Ehrenamtlich im Einsatz

Umgeben von Rauch: Wie ein Feuerwehrmann einen Hausbrand erlebt

Feuerwehrkräfte in Einsatz bei einem nächtlichen Hausbrand.
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Brand im Mehrfamilienhaus in Diepholz am Willenberg in der Nacht zu Dienstag: Die Bewohner konnten das Gebäude rechtzeitig verlassen.

Ehrenamtlich im Einsatz zu sein für die Feuerwehr ‒ das ist nicht selten wirklich angenehm, aber ungemein wichtig. Wie solch ein Einsatz abläuft, berichtet unser Autor Jannick Ripking.

Diepholz – Mitten in der Nacht reißt es mich aus dem Schlaf. Draußen heulen die Sirenen, keine zehn Sekunden später schrillen der digitale Meldeempfänger und die Alarm-App. Es brennt! Das schießt mir durch den Kopf. Du musst zum Einsatz.

Ich nehme Handy und Meldeempfänger in die Hand, um den unangenehmen Ton auszuschalten. „F 3, Wohnungsbrand, Willenberg 37“ steht um 3.41 Uhr in Stichworten auf dem viel zu hellen Display für meine noch verschlafenen Augen. Innerhalb eines Wimpernschlages bin ich wach, nachdem ich das gelesen habe, denn jetzt muss es schnell gehen.

Alarmierung

Ich habe keine Zeit zum Zähneputzen. Auch ein Blick in den Spiegel ist nicht drin. Ich schnappe mir die Jogginghose, die ich gestern Abend vorm Schlafengehen getragen habe, greife nach dem nächstbesten Pullover, ziehe ihn mir über, renne zur Haustür, schmeiße mir die Jacke über und schlüpfe mit den Füßen mehr schlecht als recht in die Schuhe. Vor anderthalb Minuten lag ich noch schlafend im Bett, jetzt stehe ich draußen in der Kälte. Mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, dass andere jetzt weiterschlafen dürfen. Ich setze mich ins Auto und fahre zum Feuerwehrgerätehaus.

Der Weg dorthin könnte für mich nicht bekannter sein, so oft bin ich ihn schon gefahren. Seit zehn Jahren bin ich in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv, habe Lehrgänge besucht und regelmäßig am Dienst teilgenommen, um im Ernstfall, wenn es brennt, helfen zu können. Davor war ich in der Jugendfeuerwehr. Im Alter von zehn Jahren bin ich eingetreten. Man könnte also sagen, dass ich mit der Feuerwehr groß geworden bin. Deswegen war es für mich irgendwie immer selbstverständlich, dass ich auf Einsätzen mitfahre. So auch in dieser Nacht.

Als ich am Haus der Feuerwehr in Heede ankomme, bin ich nicht der Erste. Das bin ich nie, irgendwer ist immer schneller. Zum Glück ist das kein Wettbewerb. Ich laufe zur Tür und zu den Umkleiden. Auf dem Weg zu meinem Spind komme ich an einigen Kameraden vorbei, die gerade dabei sind, sich umzuziehen. Wir begrüßen uns nicht, nicken uns maximal zu. Für eine herzliche Begrüßung ist keine Zeit – im Hinblick auf die Pandemie sogar von Vorteil.

Anfahrt

Besonders in den ersten Minuten nach der Alarmierung sind Hektik und Adrenalin am größten. Wir als Einsatzkräfte wissen dann oft noch nicht, wie schlimm die Situation wirklich ist, zu der wir gerufen wurden. Dieses Mal bin ich als Atemschutzgeräteträger vorgesehen, also als einer von denen, die notfalls in das brennende Haus rein müssen. Diese Zuteilung ergibt sich in der Regel fast automatisch und größtenteils über nonverbale Kommunikation. Die Entscheidung richtet sich nach den Fragen: Wer ist da? Wer ist entsprechend ausgebildet? Wie viele Plätze haben wir, und wie viele davon sind noch frei? Immer nach der Devise möglichst schnell loszukommen. Jeder von uns hat das verinnerlicht. Deswegen klappt das so gut.

Übungsdienst in Heede: Jannick Ripking mit Maske und Atemschutzgerät.

Ich steige ins Einsatzfahrzeug. Mit drei weiteren Kameraden muss ich mich für den sogenannten Innenangriff ausrüsten. Das bedeutet: Atemschutzmaske aufsetzen, Gerät schultern, Druck prüfen – alles während der Fahrt, denn im Idealfall ist man als Atemschutzgeräteträger einsatzbereit ausgerüstet, wenn man am Ort des Geschehens eintrifft.

Wie lange wir vom Feuerwehrhaus bis zum Willenberg brauchen, kann ich nicht sagen. Ich funktioniere in diesem Moment nämlich nur noch. Lang eingeübte Automatismen und Handgriffe steuern mich während der gesamten Fahrt. Ich bin wie im Tunnel.

Vorbereitung

Den ersten klaren Gedanken kann ich erst wieder fassen, als ich mit den anderen Atemschutzgeräteträgern an unserer Sammelstelle ankomme. Dort werden unsere Namen und die Nummern der Geräte, mit denen wir ausgestattet sind, aufgenommen, damit wir die Kameraden ablösen können, die schon im Einsatz sind. Der Inhalt einer Druckluftflasche ist nun einmal irgendwann „weggeatmet“. Bis dahin heißt es Warten und auf Abruf bereit sein. Zeit zum Durchatmen – körperlich, nicht geistig. Geistig sind wir immer auf der Höhe. Das müssen wir sein. Wir wissen nämlich nicht, wann wir an der Reihe sind. Das kann in fünf Minuten sein, aber auch erst in einer halben Stunde. Egal wann, wir müssen immer auf Betriebstemperatur sein.

Einsatz

Über Funk stehen Einsatzleiter, Gruppenführer und die Trupps der Diepholzer Feuerwehr in ständigem Austausch. Ein Trupp besteht immer aus zwei Personen – Truppführer und Truppmitglied. Auch ich bilde zusammen mit einem Kameraden aus meiner Ortsfeuerwehr einen Trupp. Die hierarchische Struktur im Einsatz ist gewollt und wichtig, damit Entscheidungen schnell und unkompliziert getroffen werden können.

Irgendwann bekommen wir beide dann die Anweisung, einen Trupp, der gerade im Einsatz ist, abzulösen. Der bis hier hin abgeflachte Adrenalinpegel steigt wieder, während wir auf dem Weg zum brennenden Gebäude sind. Dort angekommen erhalten wir letzte Instruktionen, bevor wir den Trupp im Haus ablösen, damit dieser sich erholen kann.

Im Obergeschoss war ein Einsatz nur mit Atemschutz möglich. Der Trupp wird zu den „Augen des Gruppenführers“.

Die großen Flammen, die zu Anfang durch das Dach schlugen, sind nicht mehr zu sehen, aber der Rauch ist immer noch da. Für uns gilt es jetzt, das Obergeschoss mithilfe einer Wärmebildkamera nach Hitzequellen und gefährlichen Glutnestern abzusuchen. Unmittelbar vor dem Gebäude schließen wir uns gegenseitig den sogenannten Lungenautomaten, der mit der Druckluftflasche auf unserem Rücken verbunden ist, an unsere Maske an. Ab diesem Zeitpunkt atmen wir keine Umgebungsluft mehr ein. Das schützt uns vor den giftigen Rauchgasen.

Als Atemschutztrupp im Gebäude sind wir die „Augen des Gruppenführers“, heißt es feuerwehrintern. Das bedeutet, dass wir über Funkgeräte in regelmäßigem Austausch mit ihm sein müssen, sobald wir das Haus betreten. Nur durch unsere Lagemeldungen kann der Gruppenführer weitere Entscheidungen treffen, um den Brandeinsatz möglichst erfolgreich zu beenden.

Als wir das Treppenhaus im Erdgeschoss betreten, ist unsere Sicht noch klar, aber je weiter wir nach oben gehen, desto stärker behindert der Rauch unsere Sicht. Im Obergeschoss beginnt dann unser Einsatz. Wir sind umgeben von Rauch. Die Wärmebildkamera zeigt uns, wo es noch heiß ist. Dort geben wir mit dem Strahlrohr gezielte Wasserstöße ab, um die Glutnester oder wieder aufkommende kleine Brände abzulöschen. Das geht so lange, bis die Luft in der Flasche zu neige geht. Je nach Art der Tätigkeit geht das mal schneller und mal langsamer. Dann bleibt uns als Trupp nichts anderes übrig, als das Gebäude zu verlassen. Und das tun wir auch. Ein anderer Trupp rückt nach.

Je nach Länge des Einsatzes kann es dann auch vorkommen, dass die Trupps sich neu ausrüsten und mehrmals ins Gebäude müssen. Sie rotieren sozusagen untereinander. An diesem Tag ist das zum Glück nicht der Fall, und nach einer Tätigkeit im Gebäude ist der Einsatz für uns beendet.

Nachbereitung

Ein beendeter Einsatz heißt allerdings nicht, dass die Feuerwehrleute direkt nach Hause und die Beine hochlegen können. Klischeehaft nach dem Motto „Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz“ muss das Fahrzeug direkt im Anschluss wieder einsatzbereit gemacht werden. Das heißt, wir prüfen, ob alle Materialien – Strahlrohre, Schläuche oder Pumpen, die im Einsatz waren – wieder auf dem Fahrzeug verlastet sind. Um theoretisch im Fall der Fälle direkt zum nächsten Einsatz ausrücken zu können.

Erst dann ist für uns wirklich Schluss. Aber Beine hochlegen kommt für die meisten trotzdem nicht infrage, weil die Arbeit ruft. Ob auf dem Bau, im Büro oder in der Redaktion, eines haben wir alle gemeinsam: Feuerwehr ist ein Ehrenamt, das wir in unserer Freizeit ausüben.

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