1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Diepholz

Wie Corona sich auf das Impfen gegen andere Krankheiten auswirkt

Erstellt:

Von: Dierck Wittenberg

Kommentare

Ein gelber Impf-Ausweis vor einem Aufklärungsbogen über Masern. Gegen Masern, Mumps und Röteln werden Kinder häufig durch eine Dreifach-Impfung geschützt. Da bei den Masern die angestrebte Impfquote (95 Prozent der Schulanfänger) nicht erreicht wurde, hat der Bundestag hier erstmals wieder eine Impfpflicht eingeführt.
Masern, Mumps, Röteln: Dagegen werden Kinder häufig durch eine Dreifach-Impfung geschützt. Da bei den Masern die angestrebte Impfquote (95 Prozent der Schulanfänger) nicht erreicht wurde, hat der Bundestag hier erstmals wieder eine Impfpflicht eingeführt. © Tim Brakemeier/dpa

Durch Corona haben Ärzte häufiger Gelegenheit, den Impf-Schutz zu überprüfen. Zumindest bei den eigenen Patienten sind dabei keine gravierenden Lücken aufgefallen, berichten Ärzte aus dem Landkreis.

Landkreis Diepholz – Alle reden von Corona – und von der Impfung, die vor Ansteckungen und schweren Verläufen schützt. Millionen Erst-, Zweit- und Dritt-Impfungen bedeuten auch, dass überall im Land Impfausweise herausgekramt oder neu ausgestellt werden.

Dabei stoßen die behandelnden Ärzte darauf, dass Einträge fehlen, weil Patienten ihre Auffrischungen gegen Krankheiten wie Diphtherie oder Tetanus verpasst haben. So könnte man zumindest vermuten.

Impf-Rückstände gefunden, aber „keine Masse“

Dr. Bernd Roshop, Internist mit Praxis in Barnstorf, kann diesen Effekt bestätigen, in begrenztem Umfang. Er spricht von 2 000 Covid-Impfungen in den vergangenen zwölf Monaten – und von rund 30 Fällen, wo dabei Impfrückstände aufgefallen seien. „Das ist jetzt nicht die Masse.“

Eine Allgemeinmedizinerin aus dem Südkreis, die nicht mit Namen in der Zeitung stehen möchte, berichtet, dass bei ihr in der Praxis stark auf vollständigen Impfschutz geachtet werde: „Wir sind da sowieso up to date.“ Sie sei aber vermehrt auf fehlende, volle oder veraltete Impfausweise gestoßen.

Patienten mit festem Hausarzt wohl gut versorgt

Die Patienten, die einen festen Hausarzt haben und regelmäßig zu Untersuchungen kommen, sind mit den empfohlenen Impfungen gut versorgt – so kann man die Aussagen der Ärzte zusammenfassen, mit denen wir gesprochen haben. Aber im Zuge der Covid-Impfungen kommen auch Patienten in die Praxen, die lange nicht beim Hausarzt waren. Oder die, die sonst ihren Impfausweis zu Hause lassen.

Dr. Lars Pohlmeier, Hausarzt in einer Praxisgemeinschaft in Stuhr-Brinkum, bestätigt, dass verpasste Impfungen nun häufiger auffallen. „Ich würde das eher positiv sehen“, sagt er. Also weniger als Problem, dass Impflücken auftauchen, sondern als Lösung: Dass die nun häufiger entdeckt werden, weil die Patienten ihren Impfausweis mitbringen.

Der Brinkumer Hausarzt Lars Pohlmeier. Er begrüßt, dass seit Corona Lücken bei anderen Impfungen häufiger auffallen.
Der Brinkumer Hausarzt Lars Pohlmeier begrüßt, dass seit Corona Lücken bei anderen Impfungen häufiger auffallen. © Pohlmeier-Drescher

Pohlmeiers Erfahrung nach gehen nämlich viele Patienten davon aus, dass die Impf-Daten ohne Weiteres im Praxis-Computer abrufbar wären – was aber nicht der Fall sei. Pohlmeier weist darauf hin, dass es in Deutschland kein Impfregister gibt und man sich überhaupt schwertue mit dem Speichern medizinischer Daten. Deshalb lasse sich schwer abschätzen, wie groß die „Dunkelziffer“ der Impfgegner oder Impfverweigerer sei. Aber die „Vergesslichen“, die erreiche man jetzt besser.

Umfassendes Systems zur Erhebung der Impf-Quoten fehlt

Bei Covid-19 kann jeder Internet-Nutzer und Zeitungsleser Veränderungen der Impfquote tagesaktuell und für einzelne Gemeinden mitverfolgen. So detaillierte Daten liegen bei den anderen Impfungen nicht vor. „Leider nein“, antwortet Detlef Haffke auf die Frage, ob er Zahlen zur Quote bei den empfohlenen Impfungen in Niedersachsen abseits von Covid-19 vorliegen habe. Haffke ist Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). „In Deutschland existiert kein einheitliches umfassendes System zur Erhebung von Impfquoten“, führt er aus.

Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Er vermisst ein einheitliches System zur Erhebung von Impfquoten.
Zur Erhebung von Impfquoten vermisst Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, ein einheitliches System. © Thomas Deutschmann/nh

Ob die Impfkampagne gegen Covid-19 zu höheren Quoten bei anderen empfohlenen Impfungen führt, kann die Kassenärztliche Vereinigung noch nicht genau ermitteln. Ihr lägen die Abrechnungszahlen bis zum dritten Quartal 2021 vor, sagt ihr Sprecher. Einen Anstieg der Impfzahlen (abseits von Covid-19) kann er im Vergleich zu den Vorjahren nur für bestimmte Impfungen in einer bestimmten Altersgruppe attestieren: „Die Grippeschutzimpfung und die Pneumokokkenimpfung für über 60-Jährige ist während der Corona-Pandemie im Gegensatz zu den Vorjahren angestiegen.“

Laut Kassenärzten sind die Impf-Zahlen teilweise rückläufig

Anders bei den übrigen Immunisierungen und Auffrischungen: Die stagnieren laut KVN oder sind sogar rückläufig. Dabei mache sich, so Haffkes Erklärung, ein anderer Corona-Effekt bemerkbar: „Dies liegt auch daran, dass viele Bürgerinnen und Bürger den Praxisbesuch während der Corona-Pandemie gemieden haben.“

Detlef Haffke betont die Bedeutung der Auffrischungen für den Impfschutz. Es könne sonst sein, dass man nicht mehr komplett gegen die entsprechende Krankheit geschützt sei. „Bürgerinnen und Bürger sollten eine versäumte Impfung daher so bald wie möglich nachholen.“ Er weist darauf hin, dass man dabei keine erneute Grundimmunisierung benötige: „Die Auffrischimpfung reicht, egal wie lange die letzte Impfung zurückliegt. Es gilt: Jede Impfung zählt.“ Einzige Ausnahme hiervon sei die Cholera-Schluckimpfung für Reisende.

Kinderärzte sorgen in der Regel für Grundimmunisierung

Besagte Grundimmunisierung dürfte bei den meisten, die im deutschen Gesundheitssystem groß geworden sind, gegeben sein. Schließlich gehören die Impfungen gegen Rotaviren, Tetanus, Diphtherie und vieles mehr zu den Vorsorgeuntersuchungen, die die Kinder- und Jugendärzte regelmäßig vornehmen. Verpasste Auffrischungen stellen sich, so die Erfahrungen der Ärzte, eher im Erwachsenen-Alter ein.

Durch Corona haben Ärzte häufiger Gelegenheit, darauf aufmerksam zu werden. Aber machen sich die Diskussionen um die Covid-19-Impfungen auch umgekehrt bemerkbar, indem Patienten nun etwa bei der Tetanus-Spritze nach dem Hersteller, der Wirkweise oder Nebenwirkungen fragen? Der KVN-Sprecher bestätigt das: „Besonders seit der Corona-Pandemie werden derartige Fragen viel häufiger gestellt.“ Die Ärzte aus dem Landkreis haben das bisher allerdings nicht beobachten können.

Bei Masern greift seit 2020 eine Impf-Pflicht

Eine Pflicht, wie sie aktuell bei Covid-19 diskutiert wird, hat der Gesetzgeber bei einer anderen Impfung eingeführt – die gegen Masern. Die Pflicht gilt außer für Kinder auch für bestimmte Berufe wie Erzieher, Lehrer oder medizinisches Personal der Jahrgänge 1970 aufwärts. Bei der Masern-Impfung ist deshalb eine gesteigerte Quote festzustellen. „Seit der Impfpflicht (ab März 2020, die Red.) gab es einen Anstieg der Masernimpfungen um rund vier Prozent,“ teilt KVN-Sprecher Haffke mit.

Welche Impfungen sollten wann erledigt werden?

Bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen gelten folgende Empfehlungen: Rotaviren, Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Pertussis (Keuchhusten), Masern, Mumps (Ziegenpeter), Röteln, Varizellen (Windpocken), Pneumokokken (Bakterien, die Gehirnhaut- und Lungenentzündungen auslösen können), Meningokokken C (Bakterien, die Gehirnhautentzündungen auslösen können).

Für Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren: humane Papillomviren (HPV, Auslöser von HPV-bedingten Krebsarten).

Bei Erwachsenen: Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung; Regelimpfung bei nicht grundimmunisierten Erwachsenen und Personen ohne einmalige Auffrischimpfung), Masernimpfung für alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und in der Kindheit nicht beziehungsweise nur einmal gegen Masern geimpft wurden.

Außerdem sollten Erwachsene folgende Impfungen alle zehn Jahre auffrischen lassen: Diphtherie, Tetanus. (Wundstarrkrampf), Pertussis (Keuchhusten).

Erwachsenen ab 60 Jahren werden Impfungen gegen Influenza (Grippe), Pneumokokken (Bakterien, die Lungenentzündungen auslösen können) und Herpes zoster (Gürtelrose) empfohlen.

Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen

Auch interessant

Kommentare