Hans-Helmut Gerstenhauer schreibt 1945 mit erster Überquerung des Ärmelkanals in einem Helikopter Luftfahrtgeschichte

Hubschrauberpionier aus Diepholz

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Hans-Helmut Gerstenhauer im Jahr 2007.

Von Peter Merk. und Ulf Kaack

DIEPHOLZ

Als Hans-Helmut Gerstenhauer am 28. Mai 1915 um 3.30 morgens in Diepholz das Licht der Welt erblickte, konnte noch keiner wissen, dass der Sohn des damaligen Staatshochbauamtsleiters Ernst-Hugo Gerstenhauer und seiner Frau Martha Elisabeth Gerstenhauer (geb. Fritzsche) in seinem späteren Leben einmal Luftfahrtgeschichte schreiben würde.

Ihm gelang 1945 nicht nur die erste Überquerung des Ärmelkanals mit einem Helikopter, sondern auch der erste erfolgreiche Luftrettungseinsatz mit diesem seinerzeit neuartigen Flugzeugtyp.

Nach Kindheit und Teilen der Grundschulzeit in Diepholz kam Gerstenhauer nach Frankfurt/Oder. Später absolvierte er ein Studium in Strelitz/Mecklenburg, das er als Flugzeugingenieur 1935 abschloss. Anschließend war er als Konstrukteur bei den Luftfahrtunternehmen Arado und Dornier tätig. Als Wehrpflichtiger absolvierte der Diepholzer bei der Luftwaffe die Flugzeugführerausbildung und war in den ersten beiden Kriegsjahren als Pilot der Heeresaufklärungsstaffel über Polen, Frankreich und Russland im Einsatz.

Im August 1942 erhielt Gerstenhauer die Versetzung zu Focke-Achgelis in Hoykenkamp (heute ein Ortsteil von Ganderkesee) vor den Toren Bremens, um als zweiter Erprobungspilot neben dem Chefpiloten Carl Bode an der Entwicklung des kleinen Tragschraubers „Bachstelze“, vor allem aber an dem Transporthubschrauber Fa 223 „Drache“ mitzuwirken. Dies gelang unter schwierigsten Umständen: Zweimal fielen die Produktionsstätten des innovativen Drehflüglers alliierten Bombenangriffen zum Opfer.

 Kurz vor Kriegsende, am 6. März 1945, bekam Hans-Helmut Gerstenhauer den Auftrag, einem im Schneesturm notgelandeten Jagdflieger zu helfen. Er startete vom Fliegerhorst Danzig-Praust aus mit seiner Fa 223 „Drache“ und fand den Piloten nach nur achtminütiger Suche im Wrack seiner Focke-Wulf FW 190. Die Bergung verlief ohne Komplikationen und ging als erste Luftrettung mit einem Hubschrauber in die Fliegergeschichte ein.

 Das Kriegsende erlebte der Testpilot und Leutnant der Luftwaffe in den österreichischen Alpen. Freiwillig begab er sich mit seiner Crew und der Fa 223 „Drache“ in die Obhut der US-Besatzer, die sich natürlich brennend für die fortschrittliche und ausgereifte Technik des Bremer Konstrukteurs Henrich Focke interessierten. Was folgte, war eine lange Luftreise mit vielen Etappen und Vorführungen vor alliierten Technikern und Militärs. Die Odyssee des „Drache“ endete nach rund 2500 Kilometern zunächst im französischen Le Havre, wo Maschine und Besatzung von den Briten übernommen wurden.

Am 6. September 1945 hob Hans-Helmut Gerstenhauer mit der Fa 223 zur Erstüberquerung des Ärmelkanals ab. Um 17.10 Uhr startete er mit Kurs Nord vom Flugplatz Abbeville. Wetter und Sicht waren gut, nach 20 Minuten passierte er die letzte Landmarke Berck-sur-Mer. In 20 bis 50 Metern Höhe steuerte er den „Drache“ über die leicht bewegte Wasseroberfläche des Kanals. Eine Stunde nach dem Start zog Pilot Gerstenhauer elegant über den Strand und den Hafen von Folkstone hinweg. Exakt um 18.20 Uhr landete er nach einer Distanz von 120 Kilometern auf dem Flugplatz Lympne.

 Viele Erkenntnisse konnten die Briten mit der Fa 223 allerdings nicht gewinnen. Am 3. Oktober 1945 schmierte der „Drache“ nach dem Start aus 30 Metern Höhe ab und krachte mit seinem Gewicht von 3,5 Tonnen auf den Boden. Der gebürtige Diepholzer Gerstenhauer und seine drei britischen Passagiere kamen mit nur leichten Blessuren davon, der Focke-Achgelis-Hubschrauber war nur noch ein Wrack.

Ursächlich für den Absturz war ein technisches Versagen. Prof. Focke hatte angeordnet, dass die Spannung der Motorenaufhängung alle 25 Stunden zu überprüfen wären. Die FA 223 hatte nun seit der letzten Überprüfung allerdings schon 37 Stunden in der Luft verbracht und die Aufhängung hatte soweit an Spannung verloren, dass die Antriebskupplung zuviel Spiel bekam und versagte. Wäre dieses nur zwei Flugstunden eher passiert wäre die FA 223 wohl in den Ärmelkanal gestürzt.

Der Absturz bedeutet das Ende der fliegerischen Karriere von Hans-Helmut Gerstenhauer, in der er 699 Stunden in der Luft verbracht hatte, davon alleine 84 Stunden am Steuerknüppel der FA 223.

Nach einigen Monaten in den Diensten der britischen Luftwaffe wechselte Hans-Helmut Gerstenhauer dann als Übersetzer in die Automobilbranche. Er arbeitete anschließend als Pkw-Konstrukteur bei Messerschmitt und der Auto Union. 1960 kehrte er zurück zur Fliegerei, war federführend beteiligt an der Gemeinschaftsentwicklung des Senkrechtstarters VJ-101C von Heinkel, Messerschmitt und Bölkow, der Waffenerprobung beim „Starfighter“ F 104 und am Bau des Kampfjets „Tornado“. 1980 ging er nach einem aktiven und bewegten Fliegerleben in den Ruhestand.

Hans-Helmut Gerstenhauer wurde am 28. Mai 99 Jahre alt. Er lebt heute in einem Seniorenheim in Schwerte bei Dortmund. Ein Modell des Hubschraubers, mit dem er den Ärmelkanal überquerte, ist im Hubschraubermuseum in Bückeburg zu sehen.

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