Familienbetrieb mit Besonderheiten

Traditionsreiche Bäckerei Mester in Sankt Hülfe: 25 Jahre ohne Urlaub

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Das Team der Bäckerei Mester (von links): Ingo Mester, Alena Mester, Francesca Ligia-Schweers und Hakkar Bibi im Laden, dessen Einrichtung aus den 1980er Jahren stammt. Auch die Produkte des Sankt Hülfer Familienbetriebes sind traditionell.

Diepholz/Sankt Hülfe – Bäckermeister Ingo Mester mag die Sommerferien. Dann habe er in der Woche mehr Umsatz durch Kunden, die im Urlaub zu Hause sind. Der 54-Jährige selbst hat seit 1994 keinen Urlaub mehr gemacht. Das ist der Preis, selbstständig zu sein und einen kleinen Familienbetrieb zu leiten, der seine Besonderheiten und viele Stammkunden hat.

Besonders ist schon das Ladenlokal. Keramik-Hängelampen in Brauntönen und die sehr traditionelle Einrichtung stammen aus den 1980er Jahren, in denen Ingo Mesters Vater Wilhelm noch die Bäckerei an der Bremer Straße 67 in Sankt Hülfe leitete. Seit mehr als 40 Jahren wurde dort kaum etwas verändert. Und das macht den Charme des alten Familienbetriebes aus.

Ebenso traditionell wie die Ladeneinrichtung sind die Rezepte und Methoden, nach denen Ingo Mester und seine beiden Auszubildenden backen. Es ist noch Handwerk pur. Deshalb kann Ingo Mester einen Teig verwenden, der weicher ist als der, der für große Backstraßen geeignet ist. Zudem hält Mester seinen heizölbetriebenen Dampfbackofen immer bei einer Temperatur von 250 Grad. Mester backt „kurz und heiß“, weshalb seine Backwaren länger genießbar sind und nicht schon nach wenigen Stunden hart werden.

„Unser Hauptgeschäft sind die einfachen Brötchen“, erzählt Ingo Mester – die nach seinem traditionellen Rezept. Aber auch andere Brötchen- und Brotsorten entstehen in der kleinen Backstube. Und natürlich „Teilchen“ und Blechkuchen, die der Sankt Hülfer Bäcker auch an Gastronomiebetriebe liefert. Torten sind hingegen nicht sein Ding.

Die Bäckerei an der Bremer Straße in Sankt Hülfe um das Jahr 1920. in der Mitte: Fritz Mester und seine Frau. Im linken Teil des Gebäudes ist heute der Laden.

Hinter dem Verkaufstresen steht meistens Ingo Mesters Tochter Alena. Die 28-Jährige hat nach ihrem Abitur in Vechta Fremdsprachenkorrespondentin in Osnabrück gelernt und dann in Berlin Modemarketing studiert. Jetzt unterstützt sie ihren Vater im Familienbetrieb. Er finde kein Personal, sagt Ingo Mester – und ist deshalb froh, für den Verkauf noch Francesca Ligia-Schweers als Mitarbeiterin zu haben.

In der Backstube helfen ihm zwei Auszubildende. Einer ist Hakkar Bibi. Er hat bald seine Gesellenprüfung. Ob er im Betrieb bleibt, ist noch nicht klar. Seine Vorgänger haben sich nach Abschluss ihrer Ausbildung andere Berufstätigkeiten gesucht, meist in der Industrie. Möglicherweise war ihnen der Arbeitsalltag in einem kleinen Bäckerhandwerksbetrieb zu schwer.

Sieben Tage pro Woche arbeiten - das wäre zu viel

Ingo Mester arbeitet fast ständig – auch sonntags geht er in seine Backstube oder verrichtet die von ihm wenig geliebte Arbeit am Schreibtisch. Die Sonntagsöffnung von Bäckereien macht er nicht mit. Sieben Tage voll zu arbeiten, das wäre zu viel.

In der Woche beginnt der 54-Jährige morgens um 3.30 Uhr. Bis mittags wird zunächst gebacken, dann schläft Ingo Mester bis 18 Uhr, um dann abends Büroarbeiten zu erledigen und die Produktion des nächsten Tages vorzubereiten. Ins Bett geht es dann um 23 Uhr.

1991 hat Ingo Mester seine Meisterprüfung gemacht, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der die Bäckerei 1962 in dritter Generation übernommen hatte.

Die Ursprünge der Bäckerei Mester gehen auf das Jahr 1904 zurück. Damals kaufte Heinrich Mehrholz das Grundstück und richtete die Bäckerei ein. Eine seiner vier Töchter heiratete den Bäcker Fritz Mester. Dessen Sohn und Nachfolger Wilhelm Mester starb im Jahr 2003.

Auf treue Stammkundschaft ist Verlass

Ingo Mesters Geschäft basiert auf einer treuen Stammkundschaft, die insbesondere samstagmorgens im Laden Schlange stehen. Doch die Geschäftsentwicklung war nicht immer positiv. So habe es nach dem Bau der Diepholzer Umgehungsstraße, nach dem der Verkehr auf der B51 nicht mehr durch den Ort führte, einen Umsatzeinbruch von 20 Prozent gegeben. Lkw-Fahrer und andere Durchreisende fielen als Kunden weg.

Aber noch läuft das Geschäft und Mester kann sich durch seine handwerklich hergestellten Backwaren, die er auch über den Edeka-Markt in Drebber verkauft, gegenüber der großen Filial-Konkurrenz behaupten.

Auch als Mester krankheitsbedingt vor einigen Monaten für mehrere Wochen seine Bäckerei schließen musste, blieben ihm die Kunden treu und kamen danach wieder.

Ans Aufhören denkt der 54-Jährige noch nicht. Das würde vermutlich mangels Nachfolger auch das Ende des kleinen Sankt Hülfer Familienbetriebes bedeuten.

Aber Ingo Mester will ab nächstem Jahr für mehrere Wochen Betriebsferien machen. Urlaub, den er bislang in den 25 Jahren seiner Selbstständigkeit nicht kannte.

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