. Davon, wie Frauen es geschafft haben. Das hat mir Kraft gegeben.“ Sie liest, dass Frauenhäuser ihr und ihren Kindern Schutz bieten können.

Es wird brutal: Flucht ins Frauenhaus als Ausweg

„Dann wurde es ganz brutal“, blickt sie mit ernstem Gesicht zurück. Anita packt die Koffer - und flüchtet mit ihren Kindern in ein Frauenhaus. Mit schlechtem Bauchgefühl. Denn die Sehnsucht nach einer intakten Familie, die doch irgendwie zu erreichen sein muss, ist extrem stark. Deshalb dauert es keine zwei Monate, bis die junge Frau mit ihren Kindern zu ihrem Ehemann zurückkehrt: „Es war alles wieder gut - scheinbar.“ 

Denn schon nach kurzer Zeit wird alles noch viel schlimmer, als es vorher war. Ihr Mann bezichtigt sie, Affären mit anderen Männern gehabt zu haben. „Dann hat er die Kontrolle über uns verloren. Das war das Schlimmste“, erzählt die junge Frau mit leiser Stimme.

Wieder flüchtet sie - diesmal in das Frauen- und Kinderschutzhaus Diepholz. Dort schließt sie Freundschaften, lernt tolle Menschen und verschiedene Charaktere kennen, wie sie selbst sagt: „Auch solche, mit denen es nicht so gut gepasst hat. Aber ich konnte endlich leben und Spaß haben“, sagt sie über eine Entscheidung, die 2015 am Ende eines langen Leidensweges stand.

Neue Kraft im Frauenhaus geschöpft

Sieben Monate bleibt sie im Frauen- und Kinderschutzhaus, schöpft Kraft und Zuversicht - und widersteht dem Drang, in ihr altes und vertrautes, aber von Gewalt und Hoffnungslosigkeit geprägtes Leben zurückzukehren. Dann endlich ist es geschafft: eine eigene Wohnung, eine berufliche Aufgabe in der Altenpflege - und nach zweieinhalb Jahren: ein neuer Lebensgefährte. 

„Jetzt weiß ich, was Liebe ist“, sagt Anita - und freut sich darüber, dass ihr Partner ihren Kindern viel Liebe schenkt. Alle genießen die gemeinsamen Urlaubsfahrten. Ein Aufenthalt in einem Ferienpark hat den Kindern besonders viel Freude gemacht.

Eigene Geschichte soll anderen Frauen helfen

Was wünscht sich Anita für die Zukunft? „Dass meine Kinder nicht das erleben müssen, was ich erlebt habe“, sagt sie. Herausforderungen berge der Alltag natürlich auch heute: „Wenn zum Beispiel das Auto kaputt geht.“ Doch das seien Probleme, die viele Menschen hätten.

Anita erklärt, warum sie ihre ganz persönliche Lebensgeschichte erzählt: „Frauen können es schaffen“, will sie alle motivieren, die in der Gewaltspirale stecken und Mut brauchen, sich daraus zu befreien.

*Name von der Redaktion geändert.

Hilfe in der Not

Frauen, die sich aus einer Partnerschaft voller Gewalt und Hoffnungslosigkeit befreien wollen, erhalten unter Telefon 05441/1373 Hilfe. Eine Aufnahme ins Schutzhaus ist rund um die Uhr möglich - auch über Notruf 110.

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