1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Diepholz

GFS: Ukrainer zuerst in die Willkommensklasse

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Eberhard Jansen

Kommentare

In der Willkommensklasse der GFS mit Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine: Schulleiter Lars Buse und die Schülern Vladimir Leonor (links) und Artjom Gurin, die ehrenamtlich übersetzen, sowie Koordinatorin Eva Schlarmann.
In der Willkommensklasse der GFS mit Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine: Schulleiter Lars Buse und die Schülern Vladimir Leonor (links) und Artjom Gurin, die ehrenamtlich übersetzen, sowie Koordinatorin Eva Schlarmann. © Jansen

Diepholz – Zwischen 10 und 17 Jahre alt und von unterschiedlichen Schulformen – aber nun in Diepholz in einer Klasse, denn die 27 Jungen und Mädchen haben ein gemeinsames Schicksal: Sie sind aus der von Russland überfallenen Ukraine geflüchtet. Im Diepholzer Gymnasium Graf-Friedrich-Schule (GFS) werden sie betreut und unterrichtet – mit viel Engagement und so gut es geht. Das Kernproblem ist die Sprache.

„In der Ukraine lernen die Schüler schon früh Englisch“, erklärt GFS-Leiter Lars Buse. Somit lernen sie neben kyrillischen Buchstaben der russischen beziehungsweise ukrainischen Sprache auch das westliche Alphabet. Das hilft zumindest etwas weiter.

In der Willkommensklasse der GFS gibt es für die jungen Ukrainer zunächst schwerpunktmäßig Deutschunterricht. Dabei helfen nicht nur Lehrer der GFS, die neben ihren Regelstunden noch freiwillig Unterricht in der neuen, zusätzlichen Klasse geben. Ein fünfköpfiges Team von GFS-Schülern mit russischem Hintergrund engagiert sich ehrenamtlich als Übersetzer.

Einer dieser Schüler-Paten ist Artjom Gurin. Er ist in Russland geboren und kam mit seinen Eltern als Spätaussiedler nach Diepholz. Seine Erfahrung mit den neuen GFS-Mitschülern aus der Ukraine: „Sie fühlen sich hier sicher und willkommen.“ Ein Ende des Krieges in ihrem Heimatland wünschten sich alle, die meisten wollten dann schnell wieder zurück, sagt Artjom. „Andere würden gern in Deutschland bleiben“, berichtet der 17-Jährige von seinen Gesprächen mit den ukrainischen Kindern und Jugendlichen.

Von den derzeit 27 Schülern in der GFS-Willkommensklasse leben nahezu alle in Diepholz. Sie stammen aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine, teilweise auch aus den sehr umkämpften. Die GFS hat zunächst alle in Diepholz untergebrachten Schüler aus der Ukraine ab einem bestimmten Alter aufgenommen. In etwa vier Wochen sollen sie auf die jeweils für sie geeignete Schulform verteilt werden.

Einer der Schüler ist ein elfjähriger, aufgeweckter Junge aus der Region Poltava Oblast. Nach der Flucht im Auto lebt er nun mit Eltern und Geschwistern in Diepholz. Sein Name soll nicht veröffentlicht werden. Während die meisten Männer die Ukraine nicht verlassen dürfen, ist sein Vater mitgekommen: Da er drei Kinder hat, sei er nicht wehrpflichtig. Was ist dem Elfjährigen in Diepholz besonders aufgefallen? Die Einfamilienhäuser! „Bei uns gibt es fast nur Hochhäuser“, sagt der Junge, der sich ein Ende des Krieges herbeisehnt und unbedingt schnell wieder nach Hause möchte. Er spricht Russisch. Ein paar Worte Deutsch hat er aber schon gelernt.

Online-Unterricht durch Lehrer in der Ukraine

Mit ihrer Heimat noch online verbunden – auch mit ihrer Schule: Die geflüchteten Jungen und Mädchen bekommen weiter Unterricht von Lehrern ihrer bisherigen Schulen in der Ukraine. Per Internet können sie ihre ukrainischen Lehrer und Mitschüler in Videokonferenzen sehen. Die Digitalisierung der Schulen in dem derzeit umkämpften Land ist weit fortgeschritten.

Den ukrainischen Schülern in der Willkommensklasse hat die Diepholzer Graf-Friedrich-Schule (GFS) iPads aus ihrem Bestand leihweise zur Verfügung gestellt. Mit den Geräten können die Jungen und Mächen nicht nur die Online-Angebote in der Ukraine nutzen, sondern auch schulische Unterrichts-Aktionen aus Deutschland. Dazu gehört ein Projekt, für das sich niedersächsische Gymnasien und Gesamtschulen vernetzt haben – darunter die GFS. Auf Initiative von Michael Loske, schulfachlicher Dezernent im Regionalen Landesamt für Schule und Bildung in Hannover, bieten sie Deutsch-Unterricht online an, um Personalkapazitäten gemeinsam zu nutzen. Die Projektleitung hat Dr. Matthias Akkermann, Schulleiter Gymnasium Stolzenau. Dieses Netzwerk von Schulen und seine Angebote für ukrainische Schüler soll laut Michael Loske weiter ausgebaut werden.

Persönliche Konflikte zwischen Menschen aus Russland und der Ukraine hat Übersetzer Artjom Gurin in Diepholz noch nicht erlebt. Im Gegenteil: Das Schüler-Team mit russischen Wurzeln, zu dem auch Vladimir Leonor aus Lemförde gehört, engagiert sich für die ukrainischen Mitschüler.

In der Ukrainer-Klasse der GFS sitzt auch Iryna. Sie ist keine Schülerin mehr, die 47-Jährige ist Lehrerin und kam mit ihrer Tochter und ihrem Sohn über Ungarn und Österreich nach Deutschland. Ihren Mann musste sie in ihrer umkämpfte Heimatstadt Charkiw zurücklassen. Er hilft dort im Zivilschutz. Täglich ist sie mit ihm per Handy in Kontakt. Ihre Eltern seien inzwischen auch aus der Millionenstadt geflohen.

Iryna ist Sportlehrerin, möchte den ukrainischen Schülern gern entsprechend Unterricht erteilen. Die Frage nach der Möglichkeit dazu, ist eine von vielen Dingen, die GFS-Leiter Lars Buse derzeit für die ukrainischen Flüchtlinge in der Schule klären muss – unterstützt von Koordinatorin Eva Schlarmann. Da geht es unter anderem um organisatorische und versicherungstechnische Fragen. Im Kollegium zeige sich dabei große Hilfsbereitschaft.

Drei Studentinnen, die als Flüchtlinge aus der Ukraine nach Diepholz gekommen sind, helfen ebenfalls im Unterricht der GFS-Willkommensklasse. Sie sind derzeit Praktikantinnen – unbezahlte. Auch GFS-Schulsozialarbeiter Mario Hinnenkamp sei eine große Hilfe.

Lars Buse beschreibt die aktuelle Situation an der Graf-Friedrich-Schule mit Blick auf die ukrainischen Flüchtlinge so: „Es läuft, so gut es laufen kann.“

Auch interessant

Kommentare