500 Besucher sehen „Paulette“ im Diepholzer Theater

Humor und Sozialkritik

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„Auf nach Amsterdam“ hieß es am Ende von „Paulette“. Alle Schauspieler des Ensembles übten sich in Tanz und Gesang. 

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Anna Bechstein, Autorin der Bühnenfassung des Kinofilms „Paulette“, wünscht sich, dass Theaterbesucher politischer werden, deshalb adaptierte sie den Film für die Bühne.

Jerôme Enrico, Autor und Regisseur des Films, fragt: „Ist im Theater Platz für politische Korrektheit?“. Er meint Theater soll sich von solchen Fragen befreien, soll reflektieren, bohren, hinterfragen und kritisch sein. Genau mit diesen beiden Ansätzen war das fast volle, mit knapp 500 Gästen gefüllte, Theater in Diepholz zum Abschluss der Theatersaison konfrontiert.

Humor gegen die Bitterkeit im Alltag

Mit dem sozialkritischen und brandaktuellen Stück über Altersarmut, Scham der Senioren zum Amt zu gehen und Grundsicherung zur schmalen Rente zu beantragen, beschämt, mit dem Gefühl, ein Leben lang geschuftet zu haben und nun doch überflüssig zu sein. Eingebettet in das Genre Komödie, war das schwere, ernste Thema, das ab Mai ganz oben als Streitparole bei den Gewerkschaften, Sozialverbänden, der Diakonie, gemeinsam auf ihren Fahnen prangt, erträglich und sogar zum Lachen.

„Mit Humor geht alles besser“, sagt ein altes Sprichwort und der Humor nimmt tatsächlich der Schwere im Alltag die Bitterkeit. Der Film und die Bühnenfassung pflügen den Boden der Unzulänglichkeiten eines reichen Europas so richtig um: Altersarmut, Rassismus, Legalität und Moral. Und Paulette, die Oma, die aus der Armut im Alter in der Pariser Vorstadt weiche Drogen verkauft, gab es wirklich.

Komödie mit Denkanstößen

Diana Körner ist Paulette mit Minirente, Gerichtsvollzieher, ist Sozialfall, obwohl sie das ganze Leben gearbeitet hat. Und Witwe. Am Rande der Gesellschaft. Sie begegnet der Frage, zum Amt gehen voller Scham oder selbst das Schicksal in die Hand nehmen. Damit steht die Protagonistin für viele und immer mehr werdende Ältere in den Gesellschaften der Industrienationen.

Mit der Inszenierung der a.gon Theater München kam eine Komödie mit vielen Denkanstößen auf die Bretter. In zwei „Zauberkisten“, wie es die Bühnenbildnerin Claudia Weinhart selbst beschreibt, ist es möglich, die Kargheit der unpersönlichen Plattenbausiedlung von Oma und Dealern darzustellen. Das Blatt wendet sich durch kleine Details, wie weiße Spitzendecke oder Blumenhusse für das Sofa, inklusive Blumenkleid für Paulette und rote Lederjacke als Luxusartikel als Paulette im Quartier mit Erfolg dealt und ihre Rente aufbessert. Die Frage nach Moral und Legalität des Gewerbes bleibt beim Zuschauer, denn in Frankreich ist Paulette eine Kriminelle, in Holland eine Geschäftsfrau, je nach geltendem Recht.

Der allerletzte Ausweg?

Nicht alle Rentner bei denen es nicht reicht, gehen den progressiven Weg wie Paulette, mutig und mit einem Fuß am Abgrund. Die Fälle der Selbstaufgabe und Selbstmorde werden mehr.

Das Ensemble um Körner verkörpert die Charaktere der Straße der Großstadt: Den Dealer, seine Helfershelfer, den Drogenboss, die Kirche, die hilflose Polizei bei so viel sozialer Ungerechtigkeit und Brennpunkten. Anna Bechstein gelingt ganz nah am Film die Verdichtung der Gegebenheiten, der Hoffnungen, der Gefühle der Menschen. Der Schritt von Paulette in die Illegalität hat viel von der Flucht in die Prostitution als allerletzten Ausweg. Und wenn man die Moral einmal einen Moment Pause machen lässt, fällt auf, dass Paulette der Umgang auf der Straße, mit anderen Kulturen und Menschen, die sie sonst mied, offener und weniger fremdenfeindlich werden lässt.

Aus marketingtechnischen Gesichtspunkten des Drogenbosses Taras (Lutz Bembeneck) hat sie sogar mit ihren Haschplätzchen aus rein natürlichen Zutaten den Biomarkt und ein „New Business“ erobert. Dabei war auch das Backen eine Notlösung als sie, von den anderen Dealern des Viertels verprügelt, wieder aufsteht. Aber sie bleibt ihren eigenen Prinzipien treu: „Ich verkaufe nicht an Siebenjährige.“ Die Kirche wird nicht verschont im Stück: Als Paulette das überproportional gut verdiente Geld für ein neues Kirchendach spendet, wird Vater Baptiste weich. Die Frage bleibt: Wird Drogengeld plötzlich weiß, wenn man Gutes damit tut? Für die Besucher blieben, trotz allem Lachen, die zentralen Fragen: In welcher Gesellschaft leben wir, wenn Alte überflüssig scheinen und kein würdiges Rentnerleben führen können?

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