Ingried Randons: Kreativität zur Erholung von der Pflege der Mutter

Glitzernde Kunst aus Schrott

„Tarnung auf Überflüssigem“: Die Diepholzerin Ingried Radons mit ihren ungewöhnlichen, glitzernden Kunstwerken. - Foto: Manholt

Diepholz - Von Louisa Manholt. Sie hat kaum Freizeit und schafft es dennoch, sich selbst zu verwirklichen. Ingried Radons aus Diepholz ist nahezu den ganzen Tag damit beschäftigt, ihre Mutter zu pflegen. In ihrer wenigen Freizeit findet sie Erholung mit einem ungewöhnlichen Hobby: Sie beklebt augenscheinlichen Schrott mit funkelnden Dingen und macht daraus Kunst.

Seit vier Jahren beansprucht die Pflege schon Ingried Radons Zeit. Ursprünglich waren es beide Elternteile, inzwischen muss sich die 66-Jährige nur noch um ihre Mutter kümmern. Zwar helfen ihre Schwester und die Sozialstation bei der Pflege, trotzdem bleibt der größte Teil bei der 66-Jährigen, weil sie eben vor Ort ist. Rund um die Uhr ist sie zur Stelle und kommt daher auch nicht aus der Stadt. „Ich wäre dann unruhig“, erzählte die ursprüngliche Finanzmaklerin.

Durch die geringe Freizeit und oftmalige Erschöpfung litten ihre Sozialkontakte und Radons bekam immer weniger Besuche von Freunden. Sie fühlte sich isoliert und einsam, verlor aber nicht ihre Fröhlichkeit: „Man kann ja nicht nur weinen.“

Im April 2014 kam in Ingried Radons der Wunsch nach einem hübschen Kerzenständer auf, jedoch waren ihr alle kaufbaren zu langweilig: „Man will ja was, das funkelt.“ Als sie einen Blick auf einen alten Kerzenständer aus Draht warf, kam ihr schließlich die Idee. „Ich habe doch noch alte Ohrringe und Glitzersteine, habe ich mir so gedacht“, schilderte Radons über ihr erstes Projekt. „Und dann habe ich angefangen, den zu bekleben und das Ergebnis war richtig toll!“ Bei dem einen Kerzenständer blieb es nicht. Ein zweiter wurde beklebt und altes Kuchengeschirr darin verarbeitet.

Aus einer Idee entwickelte sie schnell ein Hobby: Upcycling, Abfallprodukte werden zu neuwertigen Produkten umgewandelt. Radons nennt es aber lieber „Camouflage en superflu“ zu Deutsch etwa „Tarnung auf Überflüssigem“. Denn der Schrott, das Überflüssige, wird mit Glitzersteinen, Christbaumkugeln und Modeschmuck so verziert, also getarnt, dass von der Altware nichts mehr zu sehen ist.

Um überhaupt die Zeit für ihr Hobby zu haben, steht die Künstlerin jeden Tag um 4 Uhr auf und sitzt dann ab 6 Uhr für 60 bis 90 Minuten an ihren Figuren in einer eigenen „Werkstatt“ an der Hindenburgstraße, Ecke Grafenstraße. Wenn es ihrer Mutter mal besser geht, gelegentlich auch mal am Nachmittag für eine Weile. Für ein Projekt braucht sie Wochen. Fing es mit der Verzierung eines Kerzenständers an, beklebt sie jetzt beispielsweise ein antikes Bügelbrett so, dass daraus eine Art Figur mit Gesicht und Körper entsteht.

Die Projekte werden von Radons zwar zunächst grob geplant, doch im Entstehungsprozess kommt es immer wieder dazu, dass etwas abgewandelt wird oder verändert werden muss. Jedes Kunstwerk bekommt auch einen Namen. Diese hängen manchmal mit der Farbe zusammen, manchmal damit, was während der Entstehungsphase mit den Sachen passiert. „Das hier ist ‚Der fliegende Holländer‘, weil immer wieder alle Sachen abgefallen, also abgeflogen, sind“, erklärte Radons den Namen eines Kerzenständers.

Das Bekleben des Schrotts ist für die Diepholzerin Entspannung und Selbstverwirklichung: „Das bin ich, das ist meine Lebenseinstellung.“ Denn Kunst hatte sie schon immer interessiert und vor allem Glitzer hat es ihr angetan.

Mittlerweile konnte die Diepholzerin wieder einige Freundinnen zurückgewinnen und diese schenken ihr nun immer wieder Gegenstände, die sie nicht mehr brauchen. Auch vom Sperrmüll bekommt Radons viel, denn Müll ist für sie nicht unbedingt Müll. Besonders Trichter, Siebe und Durchschläge verarbeitet sie gern in ihren Figuren.

Wenn Ingried Radons wieder ihre Zeit zur vollen Verfügung hat, würde sie sich nicht nur gern intensiver mit ihrem Hobby befassen, auch Kunstmärkte und -ausstellungen würde sie sich dann gerne ansehen und dort Kontakte und neue Freunde finden, mit denen sie sich austauschen kann. Aber auch in Diepholz sind ihr Besucher immer willkommen.

Mehr zum Thema:

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Team Trump: Das Kabinett des künftigen US-Präsidenten

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Grande Dame des Liberalismus: Hildegard Hamm-Brücher ist tot

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Weihnachtskonzert des Rotenburger Ratsgymnasiums

Verden: Tanz macht Schule 

Verden: Tanz macht Schule 

Meistgelesene Artikel

Aktion gegen Drogenhandel: Beschuldigte in Syke und Bassum 

Aktion gegen Drogenhandel: Beschuldigte in Syke und Bassum 

Schüler (15) von Hund gebissen - Halter flüchtig

Schüler (15) von Hund gebissen - Halter flüchtig

Weihnachstmärkte am 3. Advent 

Weihnachstmärkte am 3. Advent 

Auch Sitzen kann eine körperliche Belastung sein

Auch Sitzen kann eine körperliche Belastung sein

Kommentare