Routine in der Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung am Diepholzer Fliegerhorst

Mit Freude in den Deutsch-Kursus

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Treffpunkt, Betreuungsstelle und Speisesaal: Das Zelt der Flüchtlingseinrichtung am Diepholzer Fliegerhorst.

Diepholz - Von Eberhard Jansen. Nagham Aljerk hat klare Ziele: Sie will in Deutschland ihre Facharztausbildung absolvieren, wenn ihr Asylverfahren abgeschlossen ist, erzählt sie in perfektem Englisch. In Syrien hat die 24-Jährige ihr Medizinstudium abgeschlossen.

„Willkommen in Diepholz“: Rainer Scherer, Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung am Fliegerhorst Diepholz, und zwei der dort vorübergehend lebenden Flüchtlinge: Die junge Ärztin Nagham Aljerk und ihr Bruder Idleb aus Syrien.

Dann ist sie aus dem Bürgerkriegsland geflüchtet – mit ihren beiden Brüdern im überfüllten Boot über das Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland, von dort zu Fuß und mit Zügen über den Balkan und Österreich nach Deutschland. Hier kam sie in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Diepholz am Fliegerhorst. Dort ist fünf Wochen nach Aufnahme des Betriebes etwas Routine eingekehrt. Nagham Aljerk und ihre beiden 15 und 18 Jahre alten Brüder sind drei der 292 Menschen, die hier zurzeit nach langer, strapaziöser Flucht zur Ruhe kommen. Für 400 Flüchtlinge ist die Einrichtung des Landes Niedersachsen ausgelegt, für die ein Bereich mit vier Unterkunfts-Blocks vom Fliegerhorst abgetrennt wurde.

„Einige sind gegangen, weil sie lieber nach Schweden oder in andere Länder wollten“, erklärt Einrichtungsleiter Rainer Scherer, „wir sind ja kein Gefängnis.“ Scherer rechnet damit, dass schon bald wieder neue Flüchtlinge in die Diepholzer Einrichtung kommen, die die Malteser im Auftrag des Landes betreiben. Die meisten haben eine rund zehnstündige Fahrt von Passau hinter sich, wo sie die deutsche Grenze überschritten hatten.

Rainer Scherer ist schon lange ehrenamtlich bei den Maltesern. Er hat nach zwölf Jahren bei der Bundeswehr Management für soziale Einrichtungen studiert und bekam nun die Chance auf eine Anstellung – allerdings befristet, denn der Auftrag des Landes an die Malteser, die Diepholzer Erstaufnahmestelle zu betreiben, läuft zunächst bis Ende September 2016. „Wir gehen aber davon aus, dass er verlängert wird“, sagt der in Steinfeld wohnende Einrichtungsleiter.

Eine feste Anstellung haben durch die Flüchtlingseinrichtung auch vier Frauen bekommen, die die Malteser als Sozialarbeiterinnen beschäftigen. Sie kümmern sich um Probleme und Versorgung, sind ständige Ansprechpartnerinnen und organisieren auch Aktionen für Kinder. Ihr Arbeitsplatz ist das große Zelt auf dem benachbarten Gelände neben der DRK-Rettungswache. Dieses dient als Treffpunkt und Speisesaal. Zurzeit wird es mit Wandverstärkungen winterfest gemacht.

Für die Verpflegung der bis zu 400 Flüchtlinge haben die Malteser ein Catering-Unternehmen aus Vechta/Mühlen engagiert. Bei den Zutaten gehen die Köche auf die meist muslimischen Menschen ein. „Schweinefleisch geht gar nicht“, ist für Rainer Scherer klar. Aber an Kartoffeln sollen sich die aus dem arabischen Raum stammenden Menschen gewöhnen. Die Mittagsgerichte sind laut Speiseplan meist typisch deutsch. So gab es am Mittwoch Kohlrouladen, am Donnerstag Rinderbratwurst, gestern Tortellini in Sahnesoße. Manches ist sicherlich sehr ungewohnt für die Menschen aus anderen Kulturen.

„40 Prozent kommen aus Syrien, 30 Prozent aus Afghanistan, 18 Prozent aus dem Iran, eine kleine Gruppe aus Pakistan“, berichtet Einrichtungsleiter Rainer Scherer. 70 Prozent sind allein reisende Männer, 30 Prozent Familien.

Der jüngste Flüchtling in der Diepholzer Einrichtung ist drei Monate alt, der älteste ist eine 70 Jahre alte Frau aus Afghanistan.

Der 36-jährige Rainer Scherer hat für die Einrichtungs-Verwaltung sehr gute räumliche Voraussetzungen: Das benachbarte Bürogebäude des früheren Baustoffhandels konnte von den neuen Eigentümern angemietet werden. Dort haben auch die Mitarbeiter der Landesbehörde Räume, in denen sie die Flüchtlinge registrieren.

Anders, als manche Menschen erwartet hatten, gibt es keine Probleme mit der Flüchtlingseinrichtung. Die Polizei hat ihre zunächst verstärkten Streifen wieder auf das normale Maß zurückgefahren. Auch Stadtverwaltungs-Fachdienstleiter Florian Marré betont: „Es ist absolut ruhig.“ Die Flüchtlinge – vom Akademiker bis zum Analphabeten – sind in der Stadt freundliche Gäste. Und viele Diepholzer engagieren sich für sie mit tatkräftiger Hilfe und Spenden.

Die Flüchtlinge, die in den nächsten Monaten weiter in Kommunen verteilt werden, nutzen gern angebotene Möglichkeiten zur Integration. Einen am Mittwoch im nahen Soldatenheim „Haus Herrenweide“ gestarteten Deutsch-Kursus, den das Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen (BNVHS) anbietet, hat 80 Teilnehmer.

Mit gewissem Stolz trugen gestern einige Flüchtlinge ihr grünes Deutsch-Sprachbuch unter dem Arm. Ihre ersten neuen Sprachkenntnisse hatten sie sofort ausprobiert. Am Mittwochabend wurden die Betreuer von ihnen mit „Guten Abend. Ich heiße....“ lächelnd begrüßt.

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