Ilan Stephani bricht Tabu

Erfahrungen als Prostituierte: Ehemalige GFS-Schülerin schreibt viel diskutiertes Buch

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Die ehemalige Diepholzer GFS-Schülerin Ilan Stephani hat zwei Jahre lang in einem Berliner Bordell gearbeitet und ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. 

Diepholz - Von Reinald Schröder. Tod und Sterben seien die letzten Tabus unserer Zeit, heißt es häufig. Aber über kein Thema wird zurzeit mehr geredet oder geschrieben als über eben dieses – außer vielleicht über Sexualität. Ein wirkliches Tabu dagegen ist das Thema Tausch von Geld gegen Sexualität – also Prostitution.

Die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass bis zu 1,2 Millionen Männer diese Dienstleistung wahrnehmen – und zwar täglich! Aber die wenigsten geben es zu. Dieses Tabu gebrochen zu haben, ist das Verdienst der 31-jährigen Wahlberlinerin und ehemaligen Schülerin des Diepholzer Gymnasiums Graf-Friedrich-Schule (GFS), Ilan Stephani. Sie hat ein Buch über ihre Arbeit in einem Berliner Bordell veröffentlicht.

In ganz Deutschland wird ihr Buch mit dem Titel „Lieb und teuer. Was ich im Puff über das Leben gelernt habe“ diskutiert.

Der Tabubruch wirkt umso stärker, als sie das Buch nicht nur unter ihrem richtigen Namen veröffentlicht hat, sondern sich auf dem Umschlag, von dem sie etwas verloren und suchend an dem Betrachter vorbeiblickt, abbilden ließ.

Die Autorin auf dem Umschlag ihres Buches.

Um es allerdings gleich vorweg zu sagen: Wer nun prickelnde erotische Details erwartet, wird enttäuscht werden, denn darum geht es der Autorin nicht. Zuerst berichtet die frühere GFS-Schülerin, wie sie als frischgebackene Einser-Abiturientin (das verriet sie im Interview mit der Süddeutschen Zeitung) in ein kleines Berliner Bordell geriet. „Schuld“ daran war ausgerechnet Alice Schwarzer, die bei ihrer feministischen Lehrerin an der Diepholzer Graf-Friedrich-Schule auf dem Lehrplan stand. Hier hörte sie zum ersten Mal von Hydra, der Organisation, die sich um die Rechte von Prostituierten kümmert. Neugierig geworden, ging die angehende Studentin in Berlin zu einem Prostituierten-Stammtisch eben dieser Organisation, weil sie die verruchten Damen einmal selber kennenlernen wollte.

Es war ein großer Schock für Ilan Stephani, als sie erotisch aufgedonnert dort erschien und nur ganz normale, biedere Frauen traf. Auf ihre Frage: „Ist denn heute keine Prostituierte gekommen?“, erhielt die heute 31-Jährige die Antwort: „Außer dir sind alle anderen Prostituierte.“

Zwei Jahre lang ging die frühere Diepholzer Gymnasiastin „anschaffen“

Nun wollte sie es genauer wissen und ließ sich von Hydra ein Etablissement empfehlen, in dem sie ein „Praktikum“ absolvieren konnte. Aufgeregt stellte sie sich dort vor und konnte auch sogleich beginnen. Zwei Jahre lang ging die frühere Diepholzer Gymnasiastin nun zwei- bis dreimal die Woche während ihres Studiums der Philosophie und Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität „anschaffen“ und wurde wieder enttäuscht. Es arbeiteten auch dort ganz normale Frauen – zum Beispiel eine Architekturstudentin, eine Reisekauffrau oder eine Rettungssanitäterin; alles „fantastische Frauen“, die „zu kennen“, der Autorin „eine Ehre“ sei, wie sie in der Danksagung schreibt.

Und auch die Männer: Statt dort auf Vertreter zu treffen, die alle Hemmungen fallen lassen, nachdem sie die Schwelle zum Puff überschritten hatten und bei ihr für einen permanenten „Nervenkitzel“ sorgten, traf sie dort (mit einer schrecklichen Ausnahme allerdings) auf nette, freundliche Männer jeden Alters und aus allen sozialen Schichten, die dankbar für ihre Dienste waren und sich vor allem freuten, wenn sie als Menschen gesehen und Paula (so Ilan Stephanis Name bei der Arbeit) es auch genoss.

Aber obwohl Paula „eine freiwillige, selbstbestimmte und glückliche Hure war“, „lehnte ich eigentlich, innerlich, die Prostitution ab.“ Denn mit der Zeit entstünden Verletzungen und Traumata, die sie erst durch Tantramassagen und in einer neuen Partnerschaft durch langwierige Körperarbeit ablegen musste, bevor sie als Körpertherapeutin tätig werden konnte (www.kalis-kuss.de).

Gekaufte Sexualität unterscheidet sich oft nicht von „normalem Verkehr“

Natürlich lehnt Ilan Stephani Zwangsprostitution, Zuhälter, Gewalt und Ausbeutung vehement ab und weist auch darauf hin, dass dies in großen Teilen dieses Gewerbes grassiere. Aber sie sei niemals auf diese Phänomene gestoßen, ebensowenig wie auf drogenabhängige Frauen.

Worauf die 31-Jährige nun aber gestoßen ist, war die Erfahrung, dass die Männer sich gar nicht anders verhalten als im wirklichen Leben, dass also die gekaufte Sexualität sich gar nicht unterscheidet von dem „normalen Verkehr“ der Geschlechter, der übrigens – wie sie zutreffend bemerkt – auch nicht immer ohne materielle Gegenleistung geschieht.

Für die Autorin „schreibt die Sehnsucht der Männer nach der sexuell glücklichen Frau die gesamte Geschichte der Prostitution.“ Wenn diese Sehnsucht im normalen Leben erfüllt werden würde, dann würde auch die Prostitution verschwinden, so ihre Hoffnung. Dies ist nun allerdings „das Einfache, das schwer zu machen ist“ (Bertold Brecht im „Lob des Kommunismus“).

Ilan Stephani: Lieb und teuer. Was ich im Puff über das Leben gelernt habe. Salzburg, München: Ecowin 2017, 264 Seiten, Hardcover, 20 Euro.

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