Interview mit Dr. Ulrich Ellinghaus

Mitarbeitergewinnung eine zunehmende Herausforderung

Dr. Ulrich Ellinghaus

Landkreis Diepholz - Erfolgreiche Mitarbeitergewinnung, aber auch konsequente Mitarbeiterbindung werden in Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs zu einer zunehmenden Herausforderung. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Wie könnten Lösungen aussehen? Dazu nimmt Dr. Ulrich Ellinghaus, Verbandsbeauftragter des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft im Landkreis Diepholz, Stellung. Die Fragen stellte Frauke Albrecht.

Herr Ellinghaus, im Land sind eine Million Stellen offen. Bis 2030 soll die Lücke dreimal so groß sein. Könnte ein Einwanderungsgesetz, das gezielt Fachkräfte anwirbt, eine Lösung sein?

Ulrich Ellinghaus: Aus meiner persönlichen Sicht in Teilbereichen ja – und auch nur dann, wenn gezielt darauf abgehoben wird, welche Qualifikationen bundesweit, in den Bundesländern sowie regional fehlen, und ob diese Qualifikationen weitestgehend (sicher nicht zu 100 Prozent) bei den Einwanderern vorhanden sind. Dies wurde bislang nicht berücksichtigt. Und die erste Euphorie der vergangenen ein bis zwei Jahre, diese Lücke auf dem Arbeits- und Fachkräftemarkt durch Einwanderer schließen zu können, hat sich mittlerweile gelegt. Zum Teil haben wir es hier leider mit gering beziehungsweise ungeeignet Qualifizierten zu tun – welche dann im Extremfall auch noch ,alphabetisiert‘ werden müssen. Hier reden wir dann von einer Zeitschiene von bis zu sieben Jahren. Dies hilft keineswegs, das Fachkräftethema zu lösen.

Im Vergleich zu anderen Ländern herrscht in Deutschland ein eher konservatives Familienbild vor. Sind männerlastige Strukturen, vor allem im Mittelstand, nicht hinderlich für den Markt?

Ellinghaus: So lange die Bezahlung von Frau und Mann zum Teil so deutlich differiert, werden wir dieses Problem nicht lösen (können). Denn dies ist aus unserer Wahrnehmung, Beobachtung und Erfahrung der vorrangige Grund. Auch ist zu bedenken, dass es bestimmte Berufsgruppen gibt, die – aus verschiedenen Gründen – eher eine Affinität für das weibliche oder männliche Geschlecht haben. Dies gesellschaftlich zu ändern, dauert in der Regel sehr lange. Aus meinen persönlichen Beobachtungen weicht sich dies glücklicherweise langsam auf – aber es dauert eben.

Wirtschaftsexperten fordern: mehr Frauen in den Arbeitsmarkt und einen leichteren Wechsel zwischen Teilzeit und Vollzeit. Warum tun sich gerade mittelständische Unternehmen damit so schwer?

Ellinghaus: Weil viele immer noch in einem älteren, traditionellen Denken verharren, dass Teilzeitkräfte weniger produktiv sind. Unsere, aber auch meine persönliche, Erfahrung ist: Genau das Gegenteil ist der Fall. Aber auch weil Frauen beziehungsweise Mütter aufgrund der Kindererziehung eher mal ausfallen, wenn das Kind krank ist et cetera.

Sind ältere Mitarbeiter eine Lösung?

Ellinghaus: Nur dann, wenn diese a) selbst wollen (dies ist für mich die entscheidende Voraussetzung!) und b) gesundheitlich, das heißt körperlich und mental, dazu auch in der Lage sind. Unsere Wahrnehmung ist, dass im Mittelstand dies weitaus häufiger praktiziert wird – wogegen in Großunternehmen und Konzernen dagegen Programme initiiert werden, Personal ab Anfang bis Mitte 50 „aus Kostengründen“ freizusetzen. Das Traurige für unsere Mitglieder im Mittelstand ist, dass gerade solche Großunternehmen und Konzerne staatlich gefördert werden und zudem – im Gegensatz zum Mittelstand – steuerlich entlastet werden. Der Mittelstand trägt eine viel zu hohe Steuerlast.

Was können kleine Betriebe tun, um sich bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter gegen große Konzerne durchzusetzen?

Ellinghaus: Dies in wenigen Sätzen zusammenzufassen, ist extrem schwierig. Als wichtige Schlagworte möchte ich „Flexibilität“ und „Kreativität“ nennen – gekoppelt mit einer Art Benchmarking „was tun Andere?“. Solange wir in Traditionen und Denkschemata verharren, die nicht „State of the Art“ sind, werden wir im Einzelunternehmen das Problem nicht lösen. Und die Bezahlung ist definitiv nicht das ausschlaggebende Kriterium. Betriebsklima, Unternehmenskultur und Werte, die Zusammenarbeit im Team, Freiheitsgrade in der täglichen Arbeit und beim Treffen von Entscheidungen, flexible Arbeitszeiten, gegebenenfalls Home-Office, interessante und bezuschusste Zusatzleistungen – all dies sind Dinge, über die man nachdenken muss.

Sie hatten kürzlich Unternehmer zu einer Vortragsveranstaltung nach Sulingen eingeladen. Thema: gesundheitsunterstützende Maßnahmen in Unternehmen als eine Möglichkeit, Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. Wie kann eine solche Maßnahme aussehen?

Ellinghaus: Unsere Veranstaltung bei Lloyd Shoes hat allen Teilnehmern gezeigt, welche Vielzahl an Maßnahmen und Möglichkeiten realisierbar sind. Es war ein wahres Feuerwerk an Ideen und Themen: zahlreiche Arbeitserleichterungen, die die Gesundheit schonen und den Körper weniger belasten. Angebote, die Bewegung, Ernährung und Gesundheit unterstützen, um nur ein paar Ansätze zu nennen. Wichtig sind erste, ernst gemeinte und kleine Schritte und das Erzeugen einer Art „Wettbewerb im Unternehmen und in Teams“. Wie auch die Erkenntnis, dass man nie 100 Prozent aller Mitarbeiter erreicht. Aber steter Tropfen höhlt den Stein.

Was erwarten Sie von den Kommunen?

Ellinghaus: Die Probleme ihrer mittelständischen Unternehmen vor Ort wirklich zu kennen und zu verstehen und sich als Netzwerker und Lösungsanbieter zu sehen. Dazu braucht es einen intensiven Dialog. Mehr ,Gestalten‘ statt ,Verwalten‘. Ich selbst erlebe hier im Landkreis gute und tolle Ansätze in vielen Bereichen, zum Beispiel der Wirtschaftsförderung – aber offen gesprochen auch nicht überall. Hier ist zum Teil deutlich Luft nach oben. Und ehrlich gesagt, es sind auch manchmal die Unternehmen, die Angebote, Ideen und Initiativen nicht annehmen. Die Medaille hat zwei Seiten.

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