Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate referiert vor 60 Zuhörern zur Entwicklung Afrikas

Größte Herausforderung

Aus afrikanischer Sicht berichtete Dr. Asfa-Wossen Asserate (links) im Alten Rathaus in Diepholz auf Einalung des Vereins „Lernen-Helfen-Leben“ über die Hindernisse und Perspektiven für die Entwicklung Afrikas. - Foto: Manholt

Diepholz - Von Louisa Manholt. Royaler Besuch sorgte im Alten Diepholzer Rathaus für Aufmerksamkeit. Dabei war es nicht die Herkunft, die die Besucher anlockte, sondern der Vortrag der Kaiserlichen Hoheit, Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers. Insgesamt 60 Interessierte lauschten, als Asserate über das Thema „Die EU und Afrikas Präsidenten – Afrikanischer Blick auf Hindernisse und Perspektiven für die Entwicklung Afrikas“ referierte. Eingeladen hatte der Verein „Lernen-Helfen-Leben“.

In der Eröffnungsrede machte Vereinsvorsitzender Heinz Rothenpieler darauf aufmerksam, dass Asserate Mitte der 70er Jahre als Flüchtling nach Deutschland kam und somit die Problematik selbst erlebt hatte und daher aus eigenen Erfahrungen berichten kann.

Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate begann seinen Vortrag mit der Aussage, dass die Entwicklung Afrikas die größte Herausforderung im 21. Jahrhundert darstelle. Er stellte zunächst klar, dass Afrika kein homogener Kontinent sei, wie viele fälschlicherweise annähmen. Stattdessen sei Afrika der Inbegriff der Vielfalt mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern, mit 2 000 Sprachen bei vielen Völkern und noch mehr Ethnien in Dörfern und Metropolen.

Ebenfalls erklärte der Äthiopier, dass Afrika auch nicht arm sei, sondern reich an Rohstoffen. Es wird mit einem Wirtschaftswachstum von 4,4 Prozent gerechnet und seit dem Jahr 2000 entwickelt sich die Wirtschaft rasant weiter. Das Bruttoinlandsprodukt von 1,6 Billionen US-Dollar komme nicht nur nicht durch die hohen Rohstoffpreise für Platin, Gold und Uran. 2016 wuchs der Handel mit Deutschland auf 25,4 Prozent.

Die meiste Zusammenarbeit bestehe zurzeit aber mit China. Wobei die Chinesen laut Asserate eine Art Neo-Kolonialismus betreiben, indem sie die Rohstoffe des Kontinents nehmen und mit Industrieprodukten zahlen. Die Billigware aus China sei qualitativ aber so schlecht, dass in Simbabwe inzwischen ein eigenes Wort dafür existiere.

Dank der rasanten Ausbreitung des Internets und Verlegung von Glasfaserkabeln, besäßen bereits 750 Millionen Afrikaner ein Handy, die Tendenz sei steigend. Das seien zwar positive Zahlen, doch in vielen Bereichen sei Afrika auch weiterhin das Schlusslicht. Zum Beispiel die hohe Rate der Analphabeten oder die zu geringe Dichte von Zahnärzten. Auch die blutigen Kämpfe der Gewaltherrscher innerhalb des Kontinentes tragen dazu bei, dass Asserate annimmt, dass eine massive Völkerwanderung zu erwarten sei. Die Hälfte der Flüchtlinge werde dabei unter 18 sein.

Der Afrikaner nannte zwei Hindernisse, auf die besonderes Augenmerk gelegt werden müsse. Erstes Hindernis sei die Bevölkerungsexplosion: „Die kann man allerdings auch nicht verhindern, indem man Tausende Kondome nach Afrika verschifft“, bemerkte Asserate mit einem Schmunzeln. Stattdessen sei das Denken der Afrikaner wie bei den Deutschen früher: Viele Kinder sterben – und die, die überleben, sorgen für die Rente im Alter. Denn in Afrika gebe es nur ein einziges Land, das eine minimale Rente zahle.

Das zweite Hindernis sei nach Asserates Sicht unfairer Handel. Dadurch, dass die EU die innereuropäische Agrarindustrie bezuschusst, kann der afrikanische Agrarmarkt mit Produkten aus der EU überflutet werden. „Zum Beispiel Geflügelreste. Die Europäer wollen lieber die Brust, die Schenkel sind in der EU nicht gefragt. Ein Kilo Hähnchenschenkel kosten in der heimischen Produktion ungefähr 1,80 Euro. Importe aus der EU nicht einmal die Hälfte“, stellte Asserate fest.

Als zweites Beispiel führte er an, dass der Import von Tomatenmark den heimischen Tomatenanbau völlig zerstört hätte. Die afrikanischen Kleinbauern mussten so ihr Land verlassen und in Europa als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft arbeiten, um zu überleben.

Auch kostenlose Lebensmittelhilfe würde den heimischen Handel zerstören.

Direkte Geldhilfen seien jedoch auch kein Mittel der Wahl, da dies in korrupte Hände gerate und nicht zur bedürftigen Stelle weitergeleitet werden würde.

Die derzeitige Entwicklungshilfe betitelte Asserate als verfehlt.

Es gäbe aber einen Ansatz, um die jugendlichen Afrikaner in Brot und Arbeit zu führen. Der Marshallplan mit Afrika, zu dessen Rahmenbedingung neben Achtung der Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit auch Bildung und wirtschaftliche Stabilität gehören.

Die wirtschaftliche Entwicklung sei allerdings nicht ohne politische Entwicklung machbar.

In Asserates Augen könne man Afrika am besten helfen, indem gute Wirtschaftsverhältnisse auf Augenhöhe geschaffen werden. Eine landwirtschaftliche Entwicklung sei dabei der Grundstein für die Entwicklung Afrikas. Um Korruption zu vermeiden, ist er der Meinung, Hilfe in Form von Mikrokrediten zu leisten. Denn schon kleine Beträge würden oft ausreichen, um aus der Armut herauszukommen und sich ein Leben aufzubauen. Dabei sollte man besonders Frauen unterstützen. Denn diese seien weniger anfällig für Korruption und zahlen die Kredite auch zurück, da sie richtig investieren, statt Alkohol zu kaufen, was bei Männern eher vorkomme. Asserates Schlussworte: „Afrika kann sich nur selbst helfen. Europa kann bei dieser Selbsthilfe aber unterstützen.“

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch die Möglichkeit Fragen zu stellen und zu diskutieren. Der Kongolese Dr. Boniface Mabanza übernahm dabei die Moderation. Auch wenn er zu Beginn sagte, er versuche, sich mit Kommentaren zurückzuhalten, konnte er die ein oder andere Meinung zu den Fragen nicht unterdrücken.

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