Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bestattet noch immer Kriegstote

Herzenssache: Ein Ort zum Trauern

Bündeln die Arbeit des Volksbunds im Landkreis (v.l.): Markus Kiehne und Landrat Cord Bockhop.
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Bündeln die Arbeit des Volksbunds im Landkreis (v.l.): Markus Kiehne und Landrat Cord Bockhop.

Landkreis Diepholz – Gefallen, vermisst, unvergessen: Dunkle Schatten werfen Soldatenschicksale auf das Leben ihrer Angehörigen. Wenn sich ein Lebenskreis nicht schließen kann, weil es kein Grab gibt, bleibt eine schwärende Wunde. Noch heute, 75 Jahre nach Kriegsende, leiden Töchter und Söhne unter dem Verlust eines Vaters, den sie nie kennengelernt haben oder an den sie sich kaum erinnern können.

Wie eine 81-Jährige aus Sulingen, die namentlich nicht genannt werden will. „Meine Mutter hat mir erzählt, ich habe viel geweint“, berichtet sie über ihre frühe Kindheit. Die Mutter muss sie und ihre drei Geschwister allein durchbringen. „Ich habe oft von Feuer geträumt“, erinnert sich die 81-Jährige. Sie hat als Mutter heute ein ganz besonders enges Verhältnis zu ihren Kindern, ist aber ständig in Sorge um deren Sicherheit.

Ein Erbe des Traumas, mit dem sie fast acht Jahrzehnte lang leben muss? Fakt ist: Ihr Vater ist bis heute verschollen. Alle Suchaufträge blieben erfolglos. Ein Grab und damit einen Ort zum Trauern, der für die meisten Menschen Herzenssache ist, gibt es für sie nicht.

Aber: „Noch immer – auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – werden Kriegstote gefunden, geborgen und umgebettet“, betont der als Verein organisierte Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in seiner Bilanz 2019. In 21 Ländern hatten die Volksbund-Umbetter im vergangenen Jahr gearbeitet – dabei sage und schreibe 19 735 Kriegstote geborgen und sie auf Kriegsgräberstätten würdig bestattet.

„Schwerpunkte sind nach wie vor Mittel- und Osteuropa“, berichtet der Volksbund, „in der Russischen Föderation waren es 10 954 Tote, in Polen 2 781 und in Weißrussland 2 393“. Im Fokus stand demnach erneut Wolgograd, das ehemalige Stalingrad: „Auf der Kriegsgräberstätte in Rossoschka bettete der Volksbund 1 837 Kriegstote feierlich ein. Sie waren zufällig im November 2018 im Innenhof einer Firma in Wolgograd entdeckt worden – bei Bauarbeiten für eine Wasserleitung.“ Die Exhumierung hatte drei Wochen gedauert.

Diese Arbeit hilft Angehörigen: „Mein Bruder und ich konnten mithilfe des Volksbundes im Jahr 2019 die Grabstätte unseres Großvaters in Belarus ausfindig machen“, berichtet Landrat Cord Bockhop. Sein Vater war ein sechs Monate altes Baby gewesen, als dessen Vater 1942 fiel. Cord Bockhop und sein Bruder haben nun ein Bild von der letzten Ruhestätte ihres Großvaters: „Der Friedhof ist eine Gedenkstätte mit Erinnerungstafeln in Deutsch und Russisch“, berichtet der Landrat, der heute Vorsitzender des Kreisverbands Diepholz im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist.

Diese Organisation sammelt traditionell im November Spenden, um internationale Arbeit leisten zu können – unter der Prämisse „Versöhnung über den Gräbern“. Bedingt durch die Corona-Pandemie müssen Haus- und Straßensammlungen nun ausgesetzt werden. „Die Sparkassen und Volksbanken haben hier jedoch spontan ihre Unterstützung angeboten“, freut sich Cord Bockhop. In ihren Filialen stellen sie Spendendosen bereit, um allen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren Beitrag für die weltweite Friedensarbeit zu leisten. Spendenbeträge können selbstverständlich auch überwiesen werden.

Ausnahmebedingungen durch Corona prägen ebenso den Volkstrauertag am Sonntag. Gedenkfeiern sind nur im kleinsten Kreise möglich, die traditionellen Kranzniederlegungen sollen unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen – weil die Kontakte laut Corona-Verordnung des Landes auf das unbedingt Notwendige zu beschränken sind. Cord Bockhop weiß: „Dieser Einschnitt ist für viele Bürgerinnen und Bürger schwer, jedoch zwingend erforderlich.“

Von Anke Seidel

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