Kabarettist Jochen Malmsheimer macht das Diepholzer Theater zur Galopprennbahn

Auf dem Hochseil der Wortkunst-Akrobatik

„Ich bin mir in weiten Teilen auch ein Rätsel“: Ein rund zweistündiges Wortgewitter entfesselte Jochen Malmsheimer auf der Diepholzer Theaterbühne. - Foto: Brauns-Bömermann

Diepholz - Ein Tipp für alle, die nicht dabei waren am Sonntagabend im Diepholzer Theater, die nicht den Abend mit Kabarettist Jochen Malmsheimer erlebt haben: Die nächsten einfach zu erreichenden Spielorte mit dem gleichen Programm sind Essen und Löhne, noch im März.

Alles Nacherzählen ist sinnlos und nicht möglich. Der preisgekrönte Kabarettist kennt Worte, die kennt nicht einmal der Duden, inklusive aller Synonyme. Malmsheimer spricht in Thesauren (Wortnetzen) und verbiegt sie rhetorisch mit klar definiertem Ziel. Die etwa 250 Zuschauer und vor allem -hörer hatten ihren Spaß.Wo er auftaucht, wollen Menschen niveauvoll bespaßt und die Facetten der Welt erklärt wissen, die noch nicht so ganz verstanden sind. Und all das auf dem Hochseil der akrobatischen Wortkunst. Also es gibt Kabarett, das mit deutscher Sprache belustigt und weiterbildet, vorausgesetzt man hat das Programm mitgeschnitten. Das war aber wiederum von Malmsheimer eingangs „unter Androhung der Todesstrafe“ verboten.

Was war also in Diepholz zu tun? Ohren und Augen auf, Gehirn auf Alarmmodus, alle verfügbaren Speicherregister aktiviert. Nur so konnte das zweistündige stimm- und wortgewaltige Wortgewitter des genialen Kabarettisten in Bruchstücken archiviert werden. Irgendwie suchte man bei ihm den Ersatzluftbehälter, der musste irgendwo sein, denn zum Luftholen blieb ihm und dem Publikum keine Zeit. Eigentlich war die Bühne eine Galopprennbahn mit jedem Tritt Sprachgenuss für die „Gegensitzer“, wie Malmsheimer sein Publikum nannte.

Auch konnte man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass alte Sprache ihn enorm reizt, er eigentlich weder mit der Qualität noch dem quantitativen Umfang des deutschen Wortschatzes einverstanden ist. Als er als Kind Deutsch lernte, gab er sich vermutlich nicht mit dem Erlernen eines Wortes pro Bedeutung zufrieden, vermutlich erlernte er mindestens drei bis vier plus der lateinischen Übersetzung. Er beneidete die Verben, denn die hatten eine Zukunft und können sich beugen.

Seine „Gegensitzer“ wehrten sein Bombardement der Worte mit konstantem Lachmodus ab, einige fanden den Ausschalter gar nicht mehr.

Als Malmsheimer in seiner sechs Minuten acht langen Zugabe mit dem Titel „Sport“ eher die Antonyme beschrieb und sich darüber lustig machte, dass Sport eher Verletzung bedeute und schon die Umschreibung „Sport treiben“ einem ganz anderen Fachgebiet angehöre, waren die Besucher schon in Bewegung: Ihre Bauchmuskulatur war dauerbeansprucht, ihr Gehirn joggte auf Hochtouren, Augen und Ohren waren auf Dauerbetrieb.

Dass Männer im Allgemeinen wenig sprechen, das nahm keiner Malmsheimer ab: Deshalb waren die Frauen ja gekommen, um einmal einen Mann mehr, schneller und länger reden zu hören, als sie selbst es können und das mit Inhalt… Malmsheimer ist ein Maler mit Worten, die entweder längst verschollen oder noch nicht erfunden sind. Er könnte der nächste Kandidat für die Erweiterung des Sprachschatzes nach Duden und Fremdwörterverzeichnisses sein. Fällig wäre die Neuauflage, wenn man ihn gehört hat, längst.

Er war mit dem Programm „Ich bin kein Tag für eine Nacht oder ein Abend in Holz“ in Diepholz angetreten. Er berichtete von der Beobachtung, dass immer mehr gesprochen, viele Menschen sogar mehr sprächen, immer häufiger mit Anlass, allerdings wüssten offenbar die Wenigsten, was da mit Ihnen geschähe und das höre man dann ja auch.

Im zweiten Teil brillierte der Kabarettist mit seinen sprachlichen und schauspielerischen Talenten, die ihm jede Rolle in einem Shakespeare-Stück eröffneten. Otto Walkes Idee, Organe und Körperteile kommunizieren zu lassen („Wir befinden uns jetzt im Körper von Herrn Soost...“), um menschliche Funktion überhaupt zu ermöglich, verfeinerte Malmsheimer bis zum Exzess: Er sprach zig Rollen mit und ohne Dialekt an drei Mikrophonen, um letztlich ein sinnentleertes „Boah ey“ aus dem Hirn eines pubertierenden jungen Mannes zu katapultieren.

Spätestens, als die Organe Sitte und Moral mit Bypass versehen sind, wird es ganz einfach: „Ich bin kein Tag für eine Nacht“ entflieht ihm unter Testosteron-Alarm, und ihm fliegt vom Mädchen seiner Begierde ein ebenso aussagekräftiges: „Cool, einmal Vögeln macht noch keinen Sommer“ entgegen.

„Ich bin zufrieden mit Ihnen“, so Malmsheimer zum Publikum, „wenn sie jetzt mit Zug, Bus, Droschke nach Hause fahren, denken Sie daran: „Ich bin mir in weiten Teilen auch ein Rätsel“.

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