Was gefällt dir an dir selbst?

Selbstreflexion und Stärken fördern: Fachkräfte schließen Fortbildung zum Thema Videointeraktionstraining ab

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27 pädagogische Fachkräfte bekommen in Diepholz eine Urkunde, weil sie erfolgreich an einer zweieinhalbjährigen Weiterbildung zum Thema Ressourcenorientiertes Videointeraktionstraining teilgenommen haben.

Landkreis - In dem Video sitzen zwei Frauen an einem Schreibtisch und schauen auf einen Bildschirm. Was sie sich angucken, ist nicht zu erkennen. Die Jüngere von beiden wirkt angespannt, lacht immer wieder nervös. „Was gefiel dir an dir selbst?“, fragt sie die andere. Wieder unsicheres Lachen. Dann antwortet die junge Frau leise, dass sie es gut findet, dass die Kinder mitmachen. Wenige Minuten später wirkt sie entspannter, redet selbstbewusster mit ihrer älteren Kollegin.

Ressourcenorientiertes Videointeraktionstraining ist der komplizierte Fachbegriff für diese Methode der Selbstreflexion. 27 pädagogische Fachkräfte aus dem Landkreis Diepholz schlossen jetzt erfolgreich eine Weiterbildung in der Technik ab und wurden dafür im Diepholzer Kreishaus ausgezeichnet. Kurz gesagt geht es bei der Methode darum, Stärken zu fördern, indem sich die Beteiligten selbst im Video sehen und ihre Talente erkennen. Neue Technik wird so gezielt und bewusst in den Arbeitsalltag mit einbezogen.

Während im ersten Video eine junge, unsichere Erzieherin von einer erfahrenen Kollegin auf ihre Fähigkeiten hingewiesen wurde, gab es im zweiten Video bei der Abschlussveranstaltung eine andere Situation zu sehen. Der kleine Paul schaut ein Video von sich im Kita-Alltag mit den anderen Kindern an und beginnt zu strahlen, als die Erzieherin ihn fragt, was er gerade toll findet an dem, was er sieht. Sie weist ihn darauf hin, wie viel Spaß er dabei hat, mit den anderen Kindern zu spielen und wie gut er sich mit ihnen versteht. Auch Paul ist noch unsicher im Kindergarten-Alltag. Das Videointeraktionstraining soll ihm helfen, selbstsicherer zu werden und positives Verhalten zu reflektieren.

Videointeraktionstraining lässt sich weiterdenken

Dass sich das Modell noch weiterdenken lässt, zeigt eine weitere Videosequenz. Dort ist Pauls Vater zu sehen, der das Video guckt, in dem sich Paul das Video von sich anschaut. „Kinder auf diese Weise zu stärken in tollen Verhaltensformen, das ist ein toller Ansatz, das muss ich schon sagen“, zeigt sich Pauls Vater begeistert.

Auch im großen Sitzungssaal in Diepholz herrscht an diesem Nachmittag Begeisterung. Neben den Absolventinnen von Kindergärten und Sprachkitas strahlen vor allem zwei: Katja Fäth und Helga Reekers. Fäth hat als Landkreis-Mitarbeiterin in der Kindertagesbetreuung die zweieinhalbjährige Fortbildung organisiert, Reekers hat sie als Supervisorin und Ausbilderin umgesetzt. „Es ist mir eine Herzenssache, dieses gute Werkzeug in die Fläche zu bringen“, so Fäth. 

„Wir müssen bei den Ressourcen der Kinder ansetzen“

Reekers als Expertin im Bereich des sogenannten Video-Home-Trainings kommt ebenfalls aus dem Grinsen nicht mehr raus. Nicht zuletzt hat ihr ein Feedback-Bogen aus den Reihen der Teilnehmerinnen gezeigt: Diese fühlen sich nach dem Videointeraktionstraining in vielen Bereichen sicherer und wollen die Methode, wann immer es sich anbietet, in ihrem beruflichen Alltag einsetzen.

„Wir müssen bei den Ressourcen der Kinder ansetzen“, fasst Reekers die Hauptaussage der Fortbildung zusammen, „und zwar in einer aktivierenden Art und Weise.“ Als ein „richtig gutes Werkzeug“ wurde die Methodik auch von Fachdienstleiter Detlef Klusmeyer gelobt, der auch zu der Feierstunde erschienen war.

Die Urkunden wurden vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe) ausgestellt, das die Fortbildung unterstützt hatte. Zu der Verleihung war dessen neue Geschäftsführerin Dr. Bettina Lamm angereist. Auch sie war voll des Lobes für die Teilnehmerinnen, die sich jetzt Mentorinnen in der Videointeraktionsbegleitung (VIB) nennen dürfen. Lamm dankte ihnen dafür, dass sie sich die Zeit für die Fortbildung genommen haben, „in diesen Zeiten, wo das Kita-Feld sehr belastet ist“.

Videointeraktionstraining - befremdlich für Außenstehende

Ein Kommentar von Luka Spahr

Ich muss gestehen: Obwohl meine Eltern beruflich ebenfalls im sozialpädagogischen Bereich arbeiten, habe ich noch nie vorher von Videointeraktionsbegleitung (VIB) gehört. Vielleicht war ich auch deswegen in erster Linie irritiert, als ich die Videos gesehen habe. Mein erster Gedanke: Werden da gerade ernsthaft Kinder gefilmt, damit sie im Anschluss ihre soziale Leistung in der Gruppe bewerten können? 

Ins Bild unserer Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft würde es passen. Vielleicht sollte man auch noch den Puls der Kinder überwachen. „Hey Kevin, guck mal: Als du da mit dem Leon gespielt hast, da war dein Puls aber ganz schön hoch. Da musst du noch an dir arbeiten.“ 

Führt das nicht schlussendlich zu einem Verschwimmen der Grenze zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung? Verhält man sich nicht anders, wenn man sich immer nur von außen betrachtet, wenn man darüber nachdenkt, wie andere einen sehen, oder wenn man gar weiß, dass man gerade aufgenommen wird und sein Verhalten später analysieren soll? 

Bei dem Video der jungen Erzieherin dachte ich: Vielleicht war sie einfach deswegen so angespannt und hat so nervös gelacht, weil die ganze Situation komplett seltsam war. Ich selbst hätte vermutlich ganz ähnlich reagiert. Nach der Veranstaltung habe ich recherchiert. Schnell erfuhr ich dabei, dass das Video-Home-Training eine seit vielen Jahren bewährte Methodik ist und höchstens im Kita-Bereich noch als Neuheit gewertet werden kann. Tatsächlich helfe es vielen bei der Stärkung ihres Selbstbewusstseins und bei der Selbstreflexion, weil Bilder bei ihnen mehr Einfluss haben als Worte. 

Seitdem ich das weiß, versuche ich, die Vorteile in dieser Form der Videoanalyse zu sehen. Ich will zwar niemanden persönlich angreifen und bin kein Experte in dem Bereich, aber es fällt mir doch sehr schwer, das alles positiv zu sehen. Auch wenn ich oft genug Teil der Selbstoptimierungsgesellschaft bin, stehe ich ihr in vielen Punkten kritisch gegenüber. Dass Kinder jetzt schon eine Leistung und ein Soll erfüllen müssen, verstört mich. Haben sie nicht in der Vergangenheit auch ohne Videoauswertung ihren eigenen Weg zum Erwachsenwerden gefunden?

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