Schlaue Bachen und blaues Licht

Interview mit Kreisjäger-Chef Stefan Schwier zum Thema Wildunfälle

Rote Holzdreiecke an den Straßen markieren Orte von Wildunfällen – und sollen sensibilisieren.
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Rote Holzdreiecke an den Straßen markieren Orte von Wildunfällen – und sollen sensibilisieren.

Landkreis – Es ist dunkel, wenige Fahrzeuge sind noch unterwegs. Feierabend. Da passiert es. Links und rechts der Bundesstraße 214 warten die meterhohen Maisfelder auf Erntefahrzeuge. Der Schatten kommt von rechts, und als ihn meine Scheinwerfer erfassen – ist es ein Reh. Ich denke an die Vollbremsung, doch auch das Reh bleibt wie angewurzelt stehen.

Es reicht nicht, es knallt. Reh und Auto hat es erwischt. Das ist Jahre her, und doch denke ich jedes Mal, wenn ich an der Stelle vorbeifahre, an den Unfall.

Nachgefragt bei Stefan Schwier, Vorsitzender der Jägerschaft Grafschaft Diepholz:

Hätte ich den Unfall verhindern können?

Taucht ein Tier am Fahrbahnrand auf, unbedingt das Fernlicht ausschalten. Das grelle Licht macht orientierungslos. Hupen hingegen ist wichtig: Der laute Ton treibt Rehe, Hirsche oder Wildschweine weg von der Fahrbahn.

Droht dennoch ein Zusammenstoß: Kontrolliert bremsen und Lenkrad festhalten. Ein Ausweichmanöver ist deutlich riskanter. Taucht ein einzelnes Tier auf, können Nachzügler aus dem Familienverband folgen. Angepasste Geschwindigkeit, erhöhte Wachsamkeit insbesondere entlang von Feld- und Waldrändern und das Beachten von Warnhinweisen kann ich als Verhaltenshinweise nennen.

Die Idylle: Ein Rehbock läuft am frühen Morgen im Licht der aufgehenden Sonne über ein Feld.

Welche Stellen sind besonders anfällig?

Besonders in Moor- und Waldgebieten ist es gefährlich. Neue Straßen, etwa Ortsumgehungsstraßen wie die Ortsumgehung Barenburg.

Gibt es besondere Zeiten oder Wetterbedingungen, in denen mehr Wildunfälle passieren?

Wildtiere kennen weder Zeitumstellung noch Verkehrsregeln, sie folgen ihrem natürlichen Biorhythmus, ihrer inneren Uhr. Die Dämmerungszeit gehört zu ihren Hauptaktivitätsphasen. Die Tiere sind in den frühen Morgen- und Abendstunden unterwegs, aber auch nachts. Der Äsungsrhythmus beim Rehwild umfasst vier Stunden: Im Winter sind es demnach etwa 19, 23, 3 und 7 Uhr. Wildschweine und Wölfe etwa finden sich auch tagsüber in den Maisschlägen.

Losgelöst von entsprechenden Hinweisschildern: Kann ich als Autofahrerin an besonderen Merkmalen oder Warnhinweisen erkennen, dass mit Wild zu rechnen ist?

Wir haben immer noch die roten „Wild-Dreiecke“. Die stellt die Jägerschaft an den Stellen auf, an denen besonders häufig bereits Wildunfälle aufgetreten sind.
Besonders bewährt haben sich die blauen Wildreflektoren: Überall dort, wo die Wildreflektoren an den Leitpfosten angebracht sind, haben sie durchaus Wildunfälle verhindert. Die Jäger haben gezielt im Landkreis gefährdete Bereiche ausgesucht, in denen die Leitpfosten mit Reflektoren bestückt wurden. Die ersetzen wir auch, wenn sie beschädigt sind. (Anm.d.Red.: Reflektoren lenken das Scheinwerferlicht so um, dass Lichtblitze breit gestreut von der Straße in das Gelände strahlen. Das schreckt die Wildtiere ab, die den Bereich als gefährlich einschätzen und meiden.) Außerdem gäbe es noch sogenannte Duftzäune, auf die aromatisierter PU-Schaum aufgetragen wird.

Wie ist das Fazit der Kreisjägerschaft in Bezug auf diese Aktionen im Landkreis? Haben sie sich bewährt?

Ja, alle die genannten Dinge haben sich sehr positiv dargestellt. Vor allem aber ist die Aufklärung der Fahrzeugführer entscheidend, da nachts immer noch auffällig viele Menschen mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, auch auf Gemeindeverbindungsstraßen. Das sehen wir Jäger ständig beim nächtlichen Ansitz auf Wildschweine. Glücklicherweise sind die Bachen so schlau und bemerken das, halten ihre Frischlinge beisammen.

Die blauen Reflektoren haben sich bewährt, die Kreisjägerschaft ersetzt sie, wo sie fehlen oder beschädigt wurden.

Gibt es Veränderungen in Bezug auf das Wild im Landkreis? Hat sich die eine oder andere Population stärker oder schwächer entwickelt?

Durch den in großen Teilen enormen Anteil an Mais an der Ackerfläche fällt die Ortung von Wild immer schwerer. Erst zu Zeiten der Ernte kommt es häufig zu sogenannten Versetzungen, das heißt, das Wild nimmt einen neuen Einstand an, sucht sich einen neuen Aufenthaltsort. Es ist deshalb viel Wild unterwegs.

Durch die exponentielle Vermehrung der Wölfe bildet etwa das Schwarzwild große Rotten. Die wandern dann täglich hin und her zwischen den Revieren, verursachen teilweise nur kurzfristig – und schwer bejagbar – einen heftigen Wildschaden und stellen wegen der ständigen Flucht vor den Wölfen seit Neuestem ganz erhebliche Gefahren dar. Wobei: Die Reduktion des Schwarzwildbestandes durch die Wölfe ist kaum spürbar, beim Damwild ist es sehr ähnlich.

Was passiert mit den Kadavern nach dem Unfall?

Sollte es zu einem Wildunfall kommen, heißt es Unfallstelle sichern, auf die Eigensicherung achten und umgehend die Polizei benachrichtigen. Diese informiert den zuständigen Jäger, der mit seinem extra ausgebildeten Jagdhund auch vermeintlich unverletzt geflüchtete Wildtiere finden und von ihrem Leid erlösen kann. Die Jäger im Landkreis Diepholz haben sich verpflichtet, die fachgerechte Entsorgung des Fallwildes vorzunehmen.

Was heißt fachgerechte Entsorgung?

Schwarzwild wird generell zur Prävention der Afrikanischen Schweinepest in den sogenannten Kadavertonnen entsorgt, welche dann von der Tierkörperverwertung abgeholt werden.

Rehwild und anderes Fallwild, etwa Unfallwild, kann im Revier entsprechend tief, mindestens 60 Zentimeter, vergraben werden. Meist werden aber nun die vom Landkreis Diepholz zur Verfügung gestellten und von den Jägern verwahrten Kadavertonnen, die an mehreren Stellen im Landkreis aufgestellt sind, generell für Unfallwild genutzt.

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