Fesseln für die Feuerwehr

Hilfsorganisation fragt: Wann dürfen Ehrenamtliche wieder trainieren?

Wann darf die Feuerwehr endlich wieder üben? Diese Frage stellen sich (v.l.) Landkreis-Fachdienstleiter Klaus Speckmann, Kreisfeuerwehr-Pressesprecher Matthias Thom und Kreisbrandmeister Michael Wessels. Foto: Jantje Ehlers

Große Enttäuschung bei der Kreisfeuerwehr Diepholz: Ihre rund 5.000 Einsatzkräfte dürfen weiterhin nicht bei ihren üblichen Monatsdiensten für den Ernstfall trainieren – und damit für möglicherweise lebensrettende Einsätze. „Die aktuellen Vorgaben „sind praktisch nicht umsetzbar“, sagt Kreisbrandmeister Michael Wessels. Und empfindet die Abstands-, Desinfektions- und Separationsvorschriften als Fesseln.

Landkreis Diepholz - Erst Freitagmittag ist aus dem niedersächsischen Innenministerium eine neue Verordnung eingetroffen. Mit so strengen Vorgaben, dass Feuerwehrkräfte weiterhin nicht Hand in Hand für das Verlegen einer Schlauchleitung oder den Umgang mit Schere und Spreizer, unverzichtbares Rettungsgerät bei schweren Unfällen, üben dürfen. Und das, obwohl Restaurants und Friseurbetriebe längst wieder geöffnet haben. Mehr noch: „Die Bundesliga darf spielen, aber die Feuerwehr darf nicht üben“, so Wessels – und beschreibt die Folgen in Coronazeiten so: „Wenn Bundesliga-Spieler sich gegenseitig infizieren, dann ist das traurig. Aber deswegen stirbt niemand.“ Doch bei Unglücksfällen Menschenleben zu retten, ist das oberste Ziel der freiwilligen Feuerwehren.

„Der Feuerwehr ist klar, dass wir in einer fragilen Lage leben“, weiß Michael Wessels um die nach wie vor bestehende Infektionsgefahr. „Dafür haben wir allergrößtes Verständnis.“ Aber dazu gehöre auch eine ganze Menge Selbstverpflichtung. Genau die verantwortungsvoll zu leben und eine effektive Lösung für Einsatzfähigkeit und Infektionsschutz zu finden, dafür hatte sich die Kreisfeuerwehr in den vergangenen Monaten in enger Abstimmung mit dem Landkreis-Fachdienst Bevölkerungsschutz eingesetzt.

„Wir haben eine zentrale Koordinierungsstelle gebildet“, berichtet der Kreisbrandmeister. Alle Fragen der Basis seien von dort in Rücksprache mit dem Fachdienst beantwortet worden. Wessels nennt ein Beispiel: „Wie gehen wir im Rahmen der Amtshilfe mit Patienten um, wenn wir eine Tür öffnen müssen? Dürfen wir das noch? Und wenn ja: Unter welchen Voraussetzungen?“ Kreisfeuerwehr und Fachdienst entwickelten in Zeiten fehlender Schutzausrüstungen praktikable Lösungen: Als Sonderregelung in Coronazeiten setzten sie flächendeckend auf Einsatzkräfte, die ohnehin über eine Ausrüstung für Gefahrguteinsätze verfügen: Genau die hat mindestens eine Ortswehr in den jeweils 15 Kommunen des Landkreises Diepholz.

In Video-Konferenzen klärten die Verantwortlichen elementare und immer wieder neue Herausforderungen. Und entwickelten außerdem eine Strategie für den schlimmsten Fall: „Für den Katastrophenfall hätten wir in den Feuerwehrtechnischen Zentralen in Barrien und Wehrbleck sofort Stabsstellen besetzen können“, berichtet der Kreisbrandmeister – und ist erleichtert: „Zum Glück ist es nicht so gekommen.“

Klaus Speckmann, Leiter des Landkreis-Fachdienstes Bevölkerungsschutz, kennt die Dynamik der Pandemie und der intensiven Bemühungen um den Infektionsschutz: „Alle paar Tage haben sich die Regelungen geändert.“ Erst am Montag war in der Kreisverwaltung der Entwurf des neuen Erlasses eingegangen – mit der Möglichkeit zur Stellungnahme bis Mittwochmorgen. „Basierend auf der Fachlichkeit der Feuerwehr haben wir Bedenken geäußert“, formuliert es der Fachdienstleiter. Denn: Die im Entwurf vorgesehenen Regelungen hätten bedeutet, dass die Kreisfeuerwehr bis zu 20 000 Atemschutzmasken der Kategorie FFP2 an ihre Einsatzkräfte hätten ausgeben müssen. Diese Schutzmaske hätte nach 75 Minuten umgehend gewechselt werden sollen. Vom Materialaufwand ganz zu schweigen: Für die Feuerwehr hätte diese Regelung durch Zeit- und Wechselvorgaben eine erhebliche Einschränkung ihrer Einsatzfähigkeit bedeutet.

Mundschutz ist bei Feuerwehr-Einsätzen in Coronazeiten ohnehin selbstverständlich. Das bleibt so. Aber die Kreisfeuerwehr ist froh, dass in der aktuellen Verordnung nicht die Maximal-Forderung gilt, sondern ein normaler Mundschutz – wie für den Friseurbesuch – reicht.

Für Maßnahmen zur Gefahrenabwehr und für die Lebensrettung gelten die Corona-Einschränkungen ohnehin nicht, erläutert Klaus Speckmann: „Eine Mund-zu-Mund-Beatmung ist zulässig.“

Dafür und mehr sollten Feuerwehrkräfte immer wieder üben. Denn ihr Einsatz ist freiwillig. Fatal: Seit Monaten liegt der Übungsdienst in den 112 Ortsfeuerwehren im Landkreis brach.

Rund 400 Atemschutzgeräteträger dürfen zurzeit nur ausnahmsweise ohne die jährlich fällige Belastungsprüfung im Einsatz sein – sofern der erforderliche Untersuchungstermin nicht länger als drei Monate überschritten wurde. Diese Regelung gilt bis zum 31. Juni. Danach müssen die Testate dringend nachgeholt werden. Die Kreisfeuerwehr muss das – zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben – irgendwie organisieren.

Kreisbrandmeister Michael Wessels: „Wir sind noch Lichtjahre vom Feuerwehralltag entfernt.“ Er wünscht sich dringend eine tragfähige Strategie für die Rückkehr dorthin – mit Begleitung durch das Gesundheitsamt. Im Sinne der Sicherheit.

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