„Wunden verheilt – Narben noch sichtbar“

Vor 40 Jahren Gründungstag des Landkreises Diepholz: Landrat beleuchtet Entwicklung

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Spannende Lektüre für den Landrat: Der Sonderdruck zum zehnjährigen Bestehen des Landkreises. Am 1. August, besteht der Kreis in seinen jetzigen Grenzen seit 40 Jahren. 

Landkreis Diepholz - Vor vier Jahrzehnten entstand ein neuer Lebensraum, dessen Geburtswehen schmerzhaft waren: Künstler protestierten mit einer „Schlachteplatte“ gegen die Teilung des Landkreises Grafschaft Hoya, die untrennbar mit der Gründung des Landkreises Diepholz verknüpft war.

Menschen wehrten sich immer wieder gegen die „Hochzeit“ der Grafschaften Hoya und Diepholz in dieser Form. Das alles ist längst Geschichte. Spielt die Kreisreform 40 Jahre nach ihrem Abschluss noch eine Rolle in der Lebenswelt der Bürger – oder ist sie längst abgehakt? Dazu und anderen wichtigen Aspekten der Kreisreform nimmt Landrat Cord Bockhop im Interview Stellung. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Bockhop, Sie sind in Asendorf – ganz in der Nähe von Hoya, das damals noch zum Kreis Grafschaft Hoya gehörte – aufgewachsen. Zur Zeit der Kreisreform waren Sie zehn Jahre alt. Können Sie sich noch daran erinnern?

Cord Bockhop: Ich kann mich selber nicht an die Kreisreform erinnern, aber an die Stimmung bei uns Zuhause – besonders von unserem politisch sehr engagierten Großonkel, der bei uns wohnte und der sich in dieser Zeit lautstark aufgeregt hat. Später, als ich begann, politisch aktiv zu werden, habe ich mit dem Großonkel immer wieder darüber gesprochen, weil die Kreisreform immer noch ein Thema war. In den Jahren danach merkte man: Es war immer weniger wichtig – insbesondere für die jüngeren Menschen und diejenigen in meinem Alter.

Sind wirklich alle Wunden von damals verheilt?

Bockhop: Ein klares Ja! Aber die Narben sind immer noch sichtbar. Es gibt einige – aber inzwischen immer weniger – Menschen, die das Vernarbte immer wieder aufkratzen. Wenn man alte Wunden immer wieder aufreißt, können sie aber nicht verheilen.

Und in welchem Bereich sehen Sie diese Wunden?

Bockhop: Ausschließlich im Emotionalen und mit Symbolcharakter. Denn die Lebensqualität hat ja nicht gelitten. Uns geht es doch auch gut in dieser Konstellation.

Hat die Zwangsehe Spuren hinterlassen in der Lebenswelt des heutigen Landkreises Diepholz?

Bockhop: Ich tue mich schwer mit dem Begriff Zwangsehe, der ja mit Gewalt zu tun hat. Gerade mit Blick auf andere Kulturen empfinde ich diesen Begriff im Moment als sehr problematisch. Er passt absolut nicht auf die Fusion dieser beiden Landkreise. Richtig ist, dass die Landesregierung in Hannover vor 40 Jahren eine Entscheidung getroffen hat, mit der viele Menschen nicht einverstanden waren. Zur Ehrlichkeit gehört aber genauso dazu: Damals war man sich zwischen Hoya und Syke auch nicht immer grün. Das wissen viele nicht mehr. Das sollte man aber nicht vergessen.

Und die Quintessenz?

Bockhop: Seit 40 Jahren leben wir in dieser Konstellation und haben uns mit 15 Städten, Gemeinden und Samtgemeinden weiter entwickelt zu einer starken Gemeinschaft. Die Quintessenz nach 40 Jahren ist: Wir sind immer noch nicht ganz zusammengewachsen. Aber die alten Grenzen sind verwischt und haben sich aufgelöst. Unser Landkreis hat in seiner Mitte kein Zentrum. Damit müssen wir leben – und dafür brauchen wir die Mittelzentren. Man sollte aber nicht mehr den Begriff „Nord- und Südkreis“ verwenden. Wir sind ein Landkreis!

Mittlerweile sind fast alle Kreisverbände und Institutionen der damaligen beiden Grafschaften miteinander verschmolzen. Es gibt Ausnahmen – wie die Kreisjägerschaften oder die Verkehrswachten zum Beispiel. Aber auch die Kreissparkassen: Ist es vor dem Hintergrund neuer drohender Vorgaben – wie die Reform der Sparkassen-Aufsicht – nicht Zeit für eine Verschmelzung?

Bockhop: (lacht) Das Landvolk hat auch noch nicht fusioniert. Verschmelzung klingt immer reibungslos. Aber wenn zwei der erfolgreichsten Sparkassen in Niedersachsen fusionieren sollen, dann geht das nicht so reibungslos. Dann geht das nicht so einfach. Man muss sich fragen, ob dieser Aufwand – diese Reibungsverluste, die es bei einer Fusion gibt – sich wirklich lohnt oder ob es dafür einen Anlass gibt. Nur weil einige Personen meinen, dass man das machen könnte, muss man es doch noch nicht machen! Was die vielen Auflagen und die Regulatorik aus Brüssel in einigen Jahren mit uns machen, kann keiner vorhersehen. Es könnte aber ein Anlass daraus erwachsen, dann darüber zu sprechen und diesen hohen Aufwand auf sich zu nehmen. Und so lange sollten wir uns an zwei erfolgreichen Sparkassen erfreuen.

35 Einwohner auf einem Quadratmeter in der Samtgemeinde Kirchdorf, 350 – also das Zehnfache – in der Gemeinde Stuhr: Unterschiedlicher kann ein Lebensraum nicht sein. Begünstigt das nicht Kirchturmpolitik im Kreistag?

Bockhop: Ein klares Nein! Das gibt es in vielen Landkreisen. Uns fehlt das große Zentrum mit Strahlkraft in der Mitte, das kriegen wir auch nicht mehr. Das ist einfach so. Das größte Wachstum haben unsere Kommunen hinsichtlich der Einwohner-Zahl sicherlich hinter sich. Insoweit kann es ein neues Zentrum auch in Zukunft nicht geben. Kreistagspolitik hat weniger etwas mit Größe zu tun als vielmehr mit lokalen und regionalen Identitäten. Jede Kommune, jede Stadt, jede Gemeinde und jede Samtgemeinde bietet ein hohes Maß an Identifikation – da ist man aufgewachsen. Das gilt auch für die Lebensräume, in denen man sich bewegt. Die Stärke in unserem Kreistag ist die Kompromissbereitschaft und das Verständnis für den anderen – das zeigt sich im Umgang miteinander: Es fehlt an Heftigkeit. Die Diskussionen führen zu Ergebnissen, mit denen alle leben können. Und das – diese Ausgleichsfunktion – ist Aufgabe dieses Landkreises.

In welcher Verfassung sehen Sie den Landkreis in zehn Jahren?

Bockhop: Wir sind sehr stark aufgestellt. Die Einwohnerzahlen sind stabil, die Zahl der Arbeitsplätze ist stark steigend und wir haben eine extrem geringe Arbeitslosenquote. Unsere Infra-Struktur ist hochwertig und wir sind finanziell so aufgestellt, dass wir uns Herausforderungen – wie zum Beispiel der Breitband-Initiative – stellen können. Die Entscheidungsträger im Kreistag sind stark. Es läuft positiv weiter.

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