Polizeidirektor Bernd Kittelmann im Gespräch

„Jeder getötete Mensch ist einer zu viel“

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Polizeidirektor Bernd Kittelmann geht Ende April in den Ruhestand. 

Landkreis Diepholz - Seit zwölf Jahren ist Bernd Kittelmann Leiter der Polizeiinspektion Diepholz – und damit Chef aller Polizisten im Landkreis. Doch Ende nächsten Monats ist Schluss: Der 63-Jährige geht in den Ruhestand. Vor welchen Herausforderungen die Polizei im Landkreis Diepholz heute steht und was ihre Arbeit prägt, dazu nimmt Bernd Kittelmann im Interview Stellung. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Kittelmann, Sie führen die Polizeiinspektion Diepholz seit zwölf Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Bernd Kittelmann: Die Kernaufgaben der Polizei sind nach wie vor die Kriminalitäts- sowie Verkehrsunfallbekämpfung – und mit den täglichen und besonderen Einsätzen die Sicherheit der Bürger im Landkreis zu garantieren. Die Zahl der Straftaten ist stetig gesunken – von 13 012 im Jahr 2006 auf 10 572 im Jahr 2018. Die Aufklärungsquote ist kontinuierlich gestiegen – von 52,81 Prozent auf 62,80 Prozent im Jahr 2017. Das ist eine fantastische Leistung aller Kolleginnen und Kollegen! Kriminalitätsformen haben sich geändert durch Cybercrime und Verlagerung der Aktionsorte ins Ausland, wodurch die Ermittlungen sehr aufwendig geworden sind. Dadurch hat sich auch das Spektrum der Präventionsangebote ändern müssen. Wir haben die Einstellung von Spezialisten wie Informatikern und Kriminaltechnikern vorangetrieben, die eine spezielle Ausbildung haben, und im Team mit erfahrenen Ermittlern arbeiten.

Hat sich die Einsatzlage verändert?

Kittelmann: Die Einsatz- und Sicherheitslage hat sich durch Themen wie Amok und terroristische Anschläge verändert. Wir sind auf verschiedene Anschlagsszenarien intensiv vorbereitet. Gerade gestern Morgen haben wir wieder mit unserer Führungsgruppe in unserem Raum für Sonderlagen eine Stabsrahmenübung durchgeführt, also eine virtuelle Einsatzlage bewältigt.

Und auf der Straße?

Kittelmann: An unseren Verkehrszahlen müssen wir nach wie vor intensiv arbeiten. Unser Augenmerk liegt insbesondere auf der Reduzierung von schweren Verkehrsunfällen mit Personenschaden. Auch wenn die Zahl der Getöteten von 26 auf 17 und die der Schwerverletzten von 230 auf 182 gesunken ist – es bleibt dabei: Jeder getötete oder schwer verletzte Mensch ist einer zu viel!

Was ist prägend für die Polizeiarbeit im Landkreis?

Kittelmann: Grundsätzlich spielt die Größe und die Vielfalt der Region – vom Ballungsgebiet im Norden, im Randgebiet von Bremen, bis zum überwiegend ländlich geprägten Raum im Südkreis eine besondere Rolle – insbesondere für die Zahl der polizeilichen Sachverhalte. Dabei weist die Kriminalstatistik unabhängig von den Zahlen auch bei uns inklusive der durchschnittlich neun Tötungsdelikte pro Jahr alle Straftaten und Kriminalitätsformen aus. Besonders hervorzuheben ist die gute Zusammenarbeit mit unseren Anrainern, also Bremen und Nordrhein-Westfalen. Am Beispiel der „Steineleger“ (diese Zeitung berichtete) und der Bekämpfung von Einbrüchen kann man das gut erläutern. Es gibt immer gemeinsame, aufeinander abgestimmte Einsatz- und Ermittlungskonzepte mit personeller gegenseitiger Unterstützung der jeweiligen Fachermittler, und es gibt einen regelmäßigen Personalaustausch im Wege einer Hospitation zwischen dem Polizeikommissariat Weyhe und der Polizeiinspektion Süd in Bremen.

Häme bei Facebook, Voyeure, tätliche Angriffe auf Beamte im Dienst: Der Druck ist enorm – macht Polizeiarbeit da überhaupt noch Spaß?

Kittelmann: Ich kann jetzt nur meinen Eindruck wiedergeben, weil ich selten direkt betroffen bin. Es kommt hin und wieder vor, dass ich Schreiben mit unflätigem Inhalt oder Anrufe bekomme, in denen ich beleidigt werde. Königsdisziplin ist dann, wenn sich der Anrufer am Ende bei mir für das freundliche Gespräch bedankt. Das ist aber etwas Anderes, als wenn man körperlich verletzt, beleidigt oder bespuckt wird.

Wie verkraftet man das?

Kittelmann: In der Ausbildung und im Laufe ihres Berufslebens lernen alle Kolleginnen und Kollegen, zwischen ihrer eigenen Person und ihrer Tätigkeit als Amtsträger zu differenzieren. Nicht Frau Meier wird angegriffen, sondern die Polizistin Meier. Das ist nicht immer einfach und besonders schwer, wenn aufs Übelste beleidigt oder gar gespuckt wird. Ein hohes Maß an Kritik- und Deeskalationsfähigkeit, aber auch ein konsequentes Vorgehen und eine konsequente Strafverfolgung durch alle Strafverfolgungsorgane kann hier die einzige Antwort auf solche Entwicklungen sein. Erreichen Vorfälle, zum Beispiel Beleidigungen, aber eine gewisse Qualität, stelle ich als Dienstvorgesetzter zusätzlich Strafantrag, um zu verdeutlichen, dass hier Grenzen weit überschritten worden sind.

Wie oft kommt das vor?

Kittelmann: Im Schnitt sind es etwa neun Strafanträge pro Jahr. Sie folgen dann, wenn Polizisten zum Beispiel als Nazis beschimpft oder auf andere üble Weise beleidigt werden. Trotzdem darf man eines auf gar keinen Fall vergessen: Hier im Landkreis gibt es hunderttausende Menschen, die sich jeden Tag korrekt verhalten und allen Kräften, die für die öffentliche Sicherheit zuständig sind, Respekt und Anerkennung entgegenbringen. Die verdienen ein dickes Lob!

Haben wir in diesem Lebensraum genügend Polizisten – oder brauchen wir mehr Beamte?

Kittelmann: Neue Kriminalitätsformen, grundsätzliche Aufgabezuwächse, höhere Anforderungen an Belehrungs- und Dokumentationspflichten, komplexere und aufwendigere Ermittlungen – wie im Bereich Kinderpornografie, wo heute Computer, Handys, Festplatten mit zum Teil mehreren Terabyte ausgewertet und mit Gutachten versehen werden müssen – haben unsere Arbeit verändert. Nur ein Beispiel: 2006 mussten insgesamt zwölf Terabyte ausgewertet werden, zehn Jahre später 106 Terabyte. Außerdem sind wir als Polizei heute in den sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Instagram aktiv, um über diese Medien Menschen zu erreichen. Hinzu kommen mehr Einsätze der Kolleginnen und Kollegen an den Wochenenden.

Die Belastung ist also hoch?

Kittelmann: Wenn dabei in den letzten Jahren die Menge des Personals eher weniger geworden ist, kommt es zwangsläufig zu Überstunden und manchmal zu grenzwertigen Mehrbelastungen. Bis die angekündigten und in der Ausbildung befindlichen Neueinstellungen bei uns ankommen, gibt es zudem eine zusätzliche Durststrecke, denn dafür muss erst einmal mehr Ausbildungspersonal gestellt werden. Umso schöner und beruhigend ist es für mich zu wissen, dass bei entsprechenden Sachverhalten und Lagen bei aller Belastung trotzdem alle sofort da sind und die Sachverhalte sehr professionell bearbeiten.

Ist es schwierig, Nachwuchs zu finden?

Kittelmann: Im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg und in der Polizeiinspektion Diepholz ein klares „Nein“! Im Gegenteil, selbst im Zusammenhang mit der Erhöhung der Einstellungszahlen gibt es zurzeit kein Problem. Alle Aufgaben der Polizei erfordern ein Höchstmaß an Teamarbeit, an gegenseitigem Vertrauen und Verlässlichkeit. Das ist meines Erachtens ein Faktor, der viel zu einem guten Betriebsklima, zur Berufszufriedenheit und damit zur Attraktivität des Berufs beiträgt. Unabhängig davon: Grundsätzlich ist die Zahl der Frauen – und mit gezielter Förderung – die der Frauen in Führungsfunktionen gestiegen. Das hat Veränderungen im Umgang miteinander und in der Organisation zur Folge habt.

Was wünschen Sie sich für die Polizei im Landkreis Diepholz?

Kittelmann: Eine stets aktuelle technische Ausstattung für die Ermittlerinnen und Ermittler und die Kollegen und Kolleginnen der Einsatz- und Streifendienste. Gerade durch veränderte Kriminalitätsformen müssen auch die technischen und rechtlichen Möglichkeiten der Polizei verbessert werden. Nehmen wir zum Beispiel das Spoofing: Mit einer gekauften Telefonnummer, die am Ende meist eine 110 aufweist, werden durch falsche Polizeibeamte zumeist ältere Menschen dazu gebracht, Bargeld oder Schmuck zu übergeben.

Und was wünschen Sie ihren Kollegen?

Kittelmann: Das Engagement und der positive Einsatz aller Kolleginnen und Kollegen für die Sicherheit der Bürger haben mich immer total begeistert und selbst auch in meiner Arbeit motiviert. Ich wünsche allen weiterhin viel Erfolg bei der täglichen Arbeit und vor allem, dass sie alle gesund von den Einsätzen zurückkehren.

Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Kittelmann: An erster Stelle steht die Familie! Meine Frau wird noch einige Jahre voll berufstätig sein, da kann ich sicher zur Entlastung im Haushalt beitragen. Ich habe drei erwachsene Kinder und zwei süße Enkelkinder, die sich auf mehr Zeit mit dem Opa freuen. Wir haben ein Haus mit einem großen Garten, ich bin Hegeringleiter und habe mit Freunden eine Jagd gepachtet sowie einen fordernden Jagdhund. Außerdem bahnt sich etwas an, wo ich vielleicht meine Kenntnisse und Fähigkeiten an anderer Stelle weiter zu Verfügung stellen kann. Also definitiv kein Freizeitproblem und von Ruhestand keine Spur!

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