Frech und wach

„Die kleine Hexe“: Volles Haus in Diepholz

+
Die kleine Hexe hat den Oberrevierförster verhext: Er wollte kein Holz abgeben, jetzt trägt er es sogar „frei Haus“ zur armen alten Frau. Und die kleine Hexe gleich mit. Alles unter den wachen Augen von Rabe Abraxas.

Diepholz - Kann es gute Hexen geben? Für rund 1 000 Kinder hieß es am Dienstagmorgen im Diepholzer Theater: „Wir rücken mit Euch mal das Bild über Hexen zurecht.“ Dafür war zum wiederholten Male die Burghofbühne Dinslaken vom Kulturring Diepholz engagiert worden.

Das Bild der „bösen Hexe“ im grimmschen Sinn – wie bei Hänsel und Gretel – hatte als Vorlage bereits vor 60 Jahren der bekannte Kinderbuchautor Otfried Preußler konterkariert.

Und so zaubert sich mit gutem statt bösem Zauber „Die kleine Hexe“ seit sechs Dekaden durch die Kinderzimmer.

Das kam damals so: Preußler musste aus Angst seiner zwei Töchter vor bösen Hexen erklären, warum Hexen eigentlich immer das Attribut böse tragen. „Es gibt doch gar keine bösen Hexen“, behauptete er und stand damit in akutem Zugzwang, auf dem Papier eine „gute Hexe“ zu erschaffen – eine, die Gutes tut.

Burghofbühne über zwei Tage zu Gast

Die Burghofbühne Dinslaken schlug für zwei Tage „ihre Zelte“ in Diepholz auf, denn am Mittwoch spielt sie für Kinder ab neun Jahren einen weiteren, aber wesentlich jüngeren Klassiker der Kinderbuchliteratur: „Tintenherz“ von Cornelia Funke.

Wie überrascht die kleinen Gäste wohl waren, dass echte Schauspieler die Figuren aus dem Buch „Die kleine Hexe“ auf die Bühne holten? Beim Eintreten in den Saal erklang ein: „Den Film kenne ich!“

Für die Kinder aus Kindergärten und Grundschulen kam eine knallbunte Welt mit toller rockiger Musik von Markus Reyhani komponiert auf die Bretter. Eine kleine Hexe mit pinkfarbenem Besen, die gerne mal abrockt und singt, die frech und abenteuerlustig daherkommt.

Das tat auch die erste Generation von Preußler, aber eben in der Optik von 1957. Der Rebellionsgedanke jedoch blieb: Die kleine Hexe möchte mit ihren jungen 127 Hexenjahren dazugehören und auf der Walpurgisnacht mittanzen. Mit den schrillen Hexen der 2017er Jahre in futuristischen Kostümen, flippiger Sprache und rockig-punkiger Musik in Slow-Motion, die Besen schwingen. Wenn die Knusperhexe frivol bayrische Herzen trägt an Highheels und wie die Barbie zu Hause aussieht oder der Kittel der Kräuterhexe sich mit Giftsymbol ziert.

Rabe beobachtet seine Umwelt

Wer alles erdet, ist der Rabe Abraxas, wunderbar gespielt von Marie Förster. Sie ist quasi ein Rabe, denn sie hat gut beobachtet in der Rabenwelt, die Gestik, Mimik, Gang. Der Rabe ist dabei mehr als ein tierischer Freund: Er ist gewissermaßen ein Tutor für die kleine Hexe (Julia Sylvester), die im nächsten Jahr auf dem Blocksberg mittanzen darf, besteht sie die Prüfungen, die ihr die alten Hexen auftragen.

Und da sie eine gute Hexe werden soll bis dahin, tut sie ab nun nur Gutes mit Hilfe eines kleinen Zaubers hier und da.

Sie hilft einem alten Weib, Kinder ihren Schneemann retten vor der bösen Nachbarin und rettet des Ochsen Leben, der Gewinn beim Schützenfest sein soll. Übersetzt geht es um Arm und Reich, umstrittenen Fleischkonsum, um Boshaftigkeit und Gerechtigkeit.

Auch gute Hexen soll es geben

Otfried Preußler führt den Hexenbegriff ad absurdum, für ihn dürfen gute Hexen nichts Böses tun. Die Szenen, in die die kleine Hexe und ihr Rabe geraten, sind die Gutes-Tun-Beispiele. Und nebenbei lernt die kleine Hexe auch noch ihre Zaubersprüche wie von selbst in der Praxis, absolviert das „Praktikum“ zur Prüfung. Die besteht sie nicht. Aber nicht, weil sie nichts konnte, nein, sie wurde verpetzt von Hexe Rumpumpel. „Sie hat nur Gutes gehext“.

Aber die kleine Hexe ist schlauer als die alten: Sie zaubert mit ihrem neu erworbenen Wissen die Besen und Zauberbücher herbei und verbrennt sie auf dem Blocksberg. Ziel erreicht, Herr Preußler – die gute Hexe ist geboren.

Die Kinder in den beiden Vorstellungen tanzten aus dem Theater und hatten nach 70 Minuten bunt, musikalisch und modern viel gelernt. Fünf Sterne für fünf Gewerke: Inszenierung, Bühne, Kostüme Dramaturgie, Regieassistenz. Zwei im Sinn für Schauspiel und Musik. - sbb

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Nur für Erwachsene: Urlaub ohne Kinder ist kein Tabu mehr

Nur für Erwachsene: Urlaub ohne Kinder ist kein Tabu mehr

Skifahren in Neuengland: Kleine Berge, große Vielfalt

Skifahren in Neuengland: Kleine Berge, große Vielfalt

Einzelkritik: Nur Pavlenka in guter Form

Einzelkritik: Nur Pavlenka in guter Form

Adventsbasar Oberschule Dörverden

Adventsbasar Oberschule Dörverden

Meistgelesene Artikel

Raucher löst Feuerwehr-Einsatz in Bassum aus

Raucher löst Feuerwehr-Einsatz in Bassum aus

Rat Wagenfeld verabschiedet den Haushalt 2018

Rat Wagenfeld verabschiedet den Haushalt 2018

Begegnung statt „Brexit“

Begegnung statt „Brexit“

Eröffnungsfeier in der neuen Dekra-Station an der Dieselstraße

Eröffnungsfeier in der neuen Dekra-Station an der Dieselstraße

Kommentare