Erna de Vries (95) vor Diepholzer Schülern

Holocaust-Überlebende berichtet: „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“

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Eindrucksvolle Begegnung: Die 95-jährige Auschwitz-Überlebende Erna de Vries schilderte ihre Erlebnisse vor Neuntklässlern der Jahnschule, hier mit Konrektorin Sarah-Lena Eilers, die den Kontakt hergestellt hatte.

Diepholz - Von Sven Reckmann. „Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist.“ Das waren die letzten Worte der Mutter von Erna de Vries, kurz bevor sich die Wege der beiden im Konzentrationslager Auschwitz trennten.

Die Worte der Mutter waren so etwas wie ein Auftrag für Erna de Vries. Die heute 95-Jährige ist eine der letzten Zeitzeugen des Holocausts, sie überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück. Seit Ende der 90er Jahre berichtet sie in Schulen und Bildungseinrichtungen über ihr Schicksal; am Dienstag erzählte sie ihre bewegende Geschichte vor den drei neunten Klassen der Diepholzer Jahnschule.

An der Seite von Bürgermeister Florian Marré betritt die 95-Jährige die Schulaula. Die Erinnerung an das Geschehen wach zu halten, sei wichtig. „Menschen vergessen einfach, was mal war“, sagt Marré in Richtung der Jugendlichen und riet ihnen: „Hört gut zu, was euch heute erzählt wird.“

Und die Schüler hören konzentriert und aufmerksam zu, kaum ein Flüstern, kaum eine Regung bei dem folgenden 90-minütigen Vortrag. Sie haben schon zuvor die Themen NS-Zeit und Holocaust im Unterricht behandelt, aber diese persönliche Begegnung gibt der Geschichte ein Gesicht.

Glasklarer Bericht von de Vries

Erna de Vries berichtet glasklar und chronologisch, wie die Juden in ihrer Heimatstadt Kaiserslautern immer mehr eingeschränkt und gedemütigt werden, wie Rechte eingeschränkt werden und schließlich in den Gewaltexzessen der Reichspogromnacht münden.

De Vries schildert, wie sie mit ihrer Mutter Zuflucht am Grab ihres Vaters sucht, während ihr Haus von den grölenden Horden verwüstet wird.

Aber es soll alles noch schlimmer kommen im folgenden Jahr, als plötzlich Uniformierte im Haus stehen. „Das Wort ,Deportation’ fiel. Und ich wusste, das heißt: Auf Nimmerwiedersehen.“ Zusammen mit ihrer Mutter und mehr als 80 anderen Frauen wird sie nach Auschwitz transportiert.

Ihre persönlichen Habseligkeiten, Koffer, Kleidung sind sie schon bei der Aufnahme los, ausgestattet werden sie stattdessen unter anderem mit primitiven Holzschuhen, „es entzündete sich jede Wunde. Und wer fußkrank war, der war weg vom Fenster“.

In einem Außenlager gearbeitet

Zur Arbeit geht es jeden Tag in den dreckigen Tümpel, die anderthalb Kilometer lange, beschwerliche Wegstrecke führt zwischen zwei Krematorien hindurch. „Wir sahen Berge von Leichen und wir wussten, was mit uns passieren sollte“, erinnert sich de Vries.

Sie arbeiten in einem Außenlager in der Fischzucht, „in einem Tümpel“, berichtete die Frau. Erna de Vries leidet unter Phlegmone, welche sich in ihrem Fall durch eitrige Wunden an den Beinen äußert. Im September 1943 wird sie deswegen verlegt. „In Block 25, das war der Todesblock. Ich wurde ausgesucht fürs Gas.“ Am frühen Morgen des folgenden Tags werden die Insassinnen des Blocks in einem Innenhof zu Lastwagen getrieben. „Ich habe mich hingeworfen, ich habe gebetet, ich wollte noch einmal im Leben die Sonne sehen. Und ich habe die Sonne gesehen.“

Da hört sie, wie jemand ihre Nummer rief, die sie auf dem Arm hatte. Ein SS-Mann holt sie aus der Gruppe heraus, weil sie als sogenannter jüdischer Mischling nun nicht mehr ins Vernichtungslager, sondern in die Rüstungsproduktion ins KZ Ravensbrück gebracht werden soll.

Es gelingt ihr noch, sich von ihrer Mutter zu verabschieden: „Das geht nicht mit ,Auf Wiedersehen‘, wir wussten, dass wir uns nicht wiedersehen.“

Im Todesmarsch nach Mecklenburg

Erna de Vries arbeitet bis zum Frühjahr 1943 im Siemenslager Ravensbrück. Nach der Räumung des KZ schleppt sie sich beim Todesmarsch der Insassinnen bis Mecklenburg. „Wir wussten: wenn wir nicht weiterkönnen, werden wir erschossen.“

Aber es soll nur noch wenige Tage bis zur Befreiung durch alliierte Truppen dauern: Als weiter vorn im Treck Jubel ausbricht und ihnen ein US-Jeep entgegenkommt, „da haben wir begriffen: es ist vorbei.“ Da haben die Bewacher schon die Flucht ergriffen.

Es bleibt noch viele Momente still in der Schulaula, als Erna de Vries am Ende ihres Vortrags angelangt ist. Die Schüler sind sichtlich ergriffen und stellen erst nach und nach Fragen an die Zeitzeugin, Fragen nach dem Verarbeiten oder nach ihrem weiteren Werdegang.

Und sie danken für eine eindrucksvolle Begegnung.

Heimisch im Emsland:

Erna de Vries (gebürtig Erna Korn) kommt nach dem Krieg zunächst bei einem Bauernhof in Mecklenburg unter und lebt dann in Köln, wo sie ihren späteren Mann kennenlernt, der ebenfalls Häftling in drei Konzentrationslagern gewesen ist. Mit ihm hat sie drei Kinder. „Die Kinder haben uns ins Leben zurück geholfen“, sagt sie heute. Mit ihm geht sie nach Lathen ins Emsland, wo sie nach dem Tod ihres Mannes auch heute noch lebt.

Die Bundesrepublik Deutschland würdigt sie 2006 mit der Verleihung der Verdienstmedaille. 2014 wird ihr vom Bundespräsidenten Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Den Kontakt zwischen der Auschwitz-Überlebenden und der Jahnschule Diepholz hat Konrektorin Sarah-Lena Eilers hergestellt, die ebenfalls aus Lathen kommt.

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